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Exkursion zu den Solowezkischen Inseln
Tagebuch
von Karl-Konrad Tschäpe
Donnerstag, 02.08.2001
Wenn
man, wie wir, mit russischen Luftfahrtgesellschaften nach
Russland fliegt, dann überschreitet man die kulturelle
Grenze zwischen West und Ost mit der Schwelle des Flugzeugs.
Gegen diese Theorie spricht, dass sich eigentlich schon vor
den Check-In-Terminals die Schlangen einerseits in wasserfest
und dschungeltauglich gekleidete, sich mit Taschen und Rucksäcken,
deren Reisverschlüsse kurz vor dem Platzen stehen abmühende,
ernstschauende Fernreisende und andererseits in Bermuda-Shorts
gedresste, goldgeschmückte, kuscheltierbehängte
Urlaubstouristen trennen. Aber das ist nur Selektion. Der
Rahmen ist noch für alle derselbe. Aber sobald man die
Schwelle des Flugzeugs überschritten hat, gibt es kein
Zurück. Man ist eigentlich schon angekommen.
In unserem Falle erinnerte uns der strenge Uringeruch, der
sich schon Meter vor der eigentlichen Flugzeugschwelle unmissverständlich
andeutete daran, dass hier kein Zweifel möglich war:
die Kultur- und Zivilisationsschwelle war übertreten.
Aber vielleicht war es ja auch nur Zufall, dass wir ein besonders
schäbiges Flugzeug erwischten, in dessen Sitzen man möglichst
ruhig sitzen musste - und sie um Himmelswillen nicht verstellen
durfte - denn an der Rückseite des Sessels war das Tischchen
für das Essen befestigt, das auf die kleinste Bewegung
reagierte und bei jedem Ruck den Hintermann in die Gefahr
brachte, ihm das Essen auf den Schoß zu schütten.
Abgesehen davon war das Äußere der Sitze nahe dem
Unappetitlichen. Monitore, welche die aktuellen Fluginformationen
an die Passagiere weitergaben, Fernsehunterhaltung oder wenigstens
Musik aus der Armlehne fehlten. Der Blick aus dem Fenster
stimmte auch nicht eben sorglos: auf der Tragfläche waren
bedenklich große braune Flecken zu sehen; wie sich bei
der Landung herausstellte, verursacht von auslaufendem Kerosin.
Doch nun reicht' s! Eigentlich war hier nichts ungewöhnlicher,
als eine Reise nach Russland eben ist. Mein Fensterplatz hatte
durchaus Vorzüge; das Wetter war herrlich und so sah
ich schnell den Müggelsee unter uns liegen, die Oder
war bald überquert und nun nahmen meine geographischen
Kenntnisse auch schon rapide ab. Deutlich war der rechts-
und linksodrische Unterschied zwischen der jeweiligen Feldbebauung
zu sehen: große Felder auf der deutschen, kleine bunte
Patchworkfelder auf der polnischen Seite. Wir überflogen
die faszinierende Ostseeküste des Baltikums mit ihren
Nehrungen, Buchten und Haffs. Dann dicke Wolken, welche das
Flugzeug durchstieß und in schwindelerregenden Kurven
senkte sich unsere Maschine gen Petersburg.
Passkontrolle und Gepäckrückgabe gingen relativ
schnell vonstatten. Kaum hatten wir den Fuß auf russische
Erde gesetzt, wurde ein russischer Kleinbus mit uns selbst
und unserem Gepäck vollgestopft. Und nun war es nicht
der typische Dieselgeruch, der mir diesmal zuerst in die Nase
stieg - die vielleicht auch noch von dem Flugabenteuer betäubt
war - diesmal waren die ersten Fremd-Eindrücke visuelle:
Trümmerlandschaften, zerbröckelte und eingefallene
Betonmauern mit den typisch russischen Mustern. Halbfertige
Häuser schienen Bauschuttfeldern entwachsen zu sein.
Unkraut, Schlaglöcher, wild wachsende Bäume. Herr
Schlögel erzählte von einem nicht weit entfernten
Hügel, von dem die Wehrmacht die Stadt eingesehen und
beschossen habe - das war enorm, doch passte irgendwie zu
dem, was ich aus dem Fenster zu Gesicht bekam. Nicht nur die
Trümmer: nun fuhren wir im Kreis an einem eindrucksvoll
inszenierten Weltkriegsdenkmal vorbei. Wenig später tauchten
die ersten Stalinbauten auf, die Häuser wurden immer
älter, die Fontanka wurde überquert. Der Verkehr
wurde zähflüssiger. Dann standen wir, nicht weit
vom Heumarkt, vor unserem Hotel (es hieß noch Gostiniza",
nicht Otel", war aber für russische Verhältnisse
absolut passabel).
Nach einem kurzen Aufenthalt im Hotel begaben wir uns in die
"Uliza Rubinsteyna" in das Büro von Memorial.
Der Weg dorthin, Petersburg überhaupt, machte mir Spaß.
Ich spürte wieder den mir bekannten Abgasgeruch (und
bekam bald zuviel davon), die alten verstaubten Fassaden erstrahlten
im gleißenden Sonnenlicht. Die Fontanka spiegelte es
und brach es in tausend Facetten. Frisch beschwingt war der
Weg, voller Neugier auf das Kommende und uns Umgebende.
Die "Uliza Rubinsteyna" war erreicht. Das Büro
von Memorial befindet sich in einem großen beeindruckenden
Gründerjahrehof, etwas schmuddelig. Es riecht nach Urin,
Katzen und Essen. Ganz hinten links eine Rarität, eine
alte Schwingtür, der Eingang. Ein rostiger, dreckverschmierter
Lift lässt das durch blinde Fensterscheiben graue Tageslicht
durch seine schmutzigen Gitter. Eine grelle Klingel und wir
sind in einem kleinen Büro (später bemerke ich,
dass es durchaus nicht so klein ist) und einem professionell
designten Museum in zwei Räumen. Eine Ausstellung zum
Thema Totalitarismus im Deutschland und Russland des XX. Jahrhunderts.
Für die Ausstellung habe ich jetzt aber wenig Zeit, denn
Herr Venjamin Viktorowitsch Iofe erzählt uns über
die Arbeit von Memorial. Diese wird hauptsächlich von
freiwilligen Mitarbeitern bewältigt. Sie besteht in der
Leistung humanitärer Hilfe an die Opfer der Repressionen,
Engagement für die Menschenrechte und der Forschungs-
und Archivarbeit. Außerdem sorge Memorial dafür,
dass an den Stellen der Repressionen Denkmäler aufgestellt
bzw. Museen eingerichtet werden. Er erzählt dann noch
von den Solowezkischen Inseln, aber was er erzählt, haben
wir schon selbst bei Solschenizyn gelesen.
Eine danach geplante Stadtrundfahrt auf den Kanälen von
St. Petersburg fällt wegen Hochwasser aus. Das erfahren
wir allerdings erst, nachdem wir schon eine halbe Stunde vergebens
gewartet haben. Herr Schlögel führt spontan durch
die Stadt: er zeigt die größten Sehenswürdigkeiten
der Umgebung: Newskij-Prospekt, das Narrenschiff",
das Generalstabsgebäude, den Platz vor dem Winterpalais,
Newaufer, Eherner Reiter und die Isaaks-Kathedrale. Die Zeit
vergeht schnell und auf einmal ist es verblüffend spät,
nach dem doch die Sonne gerade erst in einem dramatischen
Farbenschauspiel über der "Kunstkamera" untergegangen
ist.
Freitag, 03.08.01
Die
Nacht ist schnell und gut verbracht. Nach dem Frühstück
laufen wir in das Büro von Memorial. Bevor uns Herr Iofe
dort einen Vortrag hält, erzählt er, er habe eben
gerade mit den Solowezkischen-Inseln telephoniert. Die Insel
solle den Status eines heiligen Gebietes erhalten, was bedeute,
dass dieses wohl die letzte Exkursion dorthin sei. Wir sind
bestürzt.
Es folgt ein anekdotischer Vortrag von Herrn Iofe mit wirklich
irrsinnigen Lebensbeschreibungen verschiedener Gulag-Opfer.
Sinn der Beschäftigung mit der Gulag-Vergangenheit und
der NS-Geschichte in Deutschland sei es, den nun im XXI. Jh.
Lebenden den Sinn, die Moral des XX. Jh. zu erklären,
Lehren aus der Geschichte zu ziehen. Man müsse sich bewusst
sein, dass es auch heute noch, im XXI. Jh., Konzentrationslager
in Russland gebe, was eben für die Zukunft nicht besonders
vielversprechend sei. Gleiches gelte auch für die Verbrechen,
die in Tschetschenien geschähen. Zwischen deutscher und
russischer Geschichte gebe es viele Gemeinsamkeiten, z.B.
habe es auch in Deutschland Vorzeige-Konzentrationslager wie
Dachau gegeben bzw. wie Solowki für Russland. Konzentrationslager
mit Demonstrations- und Abschreckungscharakter, über
welche die jeweilige Bevölkerung durchaus gewusst habe.
Herr Iofe erzählt gerne, was andere nicht wahrhaben wollen
(und hat deswegen wohl mit vielen Menschen seine Schwierigkeiten):
so z.B. wolle der Direktor des Ostsee-Weißmeerkanals
nichts von den Opfern, die für dieses Bauwerk gestorben
sind, hören (Felix erzählt mir später im Zug,
dass im Gegensatz zum Direktor die einfachen Kanalarbeiter
äußerst auskunftsbereit seien und über die
grausame Baugeschichte des Kanals bestens bescheid wüssten).
Memorial beschmutze das Andenken an die technische Meisterleistung
und die Errungenschaften der Ingenieure, so der Standpunkt
des Direktors. Überhaupt, so Herr Iofe, sei die Geschichte
des Kanals falsch dargestellt. Denn durch die Forderung der
GPU wurde der Kanal zwar billig und in Rekordzeit gebaut:
als Baumaterial wurde aber nur Holz verwendet und so wurden
in der Folgezeit ständige Ausbesserungen nötig.
Erst in diesem Jahr sei die letzte Holzschleuse durch eine
aus Beton ausgewechselt worden - der Kanal werde also in gewisser
Weise erst in diesem Jahr fertig. Die einzigen Eisenteile
bei dem Bau des Kanals seien übrigens Schubkarrenräder
gewesen - stolz präsentiert sie Iofe in seiner Ausstellung.
Na, und die Stemmeisen zum Steinebrechen sind aus Eisen und
von beträchtlichem Gewicht.
Er fordert, die westliche Welt solle sich die russische Entsprechung
von Auschwitz in ihre Karten eintragen: Kolyma. Das Todeslager,
das Menschen auspresste, um Gold zu Tage zu fördern.
Auch nicht gerne erwähnt wird bei Stadtführungen
durch Petersburg z.B., dass auf der Peter-Pauls-Festung bis
1924 politische Gefangene gehalten wurden. Auch ist die Festung
entgegen der Darstellungen der Stadtführer sehr wohl
einmal erobert worden: von den Bolschewiki, als die Matrosen
dort den Aufstand übten und nach der Belagerung vom Hunger
zum Aufgeben gezwungen wurden (Bogdanow nimmt die Kapitulation
entgegen. Fast den ganzen Rest seines Lebens wird er hinter
Gittern verbringen. Kurz vor seinem Tod verkündigt er
1957 Das Experiment ist zu Ende. Es wird Zeit, vor dem
Kapitalismus auf die Knie zu fallen.'")
Der zweite Vortrag war weniger spannend: ein Herr Machinskij,
ein Spezialist für russische Frühgeschichte aus
der Eremitage berichtete über sein Fachgebiet. Eine heikle
Sache, wie ich aus der Lektüre vieler moderner pseudowissenschaftlicher
Bücher zu diesem Thema wusste und entsprechend gespannt
war. Es wird dann auch gleich ein großer Bogen geschlagen,
zu den ersten Menschen, die um 3000 vor unserer Ära"
die Solowetzkischen Inseln besiedelten. Ich muss an Gottfried
Benns Gedicht Petersburg - Mitte des Jahrhunderts"
denken.
...
Erster Teil:
Vom
Gorilla bis zur Vernichtung Gottes',
zweiter
Teil:
Von
der Vernichtung Gottes bis zur Verwandlung des physischen
Menschen'..."
Und
so hören wir, die ersten Einwohner der Inseln seien Riesen
gewesen, mit den Yetis verwandt, die dann von bösen Wikinger
- Kaufleuten ausgerottet worden wären. (Na klar: alles
Böse kommt aus dem Westen!) Einzelne dieser Yetis würden
auch noch leben, er könne das auch beweisen, aber es
wäre hier nicht der Ort und die Zeit dazu. Protest regt
sich. Verwirrung. Ärger. Jemand lacht. Das sei nichts
für westliche Positivisten kommt der Referent in Fahrt.
Als Herr Machinskij nun arabische Quellen zitiert, meldet
sich Herr Rittersporn. Er kenne die Quellen, auf die sich
der Referent beziehe: tatsächlich beschrieben sie merkwürdige
Pelzmenschen, die im Norden lebten. Nur sei sich die Wissenschaft
inzwischen einig, dass es sich hier um Bären handele,
den Arabern unbekannte Wesen.
Die
Verwirrung will auch nach den Referaten nicht aus unseren
Köpfen. Ein paar hektische Einkäufe werden erledigt,
zur Selbstverpflegung der Gruppe auf der Insel: wissen wir
doch nicht, was es dort tatsächlich zu welchen Preisen
zu kaufen gibt. So werden harte Wurst, Käse und chinesische
Tütensuppen eingekauft. Eine Delegation von Memorial
aus der Ukraine taucht auf. Photos werden rumgereicht, man
macht sich bekannt. Es sind Leute, die sich an etlichen Expeditionen
zu den Überresten von alten Lagern beteiligt haben. Ich
sehe Photos von verfallenen Blockhäusern im Urwald und
Sumpf. Dann präsentiert mir der eine Ukrainer eine Broschüre
von einem Lager, in dem er selbst gesessen hat und erzählt
mir von seinen Mithäftlingen, die dort noch unter Gorbatschow
ums Leben gebracht worden seien.
Nach dem Abendbrot (solche Übergänge fallen nicht
nur in Textform schwer, ich werde mich die ganze Reise über
nicht daran gewöhnen) eilen wir durch dunkle Straßen
und Höfe zum Bahnhof und in den Zug. Es geht weiter nach
Medwezhegorsk.
Sonnabend, 04.08.2001
Als
ich morgens aufwachte und aus dem Zugfenster blickte, entdeckte
ich nur Wald. Bald kamen wir nach Medwezhegorsk. Ein Märchenbahnhof,
eine Art russische Villa Kunterbunt aus grünen Holzplanken
und mit einem russisch-neogotischen Turm machte neugierig
auf den Ort. An den Planken rosteten Metallplakate, die davor
warnten, dass hastiges Überqueren der Gleise lebensgefährlich
sei. Tatsächlich hatten wir es allen nachgemacht und
zum Überqueren keinesfalls die große Betonbrücke
benutzt, welche die Bahnsteige verband.
Hinter dem Bahnhof ging es allerdings recht trostlos weiter.
Unverputzte Chruschtschowkas, ein halbverwahrloster "Park
Pobedi"/ Siegespark. Betonwege, die so schmal waren,
dass es den Entgegenkommenden schwer wurde an unseren isomattenbepackten,
schweren Rucksäcken vorbeizukommen. Wir überquerten
eine Betonbrücke, deren Geländer man nicht zu nahe
kommen durfte, um nicht an dem bröckelnden Rand auszurutschen
und in den rostigroten Fluss zu fallen, in dem halbtote Wasserpflanzen
den Kampf mit der Strömung aufgegeben zu haben schienen.
Schließlich unser für Sowjetverhältnisse sicher
einmal schickes Hotel, "Gostiniza «Onezhskaja»",
dessen Fassade ein avantgardistisches Zierelement vorzuweisen
hatte, das an drei steilaufwärtsragende Fahnenmasten
erinnerte, aber bei näherem Hinsehen lustlos schief gemauert
war, Stein genau auf Stein versteht sich, und an Sträflingsarbeit
erinnerte. Aber vielleicht ist das auch übertriebene
Spökenkickerei.
Das Entrée des Hotels war dunkel, nur einige der Neonlampen
funktionierten auch, was dem Ganzen einen desolaten Eindruck
verlieh. Offensichtlich lag aber der Hoteldirektion daran,
das wir uns dieses Entrée genau ansahen, denn es verging
bestimmt eine dreiviertel Stunde, bis wir auf die Zimmer konnten.
So starrten wir auf kahle Wände, Brandschutzinformationen,
direkt neben der Rezeption, die sich hinter Glasscheiben befand
und an Postschalter erinnerte, eine imposante Intarsienarbeit,
die sich über die ganze Wand erstreckte und die russische
Märchenwelt zitierte; allerdings wirkten die Feen etwas
zu heroisch. Ich nutzte die Zeit, um mit der Toilette des
Hotelrestaurants Bekanntschaft zu machen. Gleich neben der
Eingangstür ein Waschbecken mit ungeheuren Resten von
Erbrochenem mit der Konsistenz von Kartoffelpüree mit
Speck. Dann ging es durch Pfützen unklarer Herkunft in
den eigentlichen Abort. Direkt neben dem Becken - ein Scheißhaufen,
der sich als Leckerbissen für alle möglichen Käfer
und Insekten erwies. Ich war gerade dabei, meine Eindrücke
an Kommilitonen zu vermitteln, von denen ich wusste, dass
sie für so was ein offenes Ohr haben würden, als
wir von einer burschikosen Frau angesprochen wurden, Erika
Wolf, Professorin für Kunstgeschichte an einer amerikanischen
Universität. Wie sich herausstellte war sie gerade dabei,
ein Buch über den russischen Avantgardephotographen Rodchenko
zu verfassen, der auch den Bau des Ostsee-Weißmeer-Kanals
dokumentiert hatte.
Wenig später betraten wir unser Zimmer, das erstaunlicherweise
überaus anständig war. Der Blick aus dem Fenster
ging ins Grüne, das Zimmer war hell und beim ersten Hinsehen
sauber...
Wir nahmen unser Essen im Hotelrestaurant ein, einfache russische
Küche in mehreren Gängen und für meinen Geschmack
durchaus akzeptabel. Und das russische Brot ist einfach immer
eine Köstlichkeit! Es entschädigt einen für
so manche Unannehmlichkeit und Unappetitlichkeit, die man
im Lande ertragen muss. Es folgte ein Spaziergang durch die
Stadt. Viel hatte die Stadt nicht zu bieten; immerhin ein
architektonisch interessantes Gebäude im neodorischen
Stil" mit einem markanten viereckigen Turm, der in einer
Art giebellosen griechischen Tempel mündete, dessen Säulenzwischenräume
verglast waren - früher diente es als Hotel für
die Kanalbauspezialisten. Das Haus war zwar noch belebt, es
beherbergte etliche Geschäfte, doch schien es dringend
renovierungsbedürftig zu sein.
Daneben ein unscheinbares Gebäude, in dem sich die Planungskommission
für den Kanalbau versammelte. Über dem Eingang dem
Eingang ein Orden in alter Ausführung - irgendeine Seltenheit,
wie uns Herr Iofe, der durch die Stadt führte, versicherte.
In Richtung Bahnhof gelegen, auf dem Gelände eines Sportplatzes
- der Standort eines ehemaligen zum Weißmeerkanal gehörenden
Lagers. Am Rand des Sportplatzes stehen friedlich Birken.
Im Hintergrund erheben sich bewaldete Hügel. Leute sitzen
gelangweilt auf der Straße und beobachten uns. Die Sonne
scheint. Nichts erinnert noch an das alte Lager, allenfalls
die Umzäunung des Sportplatzes.
Weiter geht's zum Hafen. Der Eingang ist verschlossen aber
wir schlängeln uns zwischen Torpfosten und Zaun hindurch.
Das wir das selbstverständlich tun, gefällt mir
- Freiheit auf Russisch. Der Hafen ist in einem traurigen
Zustand. Riesen TAKRAF-Kräne rosten vor sich hin. Überall
liegt verrosteter Schrott. Baracken faulen. Dem Hafen benachbart,
ein verwilderter Strand. Halb im Wasser ein geheimnisvoll
rauchendes, halbversunkenes Schiff. Und im Kontrast dazu die
wunderbare Aussicht auf den im Sonnenlicht glitzernden Onegasee
mit seinen grün und blau schimmernden bewaldeten Ufern.
Mit bloßem Auge geht der See an einigen Stellen direkt
in den Himmel über. Eine frische angenehm riechende Briese
umgibt uns. Wir wollen uns eigentlich nur sonnen, in die glasklaren
Wasser springen. Selbst der Schrotthafen ist auf einmal wie
verwandelt, ist plötzlich nur noch Kontrastmittel und
Kulisse zu dieser wunderbaren Natur.
Nach dem Abendessen gehen wir noch mal zu dem See zurück.
Dort hat sich die Dorfjugend versammelt, von der wir neugierig-verstohlen
beobachtet werden. Drei junge Männer machen sich an einem
kleinen Motorboot zu schaffen. Sie bieten uns an, eine kleine
Fahrt zu unternehmen - Felix, Marcella und Maria stiegen tatsächlich
ein - wir sehen zu, wie die vier erst lange auf den flachen
See hinausrudern und dann mit summenden Motor schnell kleiner
und kleiner werden. Dabei geht über dem bewaldeten Horizont
groß der orange Vollmond auf, langsam und majestätisch.
Ein breiter orangefarbener Lichtstreifen schimmert im See.
Hinter uns ist über ein paar Holzhütten und den
dahinter befindlichen Neubauten die Sonne untergegangen. Wir
machen uns auf den Rückweg, der sich nicht so einfach
gestaltet, wie gedacht, denn die jungen Leute wollen sich
gerne noch mit uns unterhalten, sich mit uns treffen. Aber
wir haben noch Schlaf nachzuholen.
Sonntag, 05. 08.2001
Nach
dem reichen und warmen Frühstück treffen wir uns
vor dem Hotel, wo eine Reihe von Bussen auf uns wartet. Es
regnet. Bis es endlich losgeht, rinnen etliche Regentropfen
die Scheiben hinab. Mit uns fahren die Ukrainer, Erika Wolf
und offenbar etliche Einwohner der Stadt. Unser Bus-Konvoi
wird von der Polizei eskortiert. Es geht durch neblige Wälder
und Dörfer, bis wir wieder in einem Wald links einbiegen,
eine neugemachte Teerstraße entlang fahren und den Bus
verlassen. Vor unseren Augen ein eindrucksvolles Denkmal:
Der Waldboden ist ausgestochen, so dass ein gerader, wie eine
Wunde klaffender Sandplatz entsteht, der an die hier geschehene
Gewalt doppelt erinnert, durch die Wunde im Waldboden und
durch den Sand an sich, der vor meinem inneren Auge ein frisches
Massengrab entstehen lässt. Auf dem Platz ein großer
Findling, an dem eine Bronzeplatte mit dem Bildnis eines entsetzt
blickenden angeschossen zurückstürzenden Engels
angebracht ist. Er hat die Flügel noch abgespreizt, mit
denen er die Menschen, gefesselte Opfer der Repressionen -
wie lange noch? - beschützt. Auf dem Stein die einfache
Botschaft «Ljudi, ne ubiajete drug druga!» / Leute,
tötet Euch nicht gegenseitig!".
Es werden Reden gehalten, von verschiedenen Vertretern von
Opfern, von Regierungsabgesandten, von Botschaftsvertretern.
Ein älterer, wohl mächtiger Herr erteilt den verschiedenen
Damen und Herren das Wort. Eine alte Frau aus der Menge will
auch etwas sagen. Sie drängt sich dazwischen, zum großen
Unmut der russischen Weiblichkeit im Publikum. Man versperrt
ihr den Weg, Tizhe!!! und scht!!!" zischt es. Aus
der Reihe getanzt wird nicht.
Es gibt noch einen weiteren Gedenkstein für die hier
ermordeten Häftlinge von den Solowezkischen Inseln. Auch
hier werden Reden gehalten. Hier sagt Herr Schlögel ein
paar Worte, er macht klar, dass Medwezhegorsk ein Teil Europas
ist und ein Teil der europäischen Gewaltgeschichte. Es
gelte, sich zusammen dieser Geschichte bewusst zu werden und
die Konsequenzen daraus zu ziehen. Auch ein junger Vertreter
der muslimischen Gemeinde der Stadt Petrosawodsk tritt auf.
Immer wieder ist zu hören, ... damit das nie wieder
geschehe" damit sich so was niemals wiederhole"
- aber sind das nicht nur Phrasen, denke ich. Was passiert
denn in Tschetschenien? Auch der junge Moslem eben hat es
angesprochen. Ist Russland nicht auf dem besten Wege, sich
aus der westlichen Zivilisation gänzlich zu verabschieden?
Wird das Rad nicht überall zurückgedreht? Und gibt
es tatsächlich schon wieder politische Morde, wie Herr
Iofe immer wieder betont?
Immerhin, die Trauer ist kulturell gut organisiert: jeder
hat seinen Gedenkort. Es gibt ein großes orthodoxes
Kreuz und eine orthodoxe Kapelle, ein großes katholisches
Gedenkkreuz, auch die Moslems finden einen Ort zum Gedenken
an ihre ermordeten Glaubensbrüder. Übrigens sind
die Moslems tschetschenische Flüchtlinge, die in Petrosawodsk
Unterkunft gefunden haben. Sie sind keinesfalls Nachfahren
der hier Repressierten. Sie kommen aus reiner Solidarität
und sicher auch, um sich zu Wort melden zu können. Ich
habe nicht den Eindruck, dass sich jemand durch die Anwesenheit
anderer Konfessionen gestört fühlt, im Gegenteil,
man photographiert sich gegenseitig, spricht miteinander,
guckt sich interessiert zu... Auch kommt hier jeder zu Wort
und es werden durchaus auch regierungskritische Worte laut.
Neben der muslimischen Delegation sind die Ukrainer auffällig.
Demonstrativ sind sie in den ukrainischen Nationalfarben gekleidet,
haben Fahnen, Ikonen, Kerzen, ukrainische Erde und andere
national aufgeladene, symbolträchtige Gegenstände
dabei. Es wird ausgiebig gefilmt, photographiert, an den Gedenksteinen
posiert. Anscheinend wollen sie ihren Landsleuten aber auch
den Russen zeigen, dass sie bei der Aufarbeitung der russischen
Gulag - Geschichte ein Wörtchen mitreden wollen.
Für jeden der hier Ermordeten gibt es eine Gedenkstele,
der ganze Wald steht voll von ihnen. Aus einigen ist ein Kreuz
geformt oder es sind Photos angebracht. Vor manchen flackern
Kerzen. Die Trauer, der Totenkult findet in Russland immer
sein perfektes Design, das kann man in jedem Kriegsmuseum,
in jedem Museum über den Gulag nachvollziehen. Als ich
das Gelände verlasse, bemerke ich, dass sogar die Zäune
aus ineinander übergehenden orthodoxen Kreuzen bestehen.
Und auch der Himmel trägt Trauer.
Wir versammeln uns wieder im Bus und die Fahrt geht nun weiter
zum Ostsee-Weißmeer-Kanal. Wir bekommen eine Schleuse
zu sehen. So riesig ist der Kanal gar nicht. Die Ukrainer
springen überall umher, wollen filmen, aber fleischige
Damen hindern sie. Plötzlich tönt ein Lautsprecher
aus dem Nichts - Hören sie auf zu filmen, oder
sie werden bestraft" tönt eine strenge Männerstimme.
Wenig später taucht ein Militärjeep auf, Leute in
blauen Camouflageuniformen steigen aus und beobachten uns
verstohlen aus einiger Entfernung. Herr Iofe erzählt
uns, der Kanal sei kurze Zeit vorher wieder als strategisch
wichtig eingestuft worden und abgesehen davon seien wir, wie
gesagt, hier nicht willkommen. Ich photographiere dennoch,
denn von Photographieren war bisher nicht die Rede. Viel zu
sehen ist eigentlich auch nicht, außer zwei Schleusenwärterhäuschen
und dem Kanal, der sich über Terrassen hinten in den
Onegasee hinabschleust. Wir besteigen den Bus und fahren zurück
zum Hotel, Mittagessen.
Nach dem Mittag hält uns Erika Wolf einen Vortrag auf
Englisch über Rodchenko. Er sei, so meint sie, sowohl
Opfer des Regimes gewesen, denn seine Arbeiten seien wiederholt
als abweichlerisch empfunden worden, als auch Mitläufer,
denn er hat Aufträge angenommen, wie die Dokumentation
des Bau des Ostsee-Weißmeerkanals und habe sich so auch
mitschuldig gemacht, indem er die Propaganda des Regimes unterstützte.
Ein ähnlicher Fall wie Leni Riefenstahl bei uns, denke
ich.
Dann besuchen wir noch das Museum neben dem ehemaligen neodorischen"
Hotel der Kanalspezialisten. Es gibt viel heimatkundliches
und auch etliche Informationen zur Lagergeschichte, die nichts
beschönigen. Wir werden freundlich vom Museumspersonal
geführt, alles wird erklärt, Fragen werden beantwortet,
man freut sich, auf interessiertes Publikum zu treffen.
Plötzlich wird die Weiterreise verkündigt. Ein paar
von uns sollen vorfahren, denn es gelingt nicht, für
alle Karten in einem Zug zu bekommen (von Petersburg war es
unmöglich, Karten für die Strecke Medwezhegorsk
- Kemj zu kaufen, man verkauft in Petersburg nur Karten ab
Petersburg). Und so versammeln sich die, die ein Zelt haben,
darunter auch Anne und ich. Wir eilen zum Zug. Der steht aus
unerfindlichen Gründen länger als geplant, und wir
sehen noch den zweiten Teil der Gruppe den nächsten Zug
besteigen.
Mit uns fahren auch die russischen Teilnehmer der Gruppe,
alle sehr viel jünger als wir. Sie sind alle gut mit
der Lagergeschichte Russlands vertraut. Wir unterhalten uns
gut mit ihnen, der Wodka fließt, die Stimmung ist gut.
Draußen fliegen die herrlichsten Landschaften an uns
vorüber: herrlich einsame Seen, Urwälder, Wiesen,
Sümpfe. Gegen 1:00 Uhr nachts kommen wir in Kemj an.
Ein Taxifahrer mit einem Kleinbus hofft auf ein gutes Geschäft
und bietet uns an, uns zum Hafen zu fahren. Wir stimmen zu.
Der Kleinbus wird mit unseren Rucksäcken vollgeladen,
wir steigen oben auf und eine wacklige Fahrt beginnt. Nach
etwa Zwanzig Minuten heißt es aussteigen. Wir suchen
einen Platz für die Zelte. Da heißt es, ein paar
Fischer wären bereit, uns überzusetzen zu den Solowezkischen
Inseln. Aber - ach! - zu teuer. Die wollen über 30.-DM
pro Person. Wir schlagen im Dunkeln die Zelte auf weichem,
holzigem Untergrund auf. Der Mond scheint malerisch über
einer Hafenlandschaft und einem Haus, das auf einer Art Mole
steht. Wir kriechen in die Zelte und lassen uns wegsacken.
Montag, 06.08.2001
Ein
diesiger Morgen begrüßt uns. Wir haben auf dem
weichen Grund des verfaulenden Hafens blendend geschlafen.
Erst jetzt können wir richtig wahrnehmen, was für
eine bizarre Landschaft uns eigentlich umgibt. Es sieht aus
wie ein verwüsteter Heuhaufen aus Holz, der halb im Wasser
liegt. Im Wasser schwimmen seltsam gelbe Algen, Sägespäne
und Müll. Halb von Nebel umhüllt die Umrisse eines
sehr verwittert wirkenden Holzdorfes mit einer im Bau befindlichen
kleinen Kirche. Fast gegenüber auf einer Art Steg oder
Mole ein Haus, dessen Bauart chinesisch anmutet: da war früher
der ??????????? [Abk. für ???????? ????????????? ?????,
auf Deutsch: Zwischenlager-Punkt" Kem], von dort
wurden die Häftlinge zu den eisigen Inseln eingeschifft.
Auf der anderen Seite ein modernerer Hafen, Kräne, ein
Zaun, ein Wachturm. Dickpelzige Hunde streunen.
Wir erwarten die anderen. Jeden Moment können sie da
sein; gestern haben wir sie ja noch in den Zug einsteigen
sehen, als wir gerade losfuhren. Sie können nicht lange
nach uns eingetroffen sein. Aber der Rest der Gruppe lässt
sich Zeit. So ziehen sich die Kreise unserer Erkundungstouren
in immer größeren Durchmessern. Am richtigen"
Hafen entdecken wir Granitsteine mit dunkelroten Einschließungen.
Tanja, eine Russin von Memorial die mit uns fährt, meint,
es handele sich um kleine Granate, was ein kleines Goldfieber
auslöst. Später versichert uns Erika, unsere amerikanische
Kommilitonin, es handele sich nur um Rosenquarz. Anne nimmt
für alle Fälle ein Andenken mit, und Rosenquarz
ist ja auch ganz schön. Wir frühstücken in
einem kleinen Restaurant, dessen Chique sich von der Umgebung
deutlich abhebt. Drinnen ist es sauber, es gibt ein relativ
mageres Frühstück, die Glotze heult und leider,
leider gibt es keine Toiletten. Das ist besonders für
unsere weiblichen Mitreisenden bitter. Gleich hinter dem Restaurant
entdecken wir in russisch und englisch verfasste Reklame,
die offensichtlich ausländische Gäste auf die Solowezkischen
Inseln locken soll. Und wir dachten schon, am Ende der Welt
zu sein! Nein, sind wir nicht, denn gleich um die Ecke gibt
es auch noch ein kleines Lebensmittelgeschäft, ein hundertprozentiges
Plagiat der alten DDR-Tante-Emma-Geschäfte. Unfreundliche
Bedienung, die sich über ihre ausländischen Kunden
nicht im Mindesten verwundert. Die alten Gemüsekisten,
Saftflaschen, die vom vielen Wiederverwerten schon leicht
blind sind, Große Kisten mit Keksen und Nudeln, ein
Regal, auf dem säuberlich die Backwaren präsentiert
werden, die auf Paketpapier liegen. Eine originale Käsevitrine
mit Neonbeleuchtung, wie es sie früher im Tante-Emma-Laden
bei mir um die Ecke gab. Und es riecht wie früher! Es
ist wirklich erstaunlich. Natürlich bin ich in Russland
schon oft an die alte DDR erinnert worden, aber das ist einfach
perfekt! Wir kaufen tüchtig Piroggen, Getränke,
Gebäck und alles Mögliche, es mundet an der frischen
Luft auch tatsächlich aufs Beste.
Als wir wieder zurückkommen, ist Anett bestürzt.
Sie findet einen großen feuchten Fleck an ihrem Rucksack,
den sie an einen Holzstoß gelehnt hatte. Ein furchtbarer
Verdacht kommt ihr auf, sie riecht an dem Fleck, ohne eindeutiges
Ergebnis. Dennoch ist sie der Überzeugung, dass hier
einer der pelzigen Hunde am Werke war.
Endlich taucht ein Bus auf, der zweite Teil der Gruppe kommt
nun an und wir werden nett begrüßt. Wir sammeln
uns am Hafen und schon bald fährt uns ein Schiff in Richtung
Osten auf die Solowezkischen Inseln. Sagte ich vorhin Ende
der Welt"? Nein, jetzt erst durchquerten wir es. Was
ich sah, fuhr mir unter die Haut, belebte sie mit kleinen
elektrischen Stößen. Das waren Ur-Bilder, die irgendwo
tief in den Genen archaische Gefühle auslösten,
was ich sah, war die Erschaffung und das Ende der Welt.
Kemj rückte in die Ferne, verschwand im Dunst, flache
graue Inseln entstiegen langsam dem Horizont oder dem Nebel.
Eine scheinbar letzte bewohnte Insel schwamm an uns vorüber,
darauf ein Haus mit einem merkwürdigen Aufbau; ein Leuchtturm,
wie man uns Verwunderten sagte. Nun kämen wir auf die
offene See, war die Auskunft. Spürbar wehte der Wind,
Wassertropfen verspritzend. Schäumend tauchte der Bug
unseres Schiffes in die Flut. Der Himmel bot ein Schauspiel
von Wolken, die das ganze Spektrum von Grautönen wie
ein Teppich präsentierte, dazwischen eine Ahnung von
Blau durchlassend oder Streifen von Sonnenlicht. In der Ferne
ein einsames den Naturgewalten trotzendes Segelboot, vor der
beeindruckenden, sich im Himmel fortsetzenden Hügelkulisse
einer Insel.
Dann in der Ferne die große flache Solowezkische Insel,
schemenhaft, noch nicht klar, ob eine Wolkenbank oder tatsächlich
schon Land. Venjamin Viktorowitsch Iofe wies auf den Axtberg
hin, der sich nun deutlich abhob - aber wir sollten keine
Angst haben, die Seefahrt ginge noch mindestens zwei Stunden
- erklärte er, als er unsere etwas betroffenen Gesichter
sah. In mir indes wiederholten sich die Gefühle des Schreckens,
als sich in mir die Beschreibungen Solschenizyns über
die Ereignisse auf dem Axtberg abspulten. Ich sah durch den
Feldstecher. Etwas Zeit verging und ich konnte an anderer
Stelle der Insel kristalline Strukturen ausmachen: das musste
das Kloster sein. Tatsächlich schärften sich die
Konturen immer mehr, bald war es mit Sicherheit auszumachen,
auch ein Kirchturm auf dem Axtberg und auf einer vorgeschobenen
Insel ein echter Leuchtturm, aber das Schiff hatte noch etliche
Kilometer durch das unruhige Meer zu stampfen, Wellen zu brechen
und Gischt zu verspritzen bis wir tatsächlich auf der
Insel landeten.
Wir stiegen aus - zuvor hatten wir unter Deck gehen müssen,
weil unser Schiff überbeladen war, was die Hafenpolizei
nicht sehen sollte - und der Eindruck, der sich uns nun bot
war doch etwas erschlagend. Eine große Ruine schien
fast auf uns fallen zu wollen, so der Eindruck vom niedrigen
Schiff. Dann die nun prächtig und klar sichtbare Klosterarchitektur.
Am Kay viele Leute. Irgendjemand filmte uns aufdringlich andere
photographierten. Was sollte das? Ich fühlte mich beobachtet.
Herr Schlögel ging auf einen Kameramann zu und fragte
ihn, für wen er denn hier filme. Für das Archiv
des Museums war die etwas einfältig klingende Antwort.
Wir beziehen nach kurzer Wartezeit das Hotel, ein schlichtes
braun gestrichenes Holzhaus aus dem 19. Jh., früher war
es Herberge für Pilger, dann, wie eine Gedenktafel bezeugt,
Unterkunft für hier ausgebildete Matrosen, von denen
im 2. Weltkrieg einige fielen. Auf der Rückseite des
Hotels gab es einen entsprechenden Gedenkstein, an den während
unserer Anwesenheit noch ein Messingkreuz angeschraubt wurde.
Auch solche Denkmäler bedürfen des neuen Geistes.
Erst recht auf so einer Insel. Doch eigentlich weiß
ich noch gar nicht, dass ich auf so einer Insel"
bin, vorerst werden die Betten belegt. Mit dem Photographen
Lars tragen wir ein Bett vom oberen Stockwerk ins untere -
Marcella, unsere Italienerin, will mit Erika, unserer Amerikanerin
in einem Zimmer übernachten - die Damen-???????? machen
große Augen, aber es bedarf nur einiger beschwichtigender
Worte und sie sind beruhigt.
Die Sonne geht schon unter - mittlerweile haben wir strahlend
blauen Himmel, einzig ganz weit am Horizont, Richtung Kemj
sind noch einige Wolken zu sehen. Das Kloster erstrahlt im
Sonnenlicht, ich stehe eine Weile an dem vom Hotel zum Kloster
steil abwärts führenden Hohlweg, beobachte die Menschen,
die geschäftig das Kloster betreten und verlassen, Fischer
passieren in Ölzeug und mit Eimern bewaffnet, schwere
russische Motorräder, bedenklich schwankende Busse fahren
den Hohlweg hinunter und wirbeln viel Staub auf. Ich umrunde
mit Anne das Kloster, bewundere die mit leuchtend orangefarbenen
Flechten bewachsenen Klostermauern, die in der Abendsonne
noch einmal so schön das Licht reflektieren. Ich sehe
die silbrig schimmernden Dachschindeln der Zwiebeltürme,
die unter großen rostigen Eisendächern befindlichen
gewaltigen Wehrtürme, deren Schießscharten dunkle
Gesichter abgeben. Ein merkwürdig summendes Geräusch
will nicht so recht zu diesen Eindrücken passen: es ist
das kleine dieselbetriebene Elektrizitätswerk"
der Insel, das seine monotone Melodie bis hierher schickt.
Wir versammeln uns gegen Sonnenuntergang zum Abendmahl auf
der Wiese vor der Herberge, müde, aber gutgelaunt nehmen
wir unsere Mahlzeit ein. Allerdings lassen uns die auf der
Insel streunenden Hunde dabei nicht in Frieden. Sie veranstalten
Jagden - der immer muntere Hund Filja von Olga, einem Mädchen
aus der russischen Gruppe, immer mitten dabei - sie nehmen
keine Rücksicht auf uns, die wir beim Kauen zusammenzucken
und unsere mit heißem Tee gefüllten Becher mit
Argusaugen bewachen. Dennoch genießen wir die köstliche
Wurst, die wir in Petersburg gekauft haben und den guten Käse,
der an der frischen Luft gleich noch einmal so gut schmeckt.
Zukünftig werden allerdings die Mahlzeiten im Hotel eingenommen,
beschließen wir. Doch haben wir noch etliche Male auf
dieser schönen Wiese gesessen, um uns Vorträge anzuhören
oder einfach nur miteinander zu reden.
Dienstag, 07. 08. 2001
Ein
neuer Tag bricht an, die Sonne strahlt. Eigentlich ist sie
die ganze Nacht nicht untergegangen: durch meinen unruhigen
Schlaf in den noch nicht wieder gewohnten russischen Feldbetten
und dank des nahezu wolkenlosen Himmels gab es eine herrliche
Weiße Nacht.
Schnell gefrühstückt: es gab Tee, Käse, harte
Wurst, Brot und chinesische Tütensuppen. Aufbruch zum
Gedenkstein der Insel, vorbei am Kloster, an einigen Holzhäusern
mit etwas trostlosen Plätzen oder Höfen dazwischen.
Da steht der große Granitfindling mit der schlichten
Aufschrift Den solowezkischen Gefangenen". Etwas
sehr nüchtern, denke ich bei diesem Anblick. In mir wirkt
noch der Eindruck von der Veranstaltung in Medwezhegorsk nach.
Es stört auch eine kleine sowjetische Anlage mit mittelgroßen
Boxen und Mikrophon direkt neben dem Gedenkstein. Vor diesem
steht ein baumhohes orthodoxes Holzkreuz in einem Steinhaufen.
Es ist die Hinrichtungsstelle der Insel. Doch das erfahre
ich von Venjamin Viktorowitsch, hier deutet sonst nichts auf
die blutige Vergangenheit dieses Ortes. Es versammeln sich
die verschiedenen Vertreter von Memorial aus Russland und
der Ukraine, schaulustige Inseleinwohner - ob unter ihnen
auch Nachkommen der einst inhaftierten sind, vermag ich nicht
zu sagen, Venjamin Viktorowitsch Iofe sagt mir, viel seien
es nicht - und wir, die Exkursionsgruppe der EUV. Blumenkränze
von der Größe eines Kleinkindes werden präpariert,
die Photographen und Videofilmer bringen sich in Stellung.
Die Redner nesteln an ihren Anzügen. Ernste Gesichter.
Der Direktor des solowetzkischen Museums erteilt das Wort.
Es spricht der Chef der Verwaltung des Bezirks Archangelsk",
Anatolij Anatolewitsch Efremow. Er sagt, man müsse sich
seiner Geschichte besinnen, sonst gäbe es keine Zukunft.
Was hier geschehen ist, dürfe sich niemals wiederholen.
Hier seien die hervorragendsten Menschen zu Tode gekommen.
Es komme darauf an, sich dieser schwarzen Seiten der russischen
Geschichte zu erinnern, obwohl ein neues Leben auf der Insel
begonnen habe und die Geschichte der Insel auch viel anderes
interessantes biete. Der Opfer dieses Ortes wolle man sich
immer erinnern.
Nach dieser etwas formelhaften Rede, die das Vergangene mit
gewissem Unbehagen nennt, wird dem Chef von Memorial Petersburg,
Venjamin Viktorowitsch Iofe, das Wort erteilt. Seine Worte
sind sehr viel kritischer. Jedes Jahr versammeln wir
uns hier. Jedes Jahr reden wir davon, dass sich solches niemals
wiederholen dürfe. Aber in Wirklichkeit haben wir uns
noch nicht verändert." Genau so wie damals würden
Unschuldige zu Opfern. Das Erbe des XX. Jh. sei uns Warnung
für die Gestaltung des XXI. Jh. Es gelte hier die Frage
zu entscheiden, ob der Staat der Gesellschaft diene oder die
Gesellschaft dem Staate.
Als nächstes redet die Chefin von Memorial Moskau. Sie
redet mit zitternden Händen. Sie übermittelt den
flammenden Gruß" ihrer Moskauer Mitarbeiter
und sagt: Meine Eltern, ebenfalls Opfer des Regimes,
liegen irgendwo. Dennoch bin ich überzeugt, sie sind
mit mir hier. Bin ich in einer anderen Stadt, sind meine Eltern
auch dort. Das hier (und sie weist auf den Gedenkstein) ist
kein Denkmal. Das ist ein Grabmal!" Dann bittet sie Efremow,
die Kontrolle über dieses Grabmal zu nehmen und fordert
ihn auf, nicht zu erlauben, dass sich so etwas noch mal wiederhole.
Etwas merkwürdig klingt dieses Übernehmen
sie die Kontrolle über dieses Grabmal!" nach. Auch
der flammende Gruß" erinnert an die sozialistische
Rhetorik. Aber was sie über ihre Eltern sagt, beeindruckt.
Zum Schluss redet ein Vertreter der Allukrainischen
Gesellschaft Memorial", Vasil Osienko. Die Ukraine habe
den Schrecken dieses Ortes schon im 18. Jh. festgestellt.
Schon zur Zarenzeit habe man hier die Elite des ukrainischen
Volkes gefangen gehalten, und er nennt einige berühmte
Namen. Auch einige Opfer des Sowjetregimes werden aufgezählt.
Wären diese Leute am Leben, sagt er, hätte die Ukraine
eine andere Geschichte. Solowki habe die ukrainische Geschichte
verändert.
Die ukrainische Delegation ist die auffälligste unter
allen Anwesenden. Sie ist auch heute wieder gelb-blau gekleidet,
in den ukrainischen Nationalfarben. Jeder der Vorredner hat
am Stein einen der großen Blumenkränze hinterlassen,
die Ukrainer aber übertreffen mit ihrer Zeremonie alle
anderen. Sie haben ukrainische Erde mitgebracht und verstreuen
sie unter dem Gedenkstein und unter dem großen orthodoxen
Kreuz. Eine kleine Ikone wird von ihnen am Gedenkstein aufgestellt,
Kerzen angezündet und das Kreuz mit einer bestickten
Stoffschleife umwunden. Die Ukrainer eignen sich mit Worten
und Taten diesen Ort an.
Es werden weitere Kränze und Blumen niedergelegt. Eine
Schweigeminute wird abgehalten. Nun wird die Feier beschlossen,
ein Vertreter der örtlichen Geistlichkeit spricht ein
Gebet und spendet unter Gesängen um das Kreuz und den
Gedenkstein Weihrauch. Die Veranstaltung löst sich auf.
Auf meine Frage erzählt mir Herr Iofe, dass er sowohl
mit der Zeremonie der Kirche als auch mit dem Auftritt der
Ukrainer seine Schwierigkeiten habe: nicht alle Opfer seien
christlich oder gar orthodox gewesen, zu der Sicht der Ukrainer
äußert er sich: Was die Ukrainer sagen, ist
alles die Wahrheit. Leider sehen sie nur ihr nationales Schicksal,
aber der Gulag und Solowki ist, was die Ukrainer eint. Klar
wäre es schöner, wenn sie das Thema etwas allgemeingültiger
verstünden!" Ob er denn mit dem Verlauf der Veranstaltung
im Ganzen zufrieden sei, will ich wissen. Er sagt, immerhin
sagt niemand etwas falsches. Sie reden zwar, wie sie es auf
der Komsomolzenschule gelernt haben, aber immerhin, sie geben
sich Mühe.
Dieses Gespräch findet z.T. schon auf einem Spaziergang
statt, den wir nun, nach dem sich die Veranstaltung weitestgehend
aufgelöst hat, unternehmen. Nun komme ich auch mit Erika
Wolf ins Gespräch, wir unterhalten uns in einem witzigen
Sprachgemisch aus Englisch, Deutsch und Russisch. Sie erzählt
mir ihre Eindrücke von der Veranstaltung in Medwezhegorsk.
Sie war von der Reaktion einiger Ukrainer entsetzt, die ihr
den Russen gegenüber völlig unversöhnlich erschienen.
Einer habe gesagt, er würde erst ruhig schlafen, wenn
das letzte Arschloch, dass für den Gulag verantwortlich
sei, hängen werde.
Sicher, so etwas hört man nicht gern. Mit solchen Argumenten
gestaltet man auch keine Zukunft, und vielleicht sind sie
auf so einer Gedenkveranstaltung auch wirklich absolut fehl
am Platze. Aber wer seine Eltern durch dieses System verloren
hat, wer selbst unter ihm gelitten hat - bewunderungswürdig,
wer dann noch die Kraft hat, nicht nach Rache zu schreien.
Während des Gesprächs gehen wir durch die Ortschaft.
Wir gehen über Sandwege, die Straßen"
der Insel, gesäumt von den im Osten obligatorischen Peitschenlampen.
Die Ortschaft besteht weitestgehend aus Holzhäusern,
sozialistische oder postsozialistische Neubauten aus Beton
oder Platten gibt es kaum. Nun gelangen wir in die Nähe
des Hafens, wo sich ein Holzschuppen befindet, der zwischen
aus Brettern geformten Flügeln die grellrote Aufschrift
???-????? Kunst-Hangar" und darunter in weißen
Lettern den Zusatz Zentrum der modernen Kunst"
trägt. Hier, erzählt mir Herr Iofe, seien früher
Wasserflugzeuge untergebracht gewesen - allerdings ist der
Schuppen eigentlich nicht so groß, dass ich mir das
vorstellen kann. Ich betrete einen kleinen Steg, von dem man
einen malerischen Blick auf die gesamte Klosteranlage hat.
Im klaren Wasser sehe ich einen verrosteten, von Algen bewachsenen
Eisenkübel, der wie ein kleines versunkenes U-Boot aussieht.
Überhaupt liegen im und am Wasser an verschiedenen Stellen
Schiffswracks, abgesägte Schiffsteile und anderer Schrott.
Direkt zu Füßen des Klosters ist ein Wrack, dass
gestrandet zu sein scheint direkt bis zur Wasserkante abgesägt,
so dass es nur ein wenig herausragt. Und auch sonst liegt
zwischen den Häusern viel Schrott: verrottete Autos und
LKWs, Schiffsteile, Blechtonnen, Bojen, und völlig undefinierbare
Gegenstände. Dazwischen weiden die Kühe und Ziegen.
Das Mittagsmahl nehmen wir in einem kleinen Restaurant ein,
das sich südlich vom Kloster befindet. Auf dem Weg dorthin
kommt man am örtlichen Krankenhaus" vorbei.
Wenn man an dem für die Verhältnisse der Insel repräsentativen
Gebäude vorbeigeht, sieht man oben im zweiten Stock die
Operationslampe durch die verstaubten Doppelfenster. Ich kann
mir lebhaft vorstellen, wie es darin aussieht, wenn schon
die Fenster nicht geputzt sind und hoffe nur inständig,
diese Polyklinik nicht betreten zu müssen.
Das Restaurant ist einfach, mit Holz ausgetäfelt und
einer kleinen Theke versehen, an der es auch Kondome gibt,
was dem Restaurant einen Hauch von weltgewandter Hafenstadt
gibt. Auch der leere Tick-Tack-Spender zeugt von den regen
Kontakten der Insel zum Westen. Da ziemlich großer Andrang
herrscht, bitten uns zwei deutsche Zivis, die ihren Dienst
auf der Insel verrichten, sie mit ins Restaurant schleusen;
leider können wir ihnen nicht helfen, da es schon kompliziert
genug ist, für unsere Gruppe zu bestellen und abzurechnen.
Das Essen ist einfach, aber gut: es gibt immer eine heiße
Suppe vorne weg, dann ein kräftiges Hauptgericht und
als Nachtisch auf Wunsch Tee und Gebäck. Auch wird immer
der gute russische Beerensaft gereicht. Die Portionen wirken
nicht riesig, aber wir werden immer so satt, dass der Verzehr
des Nachtischs zur Gewissensfrage wird. Die Bedienung ist
je nach Besetzung überaus herzlich bis extrem muffelig.
Nach dem Mittag setzen wir uns in einen Bus. Es geht über
unbefestigte Straßen, die den Bus so schaukeln lassen,
dass sich einige von uns den Kopf an der Decke stoßen.
Wer sitzt, hat es gut, muss sich aber auch gut festhalten.
Stehen ist nahezu unmöglich. Es geht zunächst zum
Axtberg. Am Fuße desselben treffen wir die Zivis wieder,
die sich gerade anschicken, für ein paar Tage im Wald
zu leben und dort Bäume zu fällen. Zu unserer großen
Überraschung stellen wir fest, dass wir einen von ihnen
kennen: Sören Urbansky, mein Nachmieter bei meiner lieben
Moskauer Wirtin. Wir haben uns bisher nur kurz am Telephon
gehört, bzw. E-Mails geschickt und machen uns bekannt.
Bald werden wir sie in Moskau wiedersehen.
Nun müssen wir uns aber beeilen, so gerne wir uns noch
weiter unterhalten würden, aber unsere Gruppe ist schon
vorausgeeilt und wir müssen sehen, dass wir den richtigen
Weg nicht verpassen. Nach etlichen Metern - der Bus musste
unten warten, wohl, weil er den Anstieg nicht schafft - kommen
wir an die Kirche, die wir schon vom Schiff aus in der Ferne
durch den Feldstecher gesehen hatten. Sie ist gar nicht groß
- zwei Stockwerke und Turm - der Kalk blättert schon
ab und lässt Ziegelwände vorscheinen. Ein kleiner
Anbau ist schon wieder bewohnt. Oben hat die Kirche statt
der Zwiebelspitze einen kleinen Leuchtturmscheinwerfer. Man
erzählt uns, man könne sein Feuer im Umkreis von
30 km um die Insel sehen. Doch zunächst gehen wir an
der Kirche vorbei zu einem Holzgatter, das einen unglaublichen
Blick auf die Insel erlaubt. Zu sehen sind grüne Birken-
und Nadelwälder, Seen, Sümpfe und in der Ferne das
graue Weiße Meer. Unsere Exkursionsleiterin, eine junge
aufgeklärte Frau, die nicht nur die Schönheiten
des Ortes preist, sondern auch die Gulag-Geschichte der Insel
gut beschreibt, erzählt die Legende, dass eines Tages
der heilige Herman und Sawwati, die ersten Mönche der
Insel, lautes Weinen vom Axtberg hörten. Als sie nachsahen,
was dieses bedeute, fanden sie ein junges Fischermädchen,
das sich auf der Insel niederlassen wollte, die erzählte,
sie sei von Jünglingen geschlagen worden, die dann gen
Himmel aufgefahren seien. Dies zum Zeichen, dass diese Insel
nur männlichen Mönchen vorbehalten sei. Der Name
Axtberg zeuge noch von den Schlägen, die das Mädchen
bezogen habe.
Zwischen den Zeilen kann man natürlich die Geschichte
der Vertreibung der Heiden von dieser Insel aus dieser Legende
herauslesen. Und die Parallele zu der sich später hier
vollziehenden Gewalt, wurde nicht nur von unserer Exkursionsleiterin
gezogen. In mir begannen sich nun verschiedene Gefühle
zu regen, die nicht in Einklang zu bringen waren. Gerade noch
war ich betört vom Sonnenschein und der wunderbaren Aussicht
vom Axtberg, sicher auch von dem schönen Spaziergang
hierher und nun wurde in mir wachgerufen, was ich bei Solschenizyn
gelesen hatte: die Schrecken dieses Ortes. Und da war die
Natur um mich herum plötzlich wild und tödlich,
erschienen mir die Häftlinge, die dem Tod durch
Natur" preisgegeben waren: durch Mücken oder in
der Kälte - mit Wasser übergossen und an einem Baumstamm
gebunden. Und die Kirche war plötzlich nicht mehr Leuchtturm,
Symbol der Rettung, sondern der Ort der grausamen Strafen
in den Isolationszellen, in denen Häftlinge auf schmalen
Balken sitzen mussten, so, dass sie mit den Füssen nicht
zur Erde reichten. Fielen sie runter, weil sie das Gleichgewicht
nicht länger halten konnten, wurden sie geschlagen oder,
an einen Baustamm gebunden, die steile Treppe hinuntergestürzt,
die ursprünglich für die neuankommenden Mönche
geschaffen war, damit ihnen beim erklimmen - 365 Stufen -
mit jeder Stufe ein Sündentag vergeben würde. Eine
seltsame Beziehung hat die Insel zum Himmel. Die heute so
lieblich anmutenden Orte, diese ehrwürdigen Kirchen,
erbaut in der Liebe zu Gott - der Hauch der Hölle hat
sie gezeichnet und doch ist nicht mehr viel davon zu sehen.
Soviel Widersprüchlichkeit ist kaum zu verkraften.
Die Kirche wird von einem Leuchtturmwärter bewacht, der
von einem Einsiedel-Mönch kaum zu unterscheiden ist.
Das spannende zweite Stockwerk öffnet er eifersüchtig
nur für einige zur Besichtigung. Hier ist die vielleicht
letzte erhaltene Isolationszelle zu sehen, die Solschenizyn
beschreibt. An den Wänden und auf den Fensterbrettern
haben sich ins Holz geritzte bzw. mit Bleistift o.ä.
geschriebene Inschriften der Häftlinge erhalten. Auch
im unteren Stock, der allerdings sonst schon eine fertige
Kirche abgibt, sind solche Inschriften zu besichtigen. Wir
steigen nun die steile Läuterungs-Todes-Treppe hinab.
Am Fuße derselben steht ein großes verwittertes
Nike-Kreuz für die Opfer, die diesen grausamen Tod erleiden
mussten.
Nicht weit von diesem Kreuz wartet der Bus, und wieder werden
wir tüchtig durchgeschüttelt, bis wir den nächsten
Punkt unserer Besichtigung erreichen. Wir halten nun bei der
Einsiedelei von Sawwatiewo. Viel ist hier allerdings nicht
zu sehen, ein paar verfallene Holzhäuser, ein ruinöses
großes Wohnhaus für Mönche aus dem 19. Jh.,
direkt an die noch völlig verstümmelte Kirche angebaut.
Es gibt einen malerischen See mit kleiner Banja. Dies ist
die Stelle, an der sich die ersten Mönche auf der Insel
niederließen, der heilige Sawwati und der heilige Herman.
Es ist zufällig auch die Stelle an der die ersten politischen
Gefangenen des revolutionären Russlands eingesperrt wurden.
Nächster Halt: Isakowo. Hier wird uns erzählt, unter
welch unmenschlichen Bedingungen die Häftlinge Bäume
fällen und transportieren mussten. Auf Menschenleben
wurde keine Rücksicht genommen, Holz war wohl wichtiger.
Wieder wollen diese schrecklichen Geschichten nicht zu dem
malerischen Ort passen. Zu sehen ist ein kleines zweistöckiges
hölzernes Wohnhaus, ein eindrucksvoller Speicher aus
dem 17. Jh., dessen Wände aus mächtigen Findlingen
erbaut sind, dessen Dach jedoch aus Holzlatten geschaffen
ist und eine verfallene Banja, ebenfalls aus einem Findling
- Ziegelgemisch erbaut, und an einem glitzernden See gelegen,
als wolle sie in ihm baden. Beim näheren Betrachten sehen
wir, dass die Fenster der Banja noch vergittert sind. Brennnesseln
sprießen an den Außenwänden.
Wieder in den Bus. Es ist unglaublich, was diese Achsen alles
aushalten. Wir steigen aus und marschieren auf Holzbalken
durch ein Naturschutzgebiet. Man ermahnt uns, die Holzbalken
nicht zu verlassen, nichts anzurühren usw. Leider marschieren
wir sehr schnell, denn die uns umgebende Natur ist wirklich
wunderschön, Seen schimmern zwischen den Baumstämmen
von Nadelbäumen durch, der Walboden ist einladend mit
kräftigem Gras, Moos und Blaubeeren bewachsen, es ist
ein wenig hügelig. Wir kommen nun in den botanischen
Garten der Insel. Der Garten ist ein kleines Wunder, hier
wachsen Pflanzen, die das raue Weißmeerklima eigentlich
gar nicht vertragen. Sogar Melonen soll es hier geben. Die
einzige Eiche der Insel - ein kleiner Busch - ist zu bestaunen.
Heilpflanzen, die ich zum Teil auch in Sibirien kennen gelernt
habe, wachsen hier; all das ist nur in der besonders geschützte
Lage dieses Ortes möglich; das ganze Jahr über ist
die Luft- und Bodentemperatur hier um ca. 2°C wärmer
als in der Umgebung. Auch dieser Ort lädt zum Verweilen
ein. Die Exkursionsleiterin suggeriert uns, wie in dem bunt
bemalten Holzhaus Tee serviert wird, den man in Ruhe und mit
Blick auf diesen wundervollen Garten genießt. Allein,
wir eilen weiter, der Bus wartet. Doch haben wir noch die
Gelegenheit, Wasser aus einem Brunnen zu schöpfen, durch
dessen Genuss wir uns um zehn Jahre verjüngen sollen.
Natürlich, es ist das Wasser, das die Pflanzen, die hier
wachsen, nährt, und ohne die das Leben in diesem rauen
Klima noch viel schwerer vorstellbar wäre, als es ohnehin
ist.
Abends besucht uns Herr Schlögel auf unserem Zimmer.
Er ist ganz begeistert von Annes Idee, eine große Wäscheleine
im Zimmer zu spannen, die nun voller nasser Handtücher
hängt und dem Zimmer den Eindruck einer kleinen Karawanserei
verleiht, wie er sagt.
Herr Schlögel bezeugte sein Überraschen, auf dieser
Insel deutsche Zivis zu treffen. Immer stärker bekomme
er den Eindruck, dass der interkulturelle Austausch nicht
mehr über die großen Organisationen wie das Goethe-Institut,
Sokrates oder den DAAD stattfinde. Die Wirklichkeit gehe an
denen vorbei, die Ströme der Praktikanten und Studenten
fänden ihre eigenen Wege. Er fragt uns nach unseren Motiven,
Russisch zu lernen und dieses Land zu besuchen. Unterschiedliche
Antworten werden laut; das Interesse von einigen wurde durch
das Elternhaus oder die DDR-Schule geweckt (was die Diskussion
auf das Nebenthema lenkt, ob die Russen in der DDR beliebt
waren oder nicht), andere sind einfach nach Russland gefahren
oder haben ihren Zivildienst hier gemacht und haben sich durch
diese Reisen näher für das Land interessiert, wieder
andere mochten einfach die russische Sprache und Literatur.
Mittwoch, 08. 08. 2001
Frühes
Aufstehen. Wir besteigen wieder einen Bus und fahren zu einem
Ziegelwerk, wo zu Häftlingszeiten Ziegel mit dem Elefantenstempel
des ???? hergestellt wurden [?????????? ?????? ??????? ??????????
= Speziallager von Solowki, ???? ist nicht nur die Abkürzung
für dieses Speziallager, sondern heißt auf Russisch
auch Elefant]. Ich bin sehr neugierig, denn mein Vater sammelt
Ziegelsteine. Leider bekomme ich aber auf der ganzen Insel
keinen solchen Ziegelstein zu Gesicht.
Wir steigen aus dem Bus aus. Ein slumartiger Eindruck eröffnet
sich uns: ein merkwürdiger Bus steht da, bei dem nicht
klar ist, ob er eine Herberge für Obdachlose oder einen
Kinderspielplatz darstellt. Amputierte Fahrräder liegen
herum und anderer Müll. Im Hintergrund - ein verfallenes
neogotisch-barockes Backsteingebäude, das an die Investment-Ruinen"
von Zarizino in Moskau erinnert. Es ist das Ziegelwerk. Wir
betreten einen dunklen Flur mit vielen offenstehenden Türen.
Die Wände sind hellblau gestrichen, die Türen haben
alle Gucklöcher. In den Räumen Scherben, aufgerissenes
Parkett, gleißend graues Licht, das durch die vergitterten
Fenster fällt. Das Treppenhaus voller Dreck, irgendwo
ein großer Sandhaufen in einer Ecke. Mir kommt das alles
von Erkundungstouren in russischen Kasernen in Deutschland
bekannt vor. Ein Gefängnistrakt mit veränderter
späterer Nutzung. Was wohl die, die hier später
zu tun hatten, sich bei den Türen mit Gucklöchern
dachten?
Wir fahren zurück. Da noch etwas Zeit ist, breche ich
mit Anne zu einem Spaziergang um den Heiligen See auf, der
das Kloster von der Landseite her schützt. Ich will das
Kloster von dieser Seite photographieren. Etwas bedenklich
stimmen mich die schweren Armee-LKWs, die große Satellitenantennen
gegen den Himmel richten. Man munkelt, das habe mit der Bergung
des untergegangen U-Boots Kursk zu tun. Vielleicht sind sie
aber nur für den Flughafen bestimmt, der hier in der
Nähe ist. Ich hoffe, mit meinem Photoapparat nicht in
die Nähe möglicher Militärgeheimnisse zu geraten;
es wäre schade um den Film.
Als wir wieder ins Hotel kommen, treffen wir Lars. Er hatte
die gleiche Absicht und wollte dabei seine Füße
ein wenig im Wasser kühlen. Dabei ist er in eine Scherbe
getreten und kann nun kaum noch laufen. Er fand ärztliche
Versorgung in der Polyklinik.
Nachmittags gibt es eine große und ermüdende Exkursion
durch den Kreml. Ich will das hier nicht wiedergeben, wer
sich für Sehenswürdigkeiten interessiert, soll in
einem Reiseführer nachschlagen. Nur soviel: von der Lagerzeit
erzählte unsere merkwürdig verklemmt wirkende Exkursionsleiterin
nichts. Wir bekommen nur die politisch - ungefährlichen"
Fakten serviert, man könnte auch sagen, die in Russland
politisch - korrekten". Als sie uns dann doch durch
das Museum führen muss, fängt sie an zu stottern
und zu zittern. Niemand weiß, was sie hat. Will sie
uns das nicht erzählen oder kann sie es nicht? Taktvoll
gibt ihr Herr Schlögel zu verstehen, dass wir müde
seien. Wir sind es auch, aber es ist nicht nur das.
Was mich an dem Kloster beeindruckt hat, ist der rohe Schliff
der Architektur, besonders die weißgekalkten, sich nach
oben verjüngenden, archaisch wirkenden Ecktürme
der Hauptkirche, der Retter - Verklärungs - Kathedrale
mit ihren schießschartenartigen Fensterschlitzen. Noch
eindrucksvoller scheint sie mir aber auf den alten Abbildungen,
ohne Zwiebeltürme. Auch die vielen torartigen Bögen,
durch die sich Gebäude und Mauern gegenseitig stützen
geben dem Kloster eine einzigartige, geheimnisvolle Atmosphäre.
Geduckt in der Ecke steht die palastartige Fassade der Mühlengalerie".
Von den Ecktürmen und den Wehrgängen hat man atemberaubende
Blicke auf das Meer, in dem sich der Sonnenschein spiegelt
und auf dem gleichzeitig Nebelschwaden kriechen. Man sieht
die Siedlung und den von Nadelbäumen gesäumten Heiligen
See. Ehrfurchtgebietend das große Refektorium, ein großer
gewölbter Saal, der das Tageslicht nur gedämpft
durch die kleinen Fensteröffnungen lässt und dessen
Decke von einer einzigen großen Säule in der Saalmitte
getragen wird. Und ebenso bemerkenswert - das Gebäude
des Schneiderpalastes, ein großes gekalktes Haus, dessen
halbrunde Fenster und mächtiger Giebel und dessen zurückhaltende
Schmuckbänder dem Bauwerk eine herbe Eleganz verleihen.
Noch während der Führung bittet mich Herr Rittersporn,
die Toiletten zu photographieren. Sie seien vermutlich das
einzige, was innerhalb des Klosters noch als Hinterlassenschaft
aus der Lagerzeit gedeutet werden könne. Und tatsächlich
befinden sich die Toiletten in einem rohen, unprofessionell
gemauerten Ziegelbau in dessen Inneren sich vier Sitzbänke"
aus purem Beton befinden. In diesen Löcher, die etliche
Meter in die Tiefe gehen.
Am Abend gibt es eine Diskussion über die Zukunft des
Lagermuseums, das sich noch innerhalb des Klosters befindet.
Es ist das erste Museum auf dem Gebiet der Sowjetunion, welches
das Thema des Gulags überhaupt in seinen Mauern aufgenommen
hat. Nun ist das Gebäude baufällig und muss renoviert
werden. Die Frage über die Zukunft des Museums wird nun
in einer kleinen, gut besuchten Veranstaltung öffentlich
diskutiert.
Der amtierende Museumsdirektor äußert seinen Standpunkt,
er wolle das Museum im großen Stile außerhalb
des Klosters und der Siedlung aufbauen - in eben der Ziegelei,
die wir am Morgen besichtigt haben. Die im Kloster befindlichen
Räume müssten den Mönchen zurückgegeben
werden.
Dagegen erhob sich heftiger Einspruch, sowohl von Herrn Schlögel,
als auch von den Gestaltern der aktuellen Ausstellung: Jurij
Brodsky und Alexander Bozhenow.
Die Diskussion verlief unter großen Schwierigkeiten,
weil es keine kompetente Diskussionsleitung gab und ständig
vom Thema abgelenkt wurde. Die Delegierte von Memorial Moskau
meinte, viel wichtiger sei es, den lebenden Menschen zu helfen
und erzählte nun ihre lange Lebensgeschichte. Aus der
ukrainischen Delegation war ein Zitat des ukrainischen Präsidenten
Kutschma zu hören Hätten wir unseren eigen
Staat gehabt, hätten wir so was niemals zugelassen."
Die Hälfte der Bevölkerung habe man ausgerottet,
das sei das Schrecklichste gewesen, was der Ukraine jemals
passiert sei usw.
Was niemand sagte, aber viele dachten, war die Angst, der
Plan, ein großes Museum zu bauen, diene nur als Vorwand,
um dann unter der Anführung einer angeblichen Finanznot,
gar kein Museum über diese unangenehme und vermeintlich
dem Tourismus abträgliche Geschichte zu haben. Auch sprachen
sich viele dafür aus, darunter Herr Schlögel und
wir westliche Teilnehmer, innerhalb des Klosters auf jeden
Fall eine Gedenkstätte zu hinterlassen, da das Kloster
ja den innersten Kern des Lagers bildete.
Wenn das auch zeigt, wie schwierig es anscheinend ist, solche
Diskussionen zu führen, wie schnell sie in persönlichen
Streitigkeiten und in der Vorhaltung nationaler Schemata versanden
- immerhin wurde die Diskussion nicht intern sondern öffentlich
und sogar unter Beteiligung und Befragung von ausländischen
Gästen geführt. Für uns war es natürlich
schwierig, die einzelnen Machkämpfe, die sich uns hier
offensichtlich boten, zu durchschauen. Andererseits war der
gute Wille, mit dieser Geschichte irgendwie umzugehen zu spüren,
einhellig wurde verlautbart, es sei nicht genug, sich an Feiertagen
der Lagergeschichte zu besinnen.
Donnerstag, 09. 08. 2001
Bald
nach dem Frühstück bestiegen wir ein Schiff und
fuhren zu Haseninsel. Die Sonne schien. Die Aussicht vom Heck
des Schiffes auf das Panorama des Kloster und auf die kleiner
werdende Solowki-Insel war prächtig, die Sonne schien.
Sanft legte sich das Boot in die ruhigen Fluten. Nach etwa
einer Dreiviertelstunde Fahrt tauchte die flache Haseninsel
mit einer kleinen Holzkirche auf. Der Bau der Kirche geht
noch auf einen Besuch Peters des Großen zurück,
sie ist - natürlich - ohne Verwendung von Nägeln
oder ähnlich häretischem" Material gebaut.
Aber die eigentliche Attraktion der Insel ist eine andere,
und so führte uns der Weg entlang baumloser, von Findlingen
übersäten Ebenen auf denen nur verschiedene Moose,
Flechten und Blaubeeren wuchsen. Nach kurzer Zeit lag die
Attraktion vor uns: große aus kleinen Steinen geformte
Labyrinthe oder vielleicht eher Spiralen. Angeblich stammen
sie aus der Steinzeit und unser Exkursionsleiter erzählte
denn auch von den verschiedenen wissenschaftlichen"
Theorien über die Herkunft und Bedeutung dieser Labyrinthe.
Er erzählte auch, dass etliche Touristen nur wegen dieser
Labyrinthe kämen, hier Kontakt zum Kosmos suchten oder
anderen Energieflüssen auf der Spur waren. Das die Insel
eine besondere Beziehung zum Himmel hat, war nicht neu, spätestens
auf dem Axtberg war mir das eigentlich klar. Doch diese Labyrinthe,
bei allem Respekt, schienen mir irgendwie lächerlich.
Es war einfach zu schwer vorstellbar, dass diese lütten
Steine hier seit der Steinzeit einfach regungslos dalagen.
Und die Gänge" der Labyrinthe, wirkten sie
nicht, wie von liebevollen Hobbygärtnern gejätet?
So machte ich mit Herrn Rittersporn meine Witze, er erzählte
mir, seine Theorie sei, dass sich hier zu Zeiten des ????
einige Häftlinge einen Spaß erlaubt hätten,
durch den sie der Sowjetmacht Stoff zum Nachdenken liefern
wollten. Als die uns umgebenden Russen - wir unterhielten
uns auf Deutsch - das Wort Theorie verstanden, waren sie Feuer
und Flamme, welchen gelehrten Beitrag Herr Rittersporn wohl
zum Phänomen der Labyrinthe zu leisten habe. Doch welche
Empörung bei solchen Ketzereien! So etwas war ja unvorstellbar!
Das wäre geradezu geschmacklos, den armen Opfern der
Inseln solche Späße zuzutrauen! Doch auch in dieser
Reaktion steckte schon wieder eine gewisse Komik.
Wir wanderten weiter und ich konnte über die übernatürlichen
Kräfte der Labyrinthe nicht weiter meditieren, denn ich
kam mit einem jungen Ukrainer ins Gespräch, der mir von
den Pop-Weltstars der Ukraine erzählte, von denen ich
leider noch nicht gehört hatte. Selbstverständlich
gab ich ihm zu, dass sie mir nur wegen meines mangelnden Interesses
für Popmusik unbekannt waren. Zum Glück standen
am Wegesrand viele Pilze, die man entdecken und sammeln konnte
und so wurde unser Gespräch auf andere Dinge gelenkt.
Die Insel schien allerdings solche prosaischen Beschäftigungen
nicht zu dulden. Der Weg führte uns nun zu einer heiligen
Quelle - nicht die letzte auf dieser Reise - plötzlich
bekamen die Ukrainer und Russen, eben noch voller Jäger-
und Sammlereifer, ernste Gesichter. Aus den Rucksäcken
wurden leere Plastikflaschen gezogen und andachtsvoll das
geweihte Nass geschöpft und getrunken. Aber, was waren
das für unheilige Töne! Das heilige Wasser hatte
den Füßen eines Ukrainers plötzlich ungeahnte
Gewandtheit verliehen: er war vor der Quelle in eine tiefe
Pfütze getreten, die im Rasen tatsächlich nicht
auszumachen war.
Am Abend brachen wir noch zu einer Kahnpartie auf. Dazu mussten
wir ein ganzes Stück wandern. Es gab einen guten Biervorrat
und auch Knabberein. Ich saß mit Felix, Paulina, dem
Amerikaner Michal und Olga in einem Boot, um eine internationale
Diskussion über die Lehren dieses Ortes zu führen.
Wir waren uns darüber einig, dass die Widersprüchlichkeit
des Ortes zwischen seiner Schönheit und seiner grausamen
Geschichte Rätsel aufgibt. Olga sagte dann, sie sei für
eine Aufarbeitung der Lagergeschichte, damit die Opfer nicht
umsonst gestorben seien. Dem widersprach ich, denn ich denke,
den Toten ist es egal" was wir machen, sie sind
tot. Mir ging es eher darum, sich über die Gefahren des
Bösen" - wie soll man es anders nennen? -
bewusst zu werden, um von diesem Bösen" nicht
angesteckt zu werden. Das mindeste, was dabei herauskommen
kann, ist, dass man sein genießenswertes Leben genießt.
Oder einfacher ausgedrückt: das man sich seines Lebens
bewusst ist und den Tag pflückt. Die Ansichten darüber
blieben allerdings geteilt. Aber so ist das in Glaubensfragen.
Unser gutes Gespräch wurde dann etwas abgelenkt - vielleicht
war auch einfach alles gesagt - als wir auf die Idee kamen,
mit den anderen Ruderern, die sicher mehr ein Auge für
die wunderbare Natur hatten, in Wettfahrten zu konkurrieren,
was besonders auf den engen Kanälen einen Mordsspaß
bei riskanten Überhohlmanövern bot. Diese Kanäle
waren auch anderweitig Anlass zu einiger Heiterkeit, denn
Olgas Hund Filja, der auch mit an Bord war, hatte die Angewohnheit
an diesen engen Stellen an Land zu springen. Es war dann nicht
nur schwierig, ihn wieder einzufangen, sondern dann auch,
sich des nassen Hundes zu erwehren und von der eigenen trockenen
Kleidung fernzuhalten. Alles in allem aber hatte Olga die
Lage im Griff.
Leider verloren wir die Wettfahrt. Irgendwie saßen die
professionellen Ruderer nicht in unserem Boot.
Freitag, 10. 08. 2001
Im
Morgengrauen ging es aus dem Bett. Ein trüber Tag, es
regnete in Strömen und ob wir wirklich zu der Insel Anser
wie geplant aufbrechen würden, wusste allein der Himmel.
Ich hatte mich inzwischen erkältet, wie die meisten anderen
Exkursionsteilnehmer - bis auf einige abgehärtete Russen
und einige trainierte deutsche Banjagänger, die hatten
noch eine Galgenfrist. Demnach war auch ich zwischen Vernunft
und Neugier hin- und hergerissen. Als es irgendwann nach dem
Frühstück aufhörte zu regnen und nur noch nieselte,
beschlossen wir, uns Regencapes umzubinden und doch aufzubrechen
- allerdings hatten von vorn herein nicht alle Lust, mitzukommen.
Wir mussten zu einer Bootsanlegestelle an einem See im Osten
der Insel und hatten einen tüchtigen Marsch vor uns,
den wir erst mal mit einem kleinen Umweg begannen, denn unser
Weg war durch den Flugplatz, an dem gerade gebaut wurde, versperrt.
Der Patriarch und Putin würden in Kürze die Insel
besuchen, munkelte man, und so war der Flugplatz nur für
Bauarbeiter, Personal und Kühe zugänglich, die sich
wohl wunderten, warum die grünen Kunststoffrollbahnen
nicht essbar waren.
Aber der Umweg, den wir nun einschlugen, hatte sein gutes.
So bekamen wir das Kloster in geheimnisvoller Stimmung zu
Gesicht - halb verschwand es im dichten Nebel, im Vordergrund
noch klar erkennbare, nasse Bretterzäune, welk wirkende
Wiesen und ein unheimlicher Hexenteich. Wir schlugen ein zügiges
Tempo an, und so ging es durch Sand- und Kieswege, die von
dichten Nadel- und Birkenurwäldern gesäumt waren,
entlang von Seen im Slalom um die Pfützen bis wir endlich
zur Bootsanlegestelle kamen, an der sich auch tatsächlich
- man wollte es bei dem Wetter so weit draußen gar nicht
vermuten - Menschen befanden, die uns erwarteten und uns,
entgegen der ursprünglichen Planung, in einem Kajütboot
übersetzen wollten. Wir wussten das Vorhandensein einer
Kajüte bald zu schätzen, denn es regnete mal stärker,
mal weniger stark, auf dem Wasser wurde es schnell eisig-kalt
und so zogen wir es vor, im Inneren des Bootes zu verbleiben,
wo es nach Diesel roch, die Luft einen kaum merklichen Nebelschleier
besaß (jedenfalls kam es mir so vor) und das gleichmäßige
Gluckern und Stampfen des Motors uns bald einschlafen ließ.
Die meisten von uns waren hundemüde und durch die kleinen
beschlagenen Bullaugen war ohnehin nichts zu sehen. Einzig
Herr Schlögel und Götz blieben heldenmutig oben
an Deck.
Ich weiß nicht mehr, ob ich geträumt habe, aber
irgendwann bemerkte ich, dass sich in der Kajüte wieder
Leben regte, dass das Gluckern des Motors aufgehört hatte
und das an Deck Schritte und leise Zurufe zu hören waren.
Wir gingen hinaus, der Regen war wieder in Nieseln übergegangen,
unser Boot befand sich im seichten Uferbereich der Insel,
von der ich erst mal nur Steine, Büsche und ein orthodoxes
Holzkreuz sah. Das Ruderboot, dass wir im Schlepptau mitgenommen
hatten, wurde gerade herangezogen und nun mit uns vollgeladen.
Vollgeladen" heißt optimale Platzausnutzung:
wir standen wie die Halberstädter Würstchen im Glas.
In der Mitte saß als Einziger der Kapitän"
und ruderte uns mit - aus Platzgründen - minimalen Armbewegungen
zur Insel. Ich musste an unsere gestrige Rudertour denken
und war von den Ruderkünsten unseres Kapitäns"
ziemlich beeindruckt. An Land angekommen galt es noch über
glitschige, z.T. mit Algen bewachsene Steine zu balancieren,
aber dann hatten wir sicheren Boden unter den Füßen.
Während wir auf die nächste Kahnladung unserer Genossen
warteten erzählten Herr Schlögel und Götz erstaunliche
Dinge. Sie hatten Robben gesehen, die dicht an das Schiff
herangeschwommen seien. Wirklich schade, dass ich das verpasst
hatte! Was wir alles verpasst hatten? Nun kam Götz in
Fahrt und erzählte, wie das Schiff, während wir
seelenruhig schliefen, in den Nebel geraten sei und dank fehlender
Navigationsgeräte (nicht einmal einen Kompass gab es!),
die Insel durch Kreuzen gefunden hatte. Lieber Leser, das
sollte man sich nicht so zu Herzen nehmen! Man hatte uns nicht
ausdrücklich darauf hingewiesen das die Meerestemperatur...
nun ja, und es wurden auch keine Vergleiche mit dem Untergang
der Estonia gezogen. Das die Inseln von Untiefen nur so umgeben
waren, was zahlreiche Schiffbrüche in der Geschichte
des Archipels verursacht hatte, las ich später in dem
Führer über Solowki. Aber was schreibe ich das -
wir wussten doch, wohin wir fuhren und wir werden es weiter
tun.
Nun wanderten wir weiter. Andrej, der russische Freund von
Manuela, amüsierte sich prächtig mit Filja, tobte
mit ihr, fletschte mit ihr die Zähne um die Wette und
schmiss ihr dicke Äste in die Sümpfe. Ich fand das
toll. Während dessen führte uns der Weg durch verzauberte
Landschaften: Sümpfe, die durch Bohlen passierbar gemacht
waren. Die Bäume verschwanden im Nebel, und die verschiedenen
Abstufungen von Grau ließen die Natur gestaffelt erscheinen
- wie das Bühnenbild eines Barocktheaters. In der Ferne
über den Bäumen, mehr erahn- als erkennbar ein kleiner
Berg, die Krone der Kulisse. Dann ging es wieder über
Wege, die durch den von Flechten überwucherten Urwald
führten, dessen Boden von Blaubeeren übersät
war. Es war schwer, nicht anzuhalten und sich in das Vergnügen
zu stürzen - und nicht immer gelang es - aber unsere
Gruppe hatte ein zügiges Tempo vorgelegt und wir wollten
ja auch noch allerhand sehen.
Nach einer Weile öffnete sich der Wald, eine große
Wiese tat sich auf, Bäume schimmerten an ihren Rändern
in allen Tönen zwischen grau und grün, gelb und
grün die Wiese, von einem lila Hauch beatmet. In der
Mitte der Wiese, in einer Mulde gelegen, die kristallinen
Formen eines Bauwerkes, einer verfallenen achteckigen Kirche
mit einem zwiebellosen Turm und einem Anbau, der ebenfalls
verfallen zu sein schien. Am Waldrand vor uns gedrängt
standen weitere, ebenfalls verfallene Holzhäuser.
Als wir der Kirche näher kamen, bemerkten wir unter einem
Dach ein Feuer, auf dem gerade ein Kessel appetitlich dampfte,
ein schwarzgekleideter Einsiedler-Mönch mit ungewaschenen
Haaren, gegerbter Haut und abgetragener Kleidung machte sich
daran zu schaffen und sah uns dabei aus den Augenwinkeln an.
Vor kurzem schien er noch auf dem gleichen Feuer, auf dem
er jetzt kochte, geschmiedet zu haben. Unsere Exkursionsleiterin
- es war wieder die junge, aufgeklärte Dame vom Axtberg
- erklärte uns in einer Art Torbogen zwischen Kirche
und Wohntrakt alles, was es zu wissen gab. Die Kirche gehört
zum ???????? ????, der Dreieinigkeits-Einsiedelei. Zur Lagerzeit
mussten hier zu verschärfter Haft Gepresste ihr Leben
fristen. Nun sei man bemüht, die inzwischen stark verfallene
Einsiedelei mit der Hilfe von Pilgern wieder herzurichten.
Dabei habe es vor kurzem einen Rückschlag gegeben, als
eine renovierte Wand wieder eingestürzt sei. Wir wollten
die Wohnräume" der Einsiedelei besichtigen
(eigentlich konnte ich mir nicht vorstellen, dass hier jemand
wohnen könnte), kamen aber nur in einen ebenerdigen Vorraum,
dessen Boden von großen Körben und Eimern voller
Pilze und Beeren vollgestellt war. An den Wänden hingen
Kräuterbündel. Am Ende des Raumes saß ein
weiterer Mönch, der verweigerte uns den weiteren Zutritt;
der Wohntrakt sei nur für Geistliche zugänglich.
Also gingen wir auf der anderen Seite des Torbogens wieder
hinaus und betraten ein Meer dieser lila Blumen, die für
das ganze Archipel typisch sind, die aber hier auf Anser besonders
ins Auge fielen. Auf russisch heißt diese Blume ????-???
auf Deutsch, wenn ich richtig liege, Weidenröslein. Vor
uns ging es relativ steil abwärts zu einem See, halb
rechts lag etwas tiefer ein Holzhaus, dessen Zustand einen
guten Eindruck machte - die Gebäudewand rechts neben
uns war - oh je, die Eingestürzte. Eine steinerne Ziegelwoge
lag zu Füßen der Wand, die nur noch zur Hälfte
existierte. Dennoch betraten wir das Innere der dahinterliegenden
Kirche, das nicht in Mitleidenschaft gezogen war. Die Decke
des Kellers oder der Krypta der Kirche war eingefallen, statt
dessen waren Bretter über die Pfeiler gelegt, auf denen
wir langbalancierten, aufpassend, nicht auf das falsche Ende
eines Bretts zu treten. In der Mitte war ein Quader aus gestapelten
Ziegeln - der Altar. Davor ein kleinerer Stapel mit einer
Ikone darauf. In einer Nische stand eine Erlöserikone.
Am Chorfenster, so weit man in einem achteckigen Raum von
einem Chor sprechen kann, befand sich ein orthodoxes Holzkreuz.
In den Fenstern war kein Glas, dafür Gitter, z.T. wohl
noch aus der Zarenzeit stammend. Es war wirklich erstaunlich,
aber diese Kirche wurde genutzt!
Wir verließen nun die Kirche und wanderten weiter nach
links, durchquerten die Wiese, und betraten wieder Waldgebiet,
dessen Wege wiederum von Blaubeerbüschen gesäumt
waren; hier waren die Beeren allerdings schon abgeerntet.
Unser Ziel war eine heilige Quelle, an der es noch Inschriften
von Häftlingen geben sollte. Nach einiger Zeit fanden
wir die Quelle auch tatsächlich, sie war einem sehr flachen
Brunnen ähnlich von einem Holzkasten eingesäumt,
der überdacht war, allerdings machte das Dach und auch
die Holzkastenkonstruktion einen überaus bedenklichen
Eindruck, dass schon warnende Stimmen laut wurden, lieber
nicht zu nah heranzutreten. Indessen lag ein ????, ein hölzerner
Schöpflöffel, so verführerisch da, dass es
kein Halten mehr gab.
Wir fanden auch tatsächlich eingeritzte Inschriften auf
den Balken des Brunnens, Inschriften, die einfach Namen von
Häftlingen und Jahresangabe beinhalteten, oder der
und der holt hier regelmäßig Wasser" und dem
und dem hat man die Frist verlängert" u.ä..
Der Rückweg wurde nun angetreten und ich bitte den Leser
bei all den Eindrücken nicht zu vergessen, dass ja auch
noch dieser Hund zwischen unseren Beinen tobt, knurrt und
bellt und tobt und tobt. Ich bitte, nicht zu vergessen, dass
das Wasser von den Bäumen tropft, dass wir durch Schlamm,
Pfützen und Wiesen wandern. Der Hals kratzt... aber das
hatte ich ja schon.
Noch einmal der tolle Eindruck: der Wald tritt beiseite, die
Wiese öffnet sich, jetzt etwas von unten her gesehen
und die schemenhafte Silhouette des achteckigen Kirchturms
(der perfektesten Form, wie viele finden). Passenderweise
unterhalten wir, also Anne und ich, uns gerade mit Anett über
Glaubensfragen. Auch mit der Russin Sonja kam ich auf der
Wanderung ins Gespräch, über die Zukunft von Russland
und Deutschland, was wir an unseren Ländern mögen
und was nicht, was wir an den jeweils andere Ländern
mögen usw. Jetzt wurde eine richtige Rast eingelegt,
an dem Haus, das fast am See gelegen und das, obwohl leer,
in gutem Zustand war. Nur im oberen Stockwerk bekam ich einen
Schrecken: als ich durch eine Tür treten wollte, prallte
ich zurück: sie ging auf einen Balkon, der hinabgestürzt
war.
Übrigens fanden sich auch an diesem Haus Inschriften.
Wir setzten uns nun an eine Bank vor dem Haus, aßen
Brot, harte Wurst und Käse, diesmal mit Gurken, Tomaten
und Äpfeln verfeinert. Auch hatten wir einiges Gebäck
im Gepäck. Was einzig fehlte, waren die Suppen, die hätten
meinem Hals bestimmt gut getan. Ich unterhielt mich beim Essen
mit Tanja, der rechten Hand von Herrn Iofe. Sie fragte mich,
ob ich schon mal Hundefutter gegessen hätte (so fasziniert
war ich doch nun auch nicht von Filja!?)? Als ich verneinte,
ihr aber erzählte, dass ich wohl Bekannte hätte,
die sich rühmten, solches getan zu haben, erzählte
sie mir, während sie genüsslich an ihrer Zigarette
zog, dass man während der großen Krise im Studentenwohnheim
mit Zigarettenasche überbackes Brot gegessen hätte;
das habe so ähnlich wie Rührei geschmeckt. Raucher
seien in dieser Zeit gefragt gewesen: Hast du ein wenig
Asche für mein Brot?". Ich konnte mir nicht so recht
vorstellen, wie Zigarettenasche den Geschmack von Rührei
annehmen kann, aber ich bin eben kein Raucher.
Die Wanderung ging weiter. Wieder entlang der herrlichen Weidenröslein,
durch Wälder, Sümpfe, dann einen Berg hinauf, der
den gewichtigen Namen Golgatha trägt. Oben eine völlig
verfallene Kirche und eine Baustelle. Die Kirchenruine bot
im Nebel ein gespenstisches Bild. Die ruinösen Konturen
des haubenlosen Turms schienen sich in den Wolken auflösen
zu wollen, um Erlösung zu ringen. Auch das Schiff mit
seinen glaslosen Fensterhöhlen entrückte im Nebel.
Gesteigert wurde der fast magische Eindruck noch im Inneren,
in das wir über provisorische Treppen aus übereinandergelegten
Ziegelsteinen, Holz u.ä. richtiggehend klettern mussten.
Der Putz der Innenwände war abgeblättert, nur an
einer Stelle waren noch Reste von Fresken auszumachen. Die
Decke war löchrig. Durch die Fenster war zu sehen, wie
der Nebel durch das Gebäude kroch. Aber hinten, im Altarraum
flackerte eine kleine unscheinbare Kerze. Dort war ein aus
einem Ziegelsteinquader gefertigter Altar mit einem etwas
grobschlächtigen Schild: Der Altar ist geweiht.
Nicht betreten!" Kleine Ikonen standen an den Wänden.
Außer unseren Leuten weit und breit niemand zu sehen.
Auf der anderen Seite der Kirche ein völlig verfallenes
Holzhaus; hier hatten wohl die Geistlichen früher gewohnt.
Unsere Exkursionsleiterin erzählte uns, was wir über
diesen Ort wissen mussten. Sie erzählte uns auch von
der wunderbaren Aussicht, die wir von hier aus gehabt hätten
- aber auch dieser Eindruck war von großem Erinnerungswert.
Wieder vor der Kirche sah ich mir noch einmal die verschiedenen
Kulissenebenen der Trümmer an, sah wie der Nebel sich
bewegte, sah zu dem erloschenen Kirchturm auf und über
ihm - mehr war es Ahnung als Wirklichkeit - den Nebel ein
wenig lichter werden.
Nun machten wir uns auf den Rückweg. Auf einmal bemerkten
wir, dass wir nicht mehr vollzählig waren. Ein Teil der
Gruppe hatte sich verlaufen. Rufen. Warten. Ausschwärmen.
Erst nach einer ganzen Weile fanden wir wieder zu uns und
setzten unsere Wanderung fort. Wir kamen nach einem tüchtigen
Marsch, den wir uns mit Blaubeeren versüßten, zu
den Booten, die nun an einer anderen Stelle der Insel auf
uns warteten. Der Himmel hatte sich - es war nun Abend geworden
- aufgeklärt, die Sonne vertrieb die letzten Wolken und
vom Boot aus sahen wir den Turm von Golgatha, der einer Burg
ähnlich aus dem Wald der Insel ragte. Neben uns fuhr
ein Boot, vollgestopft mit Ukrainern, die Bier an Bord zu
haben schienen und bei bester Laune waren. Wir blieben nun
größtenteils an Bord, denn wir wollten nun ebenfalls
Robben sehen, wurden aber enttäuscht. Nur von ferne durch
den Feldstecher sahen wir einige und fuhren dann noch an einer
weiteren vorbei, die allerdings tot im Wasser trieb. Dafür
wurden wir von einem weißen Belugawal entschädigt,
der zwar auch nur in der Ferne auszumachen war, dennoch waren
seine Tauchbewegungen deutlich zu sehen.
Wir waren noch überwältigt von den Eindrücken
der Insel, von der Wildheit der Natur und den verloschenen
bzw. wieder aufglimmenden Spuren menschlicher Zivilisation
dort. Es entspann sich ein Gespräch mit Herrn Schlögel,
Götz und mir. Wir fragten uns, wie es wohl im Winter
dort wäre, wie man in diesem Klima, das uns im Hochsommer
krank macht, das ganze Jahr über leben kann. Was es wohl
bedeute, in solcher Einsamkeit zu leben. Herr Schlögel
fasste das später dann so zusammen: Der Preis der Einsamkeit
ist die Aufgabe der Beziehung zur Welt, zur Gemeinschaft der
Menschen. Der Gewinn ist, man lernt die Nuancen, die Facetten
der Natur kennen. Wer jahrelang dem Wind zuhört
und den Mücken, der ver-rückt. Das ist Verrückung.
Derjenige hört das Gras wachsen." Und er fragte
sich nach dem Ende der Einsiedelmönche. Ob sie in den
Wald gegangen sind? Ob sie in Haft starben? Und schließlich
hatte diese Welt-Zurückgezogenheit der Kirche im Allgemeinen
auch eine wesentliche Kehrseite, sie habe ihr den Vorwurf
eingetragen, die Kirche sei aus den Schwierigkeiten der Welt
desertiert und lasse die Menschen im Stich. Und schließlich
beschäftigte uns die Frage, was wohl für ein Erfahrungsschatz
mit diesen untergegangenen Menschen verloren gegangen ist.
Es musste eines enormen Reichtums an Wissen bedürfen,
dieses Klima zu beherrschen. Dazu gehörte nicht nur,
die Kenntnis, wie viel Bevölkerung diese Inseln aushalten,
welche Zuchttiere hier leben können, welche Pflanzen
welchen Nutzen bringen und wie man sie wo anbaut, z.B. im
Botanischen Garten. Es gehörte auch das Wissen dazu,
wie man ein Haus baut. Man nimmt dort nicht einfach Bretter
und baut ein Haus. Es wird bestimmtes Holz genommen, das wird
so und so mit Meerwasser behandelt, durchtränkt, bis
es den Naturgewalten trotzt. Dann werden die Ritzen mit bestimmten
Moosen abgedichtet usw. Was wissen wir alles davon noch?
Inzwischen hatten wir die zwei Stunden Überfahrt fast
geschafft, wir fuhren auf den großen Seen der Insel
und nach einer Weile konnten wir wieder an Land steigen. Ich
war todmüde und nachdenklich, aber glücklich. Morgen
würde ich in die Banja gehen, um meine Erkältung
auszukurieren.
Sonnabend, 11.08.2001
Wir
standen heute nicht ganz so früh auf. Ich fühlte
mich immer noch erkältet. Dennoch brachen wir nach dem
Frühstück wieder zu einer Wanderung auf. Diesmal
war die Insel Muksalma unser Ziel, wieder wanderten wir in
einer kleinen Gruppe, allerdings in anderer Besetzung. Die
Sonne strahlte, aber der Weg war noch vom gestrigen Regen
übersät von Pfützen. Manchmal war es direkt
schwierig, zu entscheiden, lieber durch den Sumpfesrand oder
durch eine tiefe Pfütze zu waten. Der Weg schlängelte
sich durch die Natur, wir balancierten wieder über Baumstämme,
durchquerten von Urwäldern gesäumte Wege, bestaunten
die Masse an Findlingen, die überall herumlagen und die
mit den bizarrsten Flechten bewachsen waren, die in allen
Grün-, Grau-, und Brauntönen schimmerten, die sich
pelzig um Bäume und Sträucher wanden und den Wäldern
etwas gespenstisches verliehen. Es war gar nicht die romantisch
schöne Natur, sondern eher drückte sich hier in
der Natur Überlebenskampf aus, das Ringen um jedes etwas
Wind und Wetterschatten bietende Fleckchen, das auswuchernde
Leben. Findlinge schienen mit ihrem Flechtenwuchs in den Sümpfen
zu versinken, aus den Sümpfen krochen kleine Sträucher
und dürre Bäume. Und zwischen all diesem Unheimlichen
immer wieder die köstlichen Blaubeeren, die meinem Hals
Linderung brachten.
Nach etlichen Kilometern kamen wir an einen Damm, ganz aus
großen Feldsteinen bestehend; er führte in Schlängellinien
durch das seichte Meer und verband die Hauptinsel mit der
Insel Muksalma. Einst wurde er unter Leitung der Mönche
unter Mithilfe von Pilgern und Reisenden geschaffen - wie
die meisten vorrevolutionären Bauwerke der Insel. Es
bot sich nun ein ganz anderes Farbenspiel, als in den Sümpfen
und Urwäldern: strahlend-blau leuchtete der Himmel mit
blauen und grellweißen vom Winde zerfetzten Wolken.
Die Ufer von grünen bis dunkelgrauen Waldrändern
gesäumt. Vor uns der grau-braune Damm und links und rechts
davon das in allen Blautönen glitzernde flache Meer,
aus dem viele weitere Findlinge herausragten. Kleine gelbe
Blumen wuchsen zwischen den Steinen, es roch nach Meer, der
Wind wehte frisch und wohltuend.
Auf der Insel Muksalma ging es noch ein kleines Stück
durch einen Wald, dann tauchten die Ruinen der Farm"
(??????? ????) auf, ein zweistöckiges Backsteingebäude
aus dem neunzehnten Jahrhundert, und ein ebenfalls zweistöckiges
Holzhaus. Wir betraten nur das erstere, das Holzhaus war schon
in zu verfallenem Zustand, was wir dort sahen unterschied
sich nicht sehr von dem Inneren der Ziegelei: offene Türen
mit Gucklöchern, zerbrochene Fensterscheiben vor ansonsten
vergitterten Fenstern, viel Dreck usw.
Wir entfachten auf einer Wiese ein Lagerfeuer, kochten Tee,
dann brachen Anne und ich auch schon wieder auf, wir wollten
uns noch das Haus ansehen, in dem der russische Philosoph,
Theologe und Naturwissenschaftler Pawel Florenskij gelebt
hatte und es danach noch ins Museum schaffen.
Gesagt getan. Das Haus von Florenskij befand sich schon fast
am Ende des Rückweges, nicht weit von einem See gelegen,
auf einem Hügel halb am Waldesrand, halb am Rande einer
einladenden Wiese gelegen, die in einen verwilderten Garten
überging. Auch wenn das Haus von Außen noch ganz
passabel aussah, war doch sein Zustand Innen eher traurig
und so kehrten wir bald in die Ortschaft zurück und sahen
uns zum wiederholten Male das Museum an.
Ich habe das Museum bisher nur am Rande erwähnt, als
ich über die Diskussion schrieb, die den Verbleib des
Museums im Klosters behandeln sollte. Ich will die Ausstellung
daher hier noch kurz beschreiben. Die Macher" dieser
ersten Ausstellung über russische Konzentrationslager
in der SU waren zwei Inselbewohner: Juri Brodsky und Alexander
Bozhenow. Wie alle mir bekannten russischen Ausstellungen,
die sich mit der Aufarbeitung eines traurigen Kapitels der
Geschichte beschäftigen, war auch diese von perfektem
Design. Die Ausstaffierung mit Holz und die Gestalt einiger
Schauwände erinnerten an Lagerbetten, ähnlich übrigens
wie die Ausstellung im KGB-Museum im Potsdamer Städtchen".
In Gesichtshöhe waren die Gesichter etlicher hervorragender"
Opfer angebracht, so dass man unverzüglich begann, sich
über deren Schicksale zu informieren. Die allgemeinen
Informationen befanden sich auf durch die Farbgebung Trauer
oder Entsetzen symbolisierenden großen Schrifttafeln:
weiße Schreibmaschinenschrift, die Schrift der Täter,
die sich somit selbst anklagten, auf schwarzem Grund. In kleinen
Fenstern, die extra beleuchtet waren, die also heimelige Gefühle
wach riefen, waren besonders einprägsame Alltagsgegenstände
zu sehen: selbstgegossene Suppenlöffel, Samisdattexte,
selbstgemachte Nadeln, Kämme usw. Schwierig war es nur,
das Gästebuch einzusehen, die Wächterin, ein kleiner
Cerberus bewachte es und wollte es nur zum Reinschreiben zur
Verfügung stellen. Übrigens beinhaltete die Ausstellung
noch andere Bereiche der Inselgeschichte, also die Klosterzeit
vor der Revolution und die Zeit der Marine. Leider schaffte
ich es nicht mehr, mir diese Ausstellungsteile näher
anzusehen. Doch nun eile ich in die Banja, um mich endlich
auszukurieren!
Sonntag, 12. 08. 2001
Die
Banja hatte wunderbar geholfen: meine Erkältung war verschwunden.
An diesem Tage machte jeder, was er wollte. Wenn ich mich
recht erinnere, war ich mit Anne so lange es noch ging im
Museum. Abends machten wir noch einen Spaziergang, schossen
letzte Photos und verabschiedeten uns innerlich von den Solowki,
von deren uns völlig fremden Welt wir nur einen winzigen
Ausschnitt gesehen hatten und nur eine Ahnung dessen verspürten,
was es bedeutete hier zu leben.
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