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Exkursion zu den Solowezkischen Inseln
Tagebuch von Karl-Konrad Tschäpe


Donnerstag, 02.08.2001

Wenn man, wie wir, mit russischen Luftfahrtgesellschaften nach Russland fliegt, dann überschreitet man die kulturelle Grenze zwischen West und Ost mit der Schwelle des Flugzeugs. Gegen diese Theorie spricht, dass sich eigentlich schon vor den Check-In-Terminals die Schlangen einerseits in wasserfest und dschungeltauglich gekleidete, sich mit Taschen und Rucksäcken, deren Reisverschlüsse kurz vor dem Platzen stehen abmühende, ernstschauende Fernreisende und andererseits in Bermuda-Shorts gedresste, goldgeschmückte, kuscheltierbehängte Urlaubstouristen trennen. Aber das ist nur Selektion. Der Rahmen ist noch für alle derselbe. Aber sobald man die Schwelle des Flugzeugs überschritten hat, gibt es kein Zurück. Man ist eigentlich schon angekommen.

In unserem Falle erinnerte uns der strenge Uringeruch, der sich schon Meter vor der eigentlichen Flugzeugschwelle unmissverständlich andeutete daran, dass hier kein Zweifel möglich war: die Kultur- und Zivilisationsschwelle war übertreten. Aber vielleicht war es ja auch nur Zufall, dass wir ein besonders schäbiges Flugzeug erwischten, in dessen Sitzen man möglichst ruhig sitzen musste - und sie um Himmelswillen nicht verstellen durfte - denn an der Rückseite des Sessels war das Tischchen für das Essen befestigt, das auf die kleinste Bewegung reagierte und bei jedem Ruck den Hintermann in die Gefahr brachte, ihm das Essen auf den Schoß zu schütten. Abgesehen davon war das Äußere der Sitze nahe dem Unappetitlichen. Monitore, welche die aktuellen Fluginformationen an die Passagiere weitergaben, Fernsehunterhaltung oder wenigstens Musik aus der Armlehne fehlten. Der Blick aus dem Fenster stimmte auch nicht eben sorglos: auf der Tragfläche waren bedenklich große braune Flecken zu sehen; wie sich bei der Landung herausstellte, verursacht von auslaufendem Kerosin.

Doch nun reicht' s! Eigentlich war hier nichts ungewöhnlicher, als eine Reise nach Russland eben ist. Mein Fensterplatz hatte durchaus Vorzüge; das Wetter war herrlich und so sah ich schnell den Müggelsee unter uns liegen, die Oder war bald überquert und nun nahmen meine geographischen Kenntnisse auch schon rapide ab. Deutlich war der rechts- und linksodrische Unterschied zwischen der jeweiligen Feldbebauung zu sehen: große Felder auf der deutschen, kleine bunte Patchworkfelder auf der polnischen Seite. Wir überflogen die faszinierende Ostseeküste des Baltikums mit ihren Nehrungen, Buchten und Haffs. Dann dicke Wolken, welche das Flugzeug durchstieß und in schwindelerregenden Kurven senkte sich unsere Maschine gen Petersburg.

Passkontrolle und Gepäckrückgabe gingen relativ schnell vonstatten. Kaum hatten wir den Fuß auf russische Erde gesetzt, wurde ein russischer Kleinbus mit uns selbst und unserem Gepäck vollgestopft. Und nun war es nicht der typische Dieselgeruch, der mir diesmal zuerst in die Nase stieg - die vielleicht auch noch von dem Flugabenteuer betäubt war - diesmal waren die ersten Fremd-Eindrücke visuelle: Trümmerlandschaften, zerbröckelte und eingefallene Betonmauern mit den typisch russischen Mustern. Halbfertige Häuser schienen Bauschuttfeldern entwachsen zu sein. Unkraut, Schlaglöcher, wild wachsende Bäume. Herr Schlögel erzählte von einem nicht weit entfernten Hügel, von dem die Wehrmacht die Stadt eingesehen und beschossen habe - das war enorm, doch passte irgendwie zu dem, was ich aus dem Fenster zu Gesicht bekam. Nicht nur die Trümmer: nun fuhren wir im Kreis an einem eindrucksvoll inszenierten Weltkriegsdenkmal vorbei. Wenig später tauchten die ersten Stalinbauten auf, die Häuser wurden immer älter, die Fontanka wurde überquert. Der Verkehr wurde zähflüssiger. Dann standen wir, nicht weit vom Heumarkt, vor unserem Hotel (es hieß noch „Gostiniza", nicht „Otel", war aber für russische Verhältnisse absolut passabel).

Nach einem kurzen Aufenthalt im Hotel begaben wir uns in die "Uliza Rubinsteyna" in das Büro von Memorial. Der Weg dorthin, Petersburg überhaupt, machte mir Spaß. Ich spürte wieder den mir bekannten Abgasgeruch (und bekam bald zuviel davon), die alten verstaubten Fassaden erstrahlten im gleißenden Sonnenlicht. Die Fontanka spiegelte es und brach es in tausend Facetten. Frisch beschwingt war der Weg, voller Neugier auf das Kommende und uns Umgebende.

Die "Uliza Rubinsteyna" war erreicht. Das Büro von Memorial befindet sich in einem großen beeindruckenden Gründerjahrehof, etwas schmuddelig. Es riecht nach Urin, Katzen und Essen. Ganz hinten links eine Rarität, eine alte Schwingtür, der Eingang. Ein rostiger, dreckverschmierter Lift lässt das durch blinde Fensterscheiben graue Tageslicht durch seine schmutzigen Gitter. Eine grelle Klingel und wir sind in einem kleinen Büro (später bemerke ich, dass es durchaus nicht so klein ist) und einem professionell designten Museum in zwei Räumen. Eine Ausstellung zum Thema Totalitarismus im Deutschland und Russland des XX. Jahrhunderts. Für die Ausstellung habe ich jetzt aber wenig Zeit, denn Herr Venjamin Viktorowitsch Iofe erzählt uns über die Arbeit von Memorial. Diese wird hauptsächlich von freiwilligen Mitarbeitern bewältigt. Sie besteht in der Leistung humanitärer Hilfe an die Opfer der Repressionen, Engagement für die Menschenrechte und der Forschungs- und Archivarbeit. Außerdem sorge Memorial dafür, dass an den Stellen der Repressionen Denkmäler aufgestellt bzw. Museen eingerichtet werden. Er erzählt dann noch von den Solowezkischen Inseln, aber was er erzählt, haben wir schon selbst bei Solschenizyn gelesen.

Eine danach geplante Stadtrundfahrt auf den Kanälen von St. Petersburg fällt wegen Hochwasser aus. Das erfahren wir allerdings erst, nachdem wir schon eine halbe Stunde vergebens gewartet haben. Herr Schlögel führt spontan durch die Stadt: er zeigt die größten Sehenswürdigkeiten der Umgebung: Newskij-Prospekt, das „Narrenschiff", das Generalstabsgebäude, den Platz vor dem Winterpalais, Newaufer, Eherner Reiter und die Isaaks-Kathedrale. Die Zeit vergeht schnell und auf einmal ist es verblüffend spät, nach dem doch die Sonne gerade erst in einem dramatischen Farbenschauspiel über der "Kunstkamera" untergegangen ist.


Freitag, 03.08.01

Die Nacht ist schnell und gut verbracht. Nach dem Frühstück laufen wir in das Büro von Memorial. Bevor uns Herr Iofe dort einen Vortrag hält, erzählt er, er habe eben gerade mit den Solowezkischen-Inseln telephoniert. Die Insel solle den Status eines heiligen Gebietes erhalten, was bedeute, dass dieses wohl die letzte Exkursion dorthin sei. Wir sind bestürzt.

Es folgt ein anekdotischer Vortrag von Herrn Iofe mit wirklich irrsinnigen Lebensbeschreibungen verschiedener Gulag-Opfer. Sinn der Beschäftigung mit der Gulag-Vergangenheit und der NS-Geschichte in Deutschland sei es, den nun im XXI. Jh. Lebenden den Sinn, die Moral des XX. Jh. zu erklären, Lehren aus der Geschichte zu ziehen. Man müsse sich bewusst sein, dass es auch heute noch, im XXI. Jh., Konzentrationslager in Russland gebe, was eben für die Zukunft nicht besonders vielversprechend sei. Gleiches gelte auch für die Verbrechen, die in Tschetschenien geschähen. Zwischen deutscher und russischer Geschichte gebe es viele Gemeinsamkeiten, z.B. habe es auch in Deutschland Vorzeige-Konzentrationslager wie Dachau gegeben bzw. wie Solowki für Russland. Konzentrationslager mit Demonstrations- und Abschreckungscharakter, über welche die jeweilige Bevölkerung durchaus gewusst habe.

Herr Iofe erzählt gerne, was andere nicht wahrhaben wollen (und hat deswegen wohl mit vielen Menschen seine Schwierigkeiten): so z.B. wolle der Direktor des Ostsee-Weißmeerkanals nichts von den Opfern, die für dieses Bauwerk gestorben sind, hören (Felix erzählt mir später im Zug, dass im Gegensatz zum Direktor die einfachen Kanalarbeiter äußerst auskunftsbereit seien und über die grausame Baugeschichte des Kanals bestens bescheid wüssten). Memorial beschmutze das Andenken an die technische Meisterleistung und die Errungenschaften der Ingenieure, so der Standpunkt des Direktors. Überhaupt, so Herr Iofe, sei die Geschichte des Kanals falsch dargestellt. Denn durch die Forderung der GPU wurde der Kanal zwar billig und in Rekordzeit gebaut: als Baumaterial wurde aber nur Holz verwendet und so wurden in der Folgezeit ständige Ausbesserungen nötig. Erst in diesem Jahr sei die letzte Holzschleuse durch eine aus Beton ausgewechselt worden - der Kanal werde also in gewisser Weise erst in diesem Jahr fertig. Die einzigen Eisenteile bei dem Bau des Kanals seien übrigens Schubkarrenräder gewesen - stolz präsentiert sie Iofe in seiner Ausstellung. Na, und die Stemmeisen zum Steinebrechen sind aus Eisen und von beträchtlichem Gewicht.

Er fordert, die westliche Welt solle sich die russische Entsprechung von Auschwitz in ihre Karten eintragen: Kolyma. Das Todeslager, das Menschen auspresste, um Gold zu Tage zu fördern.

Auch nicht gerne erwähnt wird bei Stadtführungen durch Petersburg z.B., dass auf der Peter-Pauls-Festung bis 1924 politische Gefangene gehalten wurden. Auch ist die Festung entgegen der Darstellungen der Stadtführer sehr wohl einmal erobert worden: von den Bolschewiki, als die Matrosen dort den Aufstand übten und nach der Belagerung vom Hunger zum Aufgeben gezwungen wurden (Bogdanow nimmt die Kapitulation entgegen. Fast den ganzen Rest seines Lebens wird er hinter Gittern verbringen. Kurz vor seinem Tod verkündigt er 1957 ‚Das Experiment ist zu Ende. Es wird Zeit, vor dem Kapitalismus auf die Knie zu fallen.'")

Der zweite Vortrag war weniger spannend: ein Herr Machinskij, ein Spezialist für russische Frühgeschichte aus der Eremitage berichtete über sein Fachgebiet. Eine heikle Sache, wie ich aus der Lektüre vieler moderner pseudowissenschaftlicher Bücher zu diesem Thema wusste und entsprechend gespannt war. Es wird dann auch gleich ein großer Bogen geschlagen, zu den ersten Menschen, die um 3000 „vor unserer Ära" die Solowetzkischen Inseln besiedelten. Ich muss an Gottfried Benns Gedicht „Petersburg - Mitte des Jahrhunderts" denken.

„... Erster Teil:

‚Vom Gorilla bis zur Vernichtung Gottes',

zweiter Teil:

‚Von der Vernichtung Gottes bis zur Verwandlung des physischen Menschen'..."

Und so hören wir, die ersten Einwohner der Inseln seien Riesen gewesen, mit den Yetis verwandt, die dann von bösen Wikinger - Kaufleuten ausgerottet worden wären. (Na klar: alles Böse kommt aus dem Westen!) Einzelne dieser Yetis würden auch noch leben, er könne das auch beweisen, aber es wäre hier nicht der Ort und die Zeit dazu. Protest regt sich. Verwirrung. Ärger. Jemand lacht. Das sei nichts für westliche Positivisten kommt der Referent in Fahrt. Als Herr Machinskij nun arabische Quellen zitiert, meldet sich Herr Rittersporn. Er kenne die Quellen, auf die sich der Referent beziehe: tatsächlich beschrieben sie merkwürdige Pelzmenschen, die im Norden lebten. Nur sei sich die Wissenschaft inzwischen einig, dass es sich hier um Bären handele, den Arabern unbekannte Wesen.

Die Verwirrung will auch nach den Referaten nicht aus unseren Köpfen. Ein paar hektische Einkäufe werden erledigt, zur Selbstverpflegung der Gruppe auf der Insel: wissen wir doch nicht, was es dort tatsächlich zu welchen Preisen zu kaufen gibt. So werden harte Wurst, Käse und chinesische Tütensuppen eingekauft. Eine Delegation von Memorial aus der Ukraine taucht auf. Photos werden rumgereicht, man macht sich bekannt. Es sind Leute, die sich an etlichen Expeditionen zu den Überresten von alten Lagern beteiligt haben. Ich sehe Photos von verfallenen Blockhäusern im Urwald und Sumpf. Dann präsentiert mir der eine Ukrainer eine Broschüre von einem Lager, in dem er selbst gesessen hat und erzählt mir von seinen Mithäftlingen, die dort noch unter Gorbatschow ums Leben gebracht worden seien.

Nach dem Abendbrot (solche Übergänge fallen nicht nur in Textform schwer, ich werde mich die ganze Reise über nicht daran gewöhnen) eilen wir durch dunkle Straßen und Höfe zum Bahnhof und in den Zug. Es geht weiter nach Medwezhegorsk.


Sonnabend, 04.08.2001

Als ich morgens aufwachte und aus dem Zugfenster blickte, entdeckte ich nur Wald. Bald kamen wir nach Medwezhegorsk. Ein Märchenbahnhof, eine Art russische Villa Kunterbunt aus grünen Holzplanken und mit einem russisch-neogotischen Turm machte neugierig auf den Ort. An den Planken rosteten Metallplakate, die davor warnten, dass hastiges Überqueren der Gleise lebensgefährlich sei. Tatsächlich hatten wir es allen nachgemacht und zum Überqueren keinesfalls die große Betonbrücke benutzt, welche die Bahnsteige verband.

Hinter dem Bahnhof ging es allerdings recht trostlos weiter. Unverputzte Chruschtschowkas, ein halbverwahrloster "Park Pobedi"/ Siegespark. Betonwege, die so schmal waren, dass es den Entgegenkommenden schwer wurde an unseren isomattenbepackten, schweren Rucksäcken vorbeizukommen. Wir überquerten eine Betonbrücke, deren Geländer man nicht zu nahe kommen durfte, um nicht an dem bröckelnden Rand auszurutschen und in den rostigroten Fluss zu fallen, in dem halbtote Wasserpflanzen den Kampf mit der Strömung aufgegeben zu haben schienen. Schließlich unser für Sowjetverhältnisse sicher einmal schickes Hotel, "Gostiniza «Onezhskaja»", dessen Fassade ein avantgardistisches Zierelement vorzuweisen hatte, das an drei steilaufwärtsragende Fahnenmasten erinnerte, aber bei näherem Hinsehen lustlos schief gemauert war, Stein genau auf Stein versteht sich, und an Sträflingsarbeit erinnerte. Aber vielleicht ist das auch übertriebene Spökenkickerei.

Das Entrée des Hotels war dunkel, nur einige der Neonlampen funktionierten auch, was dem Ganzen einen desolaten Eindruck verlieh. Offensichtlich lag aber der Hoteldirektion daran, das wir uns dieses Entrée genau ansahen, denn es verging bestimmt eine dreiviertel Stunde, bis wir auf die Zimmer konnten. So starrten wir auf kahle Wände, Brandschutzinformationen, direkt neben der Rezeption, die sich hinter Glasscheiben befand und an Postschalter erinnerte, eine imposante Intarsienarbeit, die sich über die ganze Wand erstreckte und die russische Märchenwelt zitierte; allerdings wirkten die Feen etwas zu heroisch. Ich nutzte die Zeit, um mit der Toilette des Hotelrestaurants Bekanntschaft zu machen. Gleich neben der Eingangstür ein Waschbecken mit ungeheuren Resten von Erbrochenem mit der Konsistenz von Kartoffelpüree mit Speck. Dann ging es durch Pfützen unklarer Herkunft in den eigentlichen Abort. Direkt neben dem Becken - ein Scheißhaufen, der sich als Leckerbissen für alle möglichen Käfer und Insekten erwies. Ich war gerade dabei, meine Eindrücke an Kommilitonen zu vermitteln, von denen ich wusste, dass sie für so was ein offenes Ohr haben würden, als wir von einer burschikosen Frau angesprochen wurden, Erika Wolf, Professorin für Kunstgeschichte an einer amerikanischen Universität. Wie sich herausstellte war sie gerade dabei, ein Buch über den russischen Avantgardephotographen Rodchenko zu verfassen, der auch den Bau des Ostsee-Weißmeer-Kanals dokumentiert hatte.

Wenig später betraten wir unser Zimmer, das erstaunlicherweise überaus anständig war. Der Blick aus dem Fenster ging ins Grüne, das Zimmer war hell und beim ersten Hinsehen sauber...

Wir nahmen unser Essen im Hotelrestaurant ein, einfache russische Küche in mehreren Gängen und für meinen Geschmack durchaus akzeptabel. Und das russische Brot ist einfach immer eine Köstlichkeit! Es entschädigt einen für so manche Unannehmlichkeit und Unappetitlichkeit, die man im Lande ertragen muss. Es folgte ein Spaziergang durch die Stadt. Viel hatte die Stadt nicht zu bieten; immerhin ein architektonisch interessantes Gebäude im „neodorischen Stil" mit einem markanten viereckigen Turm, der in einer Art giebellosen griechischen Tempel mündete, dessen Säulenzwischenräume verglast waren - früher diente es als Hotel für die Kanalbauspezialisten. Das Haus war zwar noch belebt, es beherbergte etliche Geschäfte, doch schien es dringend renovierungsbedürftig zu sein.

Daneben ein unscheinbares Gebäude, in dem sich die Planungskommission für den Kanalbau versammelte. Über dem Eingang dem Eingang ein Orden in alter Ausführung - irgendeine Seltenheit, wie uns Herr Iofe, der durch die Stadt führte, versicherte.

In Richtung Bahnhof gelegen, auf dem Gelände eines Sportplatzes - der Standort eines ehemaligen zum Weißmeerkanal gehörenden Lagers. Am Rand des Sportplatzes stehen friedlich Birken. Im Hintergrund erheben sich bewaldete Hügel. Leute sitzen gelangweilt auf der Straße und beobachten uns. Die Sonne scheint. Nichts erinnert noch an das alte Lager, allenfalls die Umzäunung des Sportplatzes.

Weiter geht's zum Hafen. Der Eingang ist verschlossen aber wir schlängeln uns zwischen Torpfosten und Zaun hindurch. Das wir das selbstverständlich tun, gefällt mir - Freiheit auf Russisch. Der Hafen ist in einem traurigen Zustand. Riesen TAKRAF-Kräne rosten vor sich hin. Überall liegt verrosteter Schrott. Baracken faulen. Dem Hafen benachbart, ein verwilderter Strand. Halb im Wasser ein geheimnisvoll rauchendes, halbversunkenes Schiff. Und im Kontrast dazu die wunderbare Aussicht auf den im Sonnenlicht glitzernden Onegasee mit seinen grün und blau schimmernden bewaldeten Ufern. Mit bloßem Auge geht der See an einigen Stellen direkt in den Himmel über. Eine frische angenehm riechende Briese umgibt uns. Wir wollen uns eigentlich nur sonnen, in die glasklaren Wasser springen. Selbst der Schrotthafen ist auf einmal wie verwandelt, ist plötzlich nur noch Kontrastmittel und Kulisse zu dieser wunderbaren Natur.

Nach dem Abendessen gehen wir noch mal zu dem See zurück. Dort hat sich die Dorfjugend versammelt, von der wir neugierig-verstohlen beobachtet werden. Drei junge Männer machen sich an einem kleinen Motorboot zu schaffen. Sie bieten uns an, eine kleine Fahrt zu unternehmen - Felix, Marcella und Maria stiegen tatsächlich ein - wir sehen zu, wie die vier erst lange auf den flachen See hinausrudern und dann mit summenden Motor schnell kleiner und kleiner werden. Dabei geht über dem bewaldeten Horizont groß der orange Vollmond auf, langsam und majestätisch. Ein breiter orangefarbener Lichtstreifen schimmert im See. Hinter uns ist über ein paar Holzhütten und den dahinter befindlichen Neubauten die Sonne untergegangen. Wir machen uns auf den Rückweg, der sich nicht so einfach gestaltet, wie gedacht, denn die jungen Leute wollen sich gerne noch mit uns unterhalten, sich mit uns treffen. Aber wir haben noch Schlaf nachzuholen.


Sonntag, 05. 08.2001

Nach dem reichen und warmen Frühstück treffen wir uns vor dem Hotel, wo eine Reihe von Bussen auf uns wartet. Es regnet. Bis es endlich losgeht, rinnen etliche Regentropfen die Scheiben hinab. Mit uns fahren die Ukrainer, Erika Wolf und offenbar etliche Einwohner der Stadt. Unser Bus-Konvoi wird von der Polizei eskortiert. Es geht durch neblige Wälder und Dörfer, bis wir wieder in einem Wald links einbiegen, eine neugemachte Teerstraße entlang fahren und den Bus verlassen. Vor unseren Augen ein eindrucksvolles Denkmal: Der Waldboden ist ausgestochen, so dass ein gerader, wie eine Wunde klaffender Sandplatz entsteht, der an die hier geschehene Gewalt doppelt erinnert, durch die Wunde im Waldboden und durch den Sand an sich, der vor meinem inneren Auge ein frisches Massengrab entstehen lässt. Auf dem Platz ein großer Findling, an dem eine Bronzeplatte mit dem Bildnis eines entsetzt blickenden angeschossen zurückstürzenden Engels angebracht ist. Er hat die Flügel noch abgespreizt, mit denen er die Menschen, gefesselte Opfer der Repressionen - wie lange noch? - beschützt. Auf dem Stein die einfache Botschaft «Ljudi, ne ubiajete drug druga!» / „Leute, tötet Euch nicht gegenseitig!".

Es werden Reden gehalten, von verschiedenen Vertretern von Opfern, von Regierungsabgesandten, von Botschaftsvertretern. Ein älterer, wohl mächtiger Herr erteilt den verschiedenen Damen und Herren das Wort. Eine alte Frau aus der Menge will auch etwas sagen. Sie drängt sich dazwischen, zum großen Unmut der russischen Weiblichkeit im Publikum. Man versperrt ihr den Weg, „Tizhe!!! und scht!!!" zischt es. Aus der Reihe getanzt wird nicht.

Es gibt noch einen weiteren Gedenkstein für die hier ermordeten Häftlinge von den Solowezkischen Inseln. Auch hier werden Reden gehalten. Hier sagt Herr Schlögel ein paar Worte, er macht klar, dass Medwezhegorsk ein Teil Europas ist und ein Teil der europäischen Gewaltgeschichte. Es gelte, sich zusammen dieser Geschichte bewusst zu werden und die Konsequenzen daraus zu ziehen. Auch ein junger Vertreter der muslimischen Gemeinde der Stadt Petrosawodsk tritt auf. Immer wieder ist zu hören, „... damit das nie wieder geschehe" „damit sich so was niemals wiederhole" - aber sind das nicht nur Phrasen, denke ich. Was passiert denn in Tschetschenien? Auch der junge Moslem eben hat es angesprochen. Ist Russland nicht auf dem besten Wege, sich aus der westlichen Zivilisation gänzlich zu verabschieden? Wird das Rad nicht überall zurückgedreht? Und gibt es tatsächlich schon wieder politische Morde, wie Herr Iofe immer wieder betont?

Immerhin, die Trauer ist kulturell gut organisiert: jeder hat seinen Gedenkort. Es gibt ein großes orthodoxes Kreuz und eine orthodoxe Kapelle, ein großes katholisches Gedenkkreuz, auch die Moslems finden einen Ort zum Gedenken an ihre ermordeten Glaubensbrüder. Übrigens sind die Moslems tschetschenische Flüchtlinge, die in Petrosawodsk Unterkunft gefunden haben. Sie sind keinesfalls Nachfahren der hier Repressierten. Sie kommen aus reiner Solidarität und sicher auch, um sich zu Wort melden zu können. Ich habe nicht den Eindruck, dass sich jemand durch die Anwesenheit anderer Konfessionen gestört fühlt, im Gegenteil, man photographiert sich gegenseitig, spricht miteinander, guckt sich interessiert zu... Auch kommt hier jeder zu Wort und es werden durchaus auch regierungskritische Worte laut.

Neben der muslimischen Delegation sind die Ukrainer auffällig. Demonstrativ sind sie in den ukrainischen Nationalfarben gekleidet, haben Fahnen, Ikonen, Kerzen, ukrainische Erde und andere national aufgeladene, symbolträchtige Gegenstände dabei. Es wird ausgiebig gefilmt, photographiert, an den Gedenksteinen posiert. Anscheinend wollen sie ihren Landsleuten aber auch den Russen zeigen, dass sie bei der Aufarbeitung der russischen Gulag - Geschichte ein Wörtchen mitreden wollen.

Für jeden der hier Ermordeten gibt es eine Gedenkstele, der ganze Wald steht voll von ihnen. Aus einigen ist ein Kreuz geformt oder es sind Photos angebracht. Vor manchen flackern Kerzen. Die Trauer, der Totenkult findet in Russland immer sein perfektes Design, das kann man in jedem Kriegsmuseum, in jedem Museum über den Gulag nachvollziehen. Als ich das Gelände verlasse, bemerke ich, dass sogar die Zäune aus ineinander übergehenden orthodoxen Kreuzen bestehen. Und auch der Himmel trägt Trauer.

Wir versammeln uns wieder im Bus und die Fahrt geht nun weiter zum Ostsee-Weißmeer-Kanal. Wir bekommen eine Schleuse zu sehen. So riesig ist der Kanal gar nicht. Die Ukrainer springen überall umher, wollen filmen, aber fleischige Damen hindern sie. Plötzlich tönt ein Lautsprecher aus dem Nichts - „Hören sie auf zu filmen, oder sie werden bestraft" tönt eine strenge Männerstimme. Wenig später taucht ein Militärjeep auf, Leute in blauen Camouflageuniformen steigen aus und beobachten uns verstohlen aus einiger Entfernung. Herr Iofe erzählt uns, der Kanal sei kurze Zeit vorher wieder als strategisch wichtig eingestuft worden und abgesehen davon seien wir, wie gesagt, hier nicht willkommen. Ich photographiere dennoch, denn von Photographieren war bisher nicht die Rede. Viel zu sehen ist eigentlich auch nicht, außer zwei Schleusenwärterhäuschen und dem Kanal, der sich über Terrassen hinten in den Onegasee hinabschleust. Wir besteigen den Bus und fahren zurück zum Hotel, Mittagessen.

Nach dem Mittag hält uns Erika Wolf einen Vortrag auf Englisch über Rodchenko. Er sei, so meint sie, sowohl Opfer des Regimes gewesen, denn seine Arbeiten seien wiederholt als abweichlerisch empfunden worden, als auch Mitläufer, denn er hat Aufträge angenommen, wie die Dokumentation des Bau des Ostsee-Weißmeerkanals und habe sich so auch mitschuldig gemacht, indem er die Propaganda des Regimes unterstützte. Ein ähnlicher Fall wie Leni Riefenstahl bei uns, denke ich.

Dann besuchen wir noch das Museum neben dem ehemaligen „neodorischen" Hotel der Kanalspezialisten. Es gibt viel heimatkundliches und auch etliche Informationen zur Lagergeschichte, die nichts beschönigen. Wir werden freundlich vom Museumspersonal geführt, alles wird erklärt, Fragen werden beantwortet, man freut sich, auf interessiertes Publikum zu treffen.

Plötzlich wird die Weiterreise verkündigt. Ein paar von uns sollen vorfahren, denn es gelingt nicht, für alle Karten in einem Zug zu bekommen (von Petersburg war es unmöglich, Karten für die Strecke Medwezhegorsk - Kemj zu kaufen, man verkauft in Petersburg nur Karten ab Petersburg). Und so versammeln sich die, die ein Zelt haben, darunter auch Anne und ich. Wir eilen zum Zug. Der steht aus unerfindlichen Gründen länger als geplant, und wir sehen noch den zweiten Teil der Gruppe den nächsten Zug besteigen.

Mit uns fahren auch die russischen Teilnehmer der Gruppe, alle sehr viel jünger als wir. Sie sind alle gut mit der Lagergeschichte Russlands vertraut. Wir unterhalten uns gut mit ihnen, der Wodka fließt, die Stimmung ist gut. Draußen fliegen die herrlichsten Landschaften an uns vorüber: herrlich einsame Seen, Urwälder, Wiesen, Sümpfe. Gegen 1:00 Uhr nachts kommen wir in Kemj an. Ein Taxifahrer mit einem Kleinbus hofft auf ein gutes Geschäft und bietet uns an, uns zum Hafen zu fahren. Wir stimmen zu. Der Kleinbus wird mit unseren Rucksäcken vollgeladen, wir steigen oben auf und eine wacklige Fahrt beginnt. Nach etwa Zwanzig Minuten heißt es aussteigen. Wir suchen einen Platz für die Zelte. Da heißt es, ein paar Fischer wären bereit, uns überzusetzen zu den Solowezkischen Inseln. Aber - ach! - zu teuer. Die wollen über 30.-DM pro Person. Wir schlagen im Dunkeln die Zelte auf weichem, holzigem Untergrund auf. Der Mond scheint malerisch über einer Hafenlandschaft und einem Haus, das auf einer Art Mole steht. Wir kriechen in die Zelte und lassen uns wegsacken.


Montag, 06.08.2001

Ein diesiger Morgen begrüßt uns. Wir haben auf dem weichen Grund des verfaulenden Hafens blendend geschlafen. Erst jetzt können wir richtig wahrnehmen, was für eine bizarre Landschaft uns eigentlich umgibt. Es sieht aus wie ein verwüsteter Heuhaufen aus Holz, der halb im Wasser liegt. Im Wasser schwimmen seltsam gelbe Algen, Sägespäne und Müll. Halb von Nebel umhüllt die Umrisse eines sehr verwittert wirkenden Holzdorfes mit einer im Bau befindlichen kleinen Kirche. Fast gegenüber auf einer Art Steg oder Mole ein Haus, dessen Bauart chinesisch anmutet: da war früher der ??????????? [Abk. für ???????? ????????????? ?????, auf Deutsch: Zwischenlager-„Punkt" Kem], von dort wurden die Häftlinge zu den eisigen Inseln eingeschifft. Auf der anderen Seite ein modernerer Hafen, Kräne, ein Zaun, ein Wachturm. Dickpelzige Hunde streunen.

Wir erwarten die anderen. Jeden Moment können sie da sein; gestern haben wir sie ja noch in den Zug einsteigen sehen, als wir gerade losfuhren. Sie können nicht lange nach uns eingetroffen sein. Aber der Rest der Gruppe lässt sich Zeit. So ziehen sich die Kreise unserer Erkundungstouren in immer größeren Durchmessern. Am „richtigen" Hafen entdecken wir Granitsteine mit dunkelroten Einschließungen. Tanja, eine Russin von Memorial die mit uns fährt, meint, es handele sich um kleine Granate, was ein kleines Goldfieber auslöst. Später versichert uns Erika, unsere amerikanische Kommilitonin, es handele sich nur um Rosenquarz. Anne nimmt für alle Fälle ein Andenken mit, und Rosenquarz ist ja auch ganz schön. Wir frühstücken in einem kleinen Restaurant, dessen Chique sich von der Umgebung deutlich abhebt. Drinnen ist es sauber, es gibt ein relativ mageres Frühstück, die Glotze heult und leider, leider gibt es keine Toiletten. Das ist besonders für unsere weiblichen Mitreisenden bitter. Gleich hinter dem Restaurant entdecken wir in russisch und englisch verfasste Reklame, die offensichtlich ausländische Gäste auf die Solowezkischen Inseln locken soll. Und wir dachten schon, am Ende der Welt zu sein! Nein, sind wir nicht, denn gleich um die Ecke gibt es auch noch ein kleines Lebensmittelgeschäft, ein hundertprozentiges Plagiat der alten DDR-Tante-Emma-Geschäfte. Unfreundliche Bedienung, die sich über ihre ausländischen Kunden nicht im Mindesten verwundert. Die alten Gemüsekisten, Saftflaschen, die vom vielen Wiederverwerten schon leicht blind sind, Große Kisten mit Keksen und Nudeln, ein Regal, auf dem säuberlich die Backwaren präsentiert werden, die auf Paketpapier liegen. Eine originale Käsevitrine mit Neonbeleuchtung, wie es sie früher im Tante-Emma-Laden bei mir um die Ecke gab. Und es riecht wie früher! Es ist wirklich erstaunlich. Natürlich bin ich in Russland schon oft an die alte DDR erinnert worden, aber das ist einfach perfekt! Wir kaufen tüchtig Piroggen, Getränke, Gebäck und alles Mögliche, es mundet an der frischen Luft auch tatsächlich aufs Beste.

Als wir wieder zurückkommen, ist Anett bestürzt. Sie findet einen großen feuchten Fleck an ihrem Rucksack, den sie an einen Holzstoß gelehnt hatte. Ein furchtbarer Verdacht kommt ihr auf, sie riecht an dem Fleck, ohne eindeutiges Ergebnis. Dennoch ist sie der Überzeugung, dass hier einer der pelzigen Hunde am Werke war.

Endlich taucht ein Bus auf, der zweite Teil der Gruppe kommt nun an und wir werden nett begrüßt. Wir sammeln uns am Hafen und schon bald fährt uns ein Schiff in Richtung Osten auf die Solowezkischen Inseln. Sagte ich vorhin „Ende der Welt"? Nein, jetzt erst durchquerten wir es. Was ich sah, fuhr mir unter die Haut, belebte sie mit kleinen elektrischen Stößen. Das waren Ur-Bilder, die irgendwo tief in den Genen archaische Gefühle auslösten, was ich sah, war die Erschaffung und das Ende der Welt.

Kemj rückte in die Ferne, verschwand im Dunst, flache graue Inseln entstiegen langsam dem Horizont oder dem Nebel. Eine scheinbar letzte bewohnte Insel schwamm an uns vorüber, darauf ein Haus mit einem merkwürdigen Aufbau; ein Leuchtturm, wie man uns Verwunderten sagte. Nun kämen wir auf die offene See, war die Auskunft. Spürbar wehte der Wind, Wassertropfen verspritzend. Schäumend tauchte der Bug unseres Schiffes in die Flut. Der Himmel bot ein Schauspiel von Wolken, die das ganze Spektrum von Grautönen wie ein Teppich präsentierte, dazwischen eine Ahnung von Blau durchlassend oder Streifen von Sonnenlicht. In der Ferne ein einsames den Naturgewalten trotzendes Segelboot, vor der beeindruckenden, sich im Himmel fortsetzenden Hügelkulisse einer Insel.

Dann in der Ferne die große flache Solowezkische Insel, schemenhaft, noch nicht klar, ob eine Wolkenbank oder tatsächlich schon Land. Venjamin Viktorowitsch Iofe wies auf den Axtberg hin, der sich nun deutlich abhob - aber wir sollten keine Angst haben, die Seefahrt ginge noch mindestens zwei Stunden - erklärte er, als er unsere etwas betroffenen Gesichter sah. In mir indes wiederholten sich die Gefühle des Schreckens, als sich in mir die Beschreibungen Solschenizyns über die Ereignisse auf dem Axtberg abspulten. Ich sah durch den Feldstecher. Etwas Zeit verging und ich konnte an anderer Stelle der Insel kristalline Strukturen ausmachen: das musste das Kloster sein. Tatsächlich schärften sich die Konturen immer mehr, bald war es mit Sicherheit auszumachen, auch ein Kirchturm auf dem Axtberg und auf einer vorgeschobenen Insel ein echter Leuchtturm, aber das Schiff hatte noch etliche Kilometer durch das unruhige Meer zu stampfen, Wellen zu brechen und Gischt zu verspritzen bis wir tatsächlich auf der Insel landeten.

Wir stiegen aus - zuvor hatten wir unter Deck gehen müssen, weil unser Schiff überbeladen war, was die Hafenpolizei nicht sehen sollte - und der Eindruck, der sich uns nun bot war doch etwas erschlagend. Eine große Ruine schien fast auf uns fallen zu wollen, so der Eindruck vom niedrigen Schiff. Dann die nun prächtig und klar sichtbare Klosterarchitektur. Am Kay viele Leute. Irgendjemand filmte uns aufdringlich andere photographierten. Was sollte das? Ich fühlte mich beobachtet. Herr Schlögel ging auf einen Kameramann zu und fragte ihn, für wen er denn hier filme. Für das Archiv des Museums war die etwas einfältig klingende Antwort.

Wir beziehen nach kurzer Wartezeit das Hotel, ein schlichtes braun gestrichenes Holzhaus aus dem 19. Jh., früher war es Herberge für Pilger, dann, wie eine Gedenktafel bezeugt, Unterkunft für hier ausgebildete Matrosen, von denen im 2. Weltkrieg einige fielen. Auf der Rückseite des Hotels gab es einen entsprechenden Gedenkstein, an den während unserer Anwesenheit noch ein Messingkreuz angeschraubt wurde. Auch solche Denkmäler bedürfen des neuen Geistes. Erst recht auf so einer Insel. Doch eigentlich weiß ich noch gar nicht, dass ich auf „so einer Insel" bin, vorerst werden die Betten belegt. Mit dem Photographen Lars tragen wir ein Bett vom oberen Stockwerk ins untere - Marcella, unsere Italienerin, will mit Erika, unserer Amerikanerin in einem Zimmer übernachten - die Damen-???????? machen große Augen, aber es bedarf nur einiger beschwichtigender Worte und sie sind beruhigt.

Die Sonne geht schon unter - mittlerweile haben wir strahlend blauen Himmel, einzig ganz weit am Horizont, Richtung Kemj sind noch einige Wolken zu sehen. Das Kloster erstrahlt im Sonnenlicht, ich stehe eine Weile an dem vom Hotel zum Kloster steil abwärts führenden Hohlweg, beobachte die Menschen, die geschäftig das Kloster betreten und verlassen, Fischer passieren in Ölzeug und mit Eimern bewaffnet, schwere russische Motorräder, bedenklich schwankende Busse fahren den Hohlweg hinunter und wirbeln viel Staub auf. Ich umrunde mit Anne das Kloster, bewundere die mit leuchtend orangefarbenen Flechten bewachsenen Klostermauern, die in der Abendsonne noch einmal so schön das Licht reflektieren. Ich sehe die silbrig schimmernden Dachschindeln der Zwiebeltürme, die unter großen rostigen Eisendächern befindlichen gewaltigen Wehrtürme, deren Schießscharten dunkle Gesichter abgeben. Ein merkwürdig summendes Geräusch will nicht so recht zu diesen Eindrücken passen: es ist das kleine dieselbetriebene „Elektrizitätswerk" der Insel, das seine monotone Melodie bis hierher schickt. Wir versammeln uns gegen Sonnenuntergang zum Abendmahl auf der Wiese vor der Herberge, müde, aber gutgelaunt nehmen wir unsere Mahlzeit ein. Allerdings lassen uns die auf der Insel streunenden Hunde dabei nicht in Frieden. Sie veranstalten Jagden - der immer muntere Hund Filja von Olga, einem Mädchen aus der russischen Gruppe, immer mitten dabei - sie nehmen keine Rücksicht auf uns, die wir beim Kauen zusammenzucken und unsere mit heißem Tee gefüllten Becher mit Argusaugen bewachen. Dennoch genießen wir die köstliche Wurst, die wir in Petersburg gekauft haben und den guten Käse, der an der frischen Luft gleich noch einmal so gut schmeckt. Zukünftig werden allerdings die Mahlzeiten im Hotel eingenommen, beschließen wir. Doch haben wir noch etliche Male auf dieser schönen Wiese gesessen, um uns Vorträge anzuhören oder einfach nur miteinander zu reden.


Dienstag, 07. 08. 2001

Ein neuer Tag bricht an, die Sonne strahlt. Eigentlich ist sie die ganze Nacht nicht untergegangen: durch meinen unruhigen Schlaf in den noch nicht wieder gewohnten russischen Feldbetten und dank des nahezu wolkenlosen Himmels gab es eine herrliche Weiße Nacht.

Schnell gefrühstückt: es gab Tee, Käse, harte Wurst, Brot und chinesische Tütensuppen. Aufbruch zum Gedenkstein der Insel, vorbei am Kloster, an einigen Holzhäusern mit etwas trostlosen Plätzen oder Höfen dazwischen. Da steht der große Granitfindling mit der schlichten Aufschrift „Den solowezkischen Gefangenen". Etwas sehr nüchtern, denke ich bei diesem Anblick. In mir wirkt noch der Eindruck von der Veranstaltung in Medwezhegorsk nach. Es stört auch eine kleine sowjetische Anlage mit mittelgroßen Boxen und Mikrophon direkt neben dem Gedenkstein. Vor diesem steht ein baumhohes orthodoxes Holzkreuz in einem Steinhaufen. Es ist die Hinrichtungsstelle der Insel. Doch das erfahre ich von Venjamin Viktorowitsch, hier deutet sonst nichts auf die blutige Vergangenheit dieses Ortes. Es versammeln sich die verschiedenen Vertreter von Memorial aus Russland und der Ukraine, schaulustige Inseleinwohner - ob unter ihnen auch Nachkommen der einst inhaftierten sind, vermag ich nicht zu sagen, Venjamin Viktorowitsch Iofe sagt mir, viel seien es nicht - und wir, die Exkursionsgruppe der EUV. Blumenkränze von der Größe eines Kleinkindes werden präpariert, die Photographen und Videofilmer bringen sich in Stellung. Die Redner nesteln an ihren Anzügen. Ernste Gesichter. Der Direktor des solowetzkischen Museums erteilt das Wort. Es spricht der Chef der „Verwaltung des Bezirks Archangelsk", Anatolij Anatolewitsch Efremow. Er sagt, man müsse sich seiner Geschichte besinnen, sonst gäbe es keine Zukunft. Was hier geschehen ist, dürfe sich niemals wiederholen. Hier seien die hervorragendsten Menschen zu Tode gekommen. Es komme darauf an, sich dieser schwarzen Seiten der russischen Geschichte zu erinnern, obwohl ein neues Leben auf der Insel begonnen habe und die Geschichte der Insel auch viel anderes interessantes biete. Der Opfer dieses Ortes wolle man sich immer erinnern.

Nach dieser etwas formelhaften Rede, die das Vergangene mit gewissem Unbehagen nennt, wird dem Chef von Memorial Petersburg, Venjamin Viktorowitsch Iofe, das Wort erteilt. Seine Worte sind sehr viel kritischer. „Jedes Jahr versammeln wir uns hier. Jedes Jahr reden wir davon, dass sich solches niemals wiederholen dürfe. Aber in Wirklichkeit haben wir uns noch nicht verändert." Genau so wie damals würden Unschuldige zu Opfern. Das Erbe des XX. Jh. sei uns Warnung für die Gestaltung des XXI. Jh. Es gelte hier die Frage zu entscheiden, ob der Staat der Gesellschaft diene oder die Gesellschaft dem Staate.

Als nächstes redet die Chefin von Memorial Moskau. Sie redet mit zitternden Händen. Sie übermittelt den „flammenden Gruß" ihrer Moskauer Mitarbeiter und sagt: „Meine Eltern, ebenfalls Opfer des Regimes, liegen irgendwo. Dennoch bin ich überzeugt, sie sind mit mir hier. Bin ich in einer anderen Stadt, sind meine Eltern auch dort. Das hier (und sie weist auf den Gedenkstein) ist kein Denkmal. Das ist ein Grabmal!" Dann bittet sie Efremow, die Kontrolle über dieses Grabmal zu nehmen und fordert ihn auf, nicht zu erlauben, dass sich so etwas noch mal wiederhole.

Etwas merkwürdig klingt dieses „Übernehmen sie die Kontrolle über dieses Grabmal!" nach. Auch der „flammende Gruß" erinnert an die sozialistische Rhetorik. Aber was sie über ihre Eltern sagt, beeindruckt.

Zum Schluss redet ein Vertreter der „Allukrainischen Gesellschaft Memorial", Vasil Osienko. Die Ukraine habe den Schrecken dieses Ortes schon im 18. Jh. festgestellt. Schon zur Zarenzeit habe man hier die Elite des ukrainischen Volkes gefangen gehalten, und er nennt einige berühmte Namen. Auch einige Opfer des Sowjetregimes werden aufgezählt. Wären diese Leute am Leben, sagt er, hätte die Ukraine eine andere Geschichte. Solowki habe die ukrainische Geschichte verändert.

Die ukrainische Delegation ist die auffälligste unter allen Anwesenden. Sie ist auch heute wieder gelb-blau gekleidet, in den ukrainischen Nationalfarben. Jeder der Vorredner hat am Stein einen der großen Blumenkränze hinterlassen, die Ukrainer aber übertreffen mit ihrer Zeremonie alle anderen. Sie haben ukrainische Erde mitgebracht und verstreuen sie unter dem Gedenkstein und unter dem großen orthodoxen Kreuz. Eine kleine Ikone wird von ihnen am Gedenkstein aufgestellt, Kerzen angezündet und das Kreuz mit einer bestickten Stoffschleife umwunden. Die Ukrainer eignen sich mit Worten und Taten diesen Ort an.

Es werden weitere Kränze und Blumen niedergelegt. Eine Schweigeminute wird abgehalten. Nun wird die Feier beschlossen, ein Vertreter der örtlichen Geistlichkeit spricht ein Gebet und spendet unter Gesängen um das Kreuz und den Gedenkstein Weihrauch. Die Veranstaltung löst sich auf.

Auf meine Frage erzählt mir Herr Iofe, dass er sowohl mit der Zeremonie der Kirche als auch mit dem Auftritt der Ukrainer seine Schwierigkeiten habe: nicht alle Opfer seien christlich oder gar orthodox gewesen, zu der Sicht der Ukrainer äußert er sich: „Was die Ukrainer sagen, ist alles die Wahrheit. Leider sehen sie nur ihr nationales Schicksal, aber der Gulag und Solowki ist, was die Ukrainer eint. Klar wäre es schöner, wenn sie das Thema etwas allgemeingültiger verstünden!" Ob er denn mit dem Verlauf der Veranstaltung im Ganzen zufrieden sei, will ich wissen. Er sagt, immerhin sagt niemand etwas falsches. Sie reden zwar, wie sie es auf der Komsomolzenschule gelernt haben, aber immerhin, sie geben sich Mühe.

Dieses Gespräch findet z.T. schon auf einem Spaziergang statt, den wir nun, nach dem sich die Veranstaltung weitestgehend aufgelöst hat, unternehmen. Nun komme ich auch mit Erika Wolf ins Gespräch, wir unterhalten uns in einem witzigen Sprachgemisch aus Englisch, Deutsch und Russisch. Sie erzählt mir ihre Eindrücke von der Veranstaltung in Medwezhegorsk. Sie war von der Reaktion einiger Ukrainer entsetzt, die ihr den Russen gegenüber völlig unversöhnlich erschienen. Einer habe gesagt, er würde erst ruhig schlafen, wenn das letzte Arschloch, dass für den Gulag verantwortlich sei, hängen werde.

Sicher, so etwas hört man nicht gern. Mit solchen Argumenten gestaltet man auch keine Zukunft, und vielleicht sind sie auf so einer Gedenkveranstaltung auch wirklich absolut fehl am Platze. Aber wer seine Eltern durch dieses System verloren hat, wer selbst unter ihm gelitten hat - bewunderungswürdig, wer dann noch die Kraft hat, nicht nach Rache zu schreien.

Während des Gesprächs gehen wir durch die Ortschaft. Wir gehen über Sandwege, die „Straßen" der Insel, gesäumt von den im Osten obligatorischen Peitschenlampen. Die Ortschaft besteht weitestgehend aus Holzhäusern, sozialistische oder postsozialistische Neubauten aus Beton oder Platten gibt es kaum. Nun gelangen wir in die Nähe des Hafens, wo sich ein Holzschuppen befindet, der zwischen aus Brettern geformten Flügeln die grellrote Aufschrift ???-????? „Kunst-Hangar" und darunter in weißen Lettern den Zusatz „Zentrum der modernen Kunst" trägt. Hier, erzählt mir Herr Iofe, seien früher Wasserflugzeuge untergebracht gewesen - allerdings ist der Schuppen eigentlich nicht so groß, dass ich mir das vorstellen kann. Ich betrete einen kleinen Steg, von dem man einen malerischen Blick auf die gesamte Klosteranlage hat. Im klaren Wasser sehe ich einen verrosteten, von Algen bewachsenen Eisenkübel, der wie ein kleines versunkenes U-Boot aussieht. Überhaupt liegen im und am Wasser an verschiedenen Stellen Schiffswracks, abgesägte Schiffsteile und anderer Schrott. Direkt zu Füßen des Klosters ist ein Wrack, dass gestrandet zu sein scheint direkt bis zur Wasserkante abgesägt, so dass es nur ein wenig herausragt. Und auch sonst liegt zwischen den Häusern viel Schrott: verrottete Autos und LKWs, Schiffsteile, Blechtonnen, Bojen, und völlig undefinierbare Gegenstände. Dazwischen weiden die Kühe und Ziegen.

Das Mittagsmahl nehmen wir in einem kleinen Restaurant ein, das sich südlich vom Kloster befindet. Auf dem Weg dorthin kommt man am örtlichen „Krankenhaus" vorbei. Wenn man an dem für die Verhältnisse der Insel repräsentativen Gebäude vorbeigeht, sieht man oben im zweiten Stock die Operationslampe durch die verstaubten Doppelfenster. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie es darin aussieht, wenn schon die Fenster nicht geputzt sind und hoffe nur inständig, diese Polyklinik nicht betreten zu müssen.

Das Restaurant ist einfach, mit Holz ausgetäfelt und einer kleinen Theke versehen, an der es auch Kondome gibt, was dem Restaurant einen Hauch von weltgewandter Hafenstadt gibt. Auch der leere Tick-Tack-Spender zeugt von den regen Kontakten der Insel zum Westen. Da ziemlich großer Andrang herrscht, bitten uns zwei deutsche Zivis, die ihren Dienst auf der Insel verrichten, sie mit ins Restaurant schleusen; leider können wir ihnen nicht helfen, da es schon kompliziert genug ist, für unsere Gruppe zu bestellen und abzurechnen. Das Essen ist einfach, aber gut: es gibt immer eine heiße Suppe vorne weg, dann ein kräftiges Hauptgericht und als Nachtisch auf Wunsch Tee und Gebäck. Auch wird immer der gute russische Beerensaft gereicht. Die Portionen wirken nicht riesig, aber wir werden immer so satt, dass der Verzehr des Nachtischs zur Gewissensfrage wird. Die Bedienung ist je nach Besetzung überaus herzlich bis extrem muffelig.

Nach dem Mittag setzen wir uns in einen Bus. Es geht über unbefestigte Straßen, die den Bus so schaukeln lassen, dass sich einige von uns den Kopf an der Decke stoßen. Wer sitzt, hat es gut, muss sich aber auch gut festhalten. Stehen ist nahezu unmöglich. Es geht zunächst zum Axtberg. Am Fuße desselben treffen wir die Zivis wieder, die sich gerade anschicken, für ein paar Tage im Wald zu leben und dort Bäume zu fällen. Zu unserer großen Überraschung stellen wir fest, dass wir einen von ihnen kennen: Sören Urbansky, mein Nachmieter bei meiner lieben Moskauer Wirtin. Wir haben uns bisher nur kurz am Telephon gehört, bzw. E-Mails geschickt und machen uns bekannt. Bald werden wir sie in Moskau wiedersehen.

Nun müssen wir uns aber beeilen, so gerne wir uns noch weiter unterhalten würden, aber unsere Gruppe ist schon vorausgeeilt und wir müssen sehen, dass wir den richtigen Weg nicht verpassen. Nach etlichen Metern - der Bus musste unten warten, wohl, weil er den Anstieg nicht schafft - kommen wir an die Kirche, die wir schon vom Schiff aus in der Ferne durch den Feldstecher gesehen hatten. Sie ist gar nicht groß - zwei Stockwerke und Turm - der Kalk blättert schon ab und lässt Ziegelwände vorscheinen. Ein kleiner Anbau ist schon wieder bewohnt. Oben hat die Kirche statt der Zwiebelspitze einen kleinen Leuchtturmscheinwerfer. Man erzählt uns, man könne sein Feuer im Umkreis von 30 km um die Insel sehen. Doch zunächst gehen wir an der Kirche vorbei zu einem Holzgatter, das einen unglaublichen Blick auf die Insel erlaubt. Zu sehen sind grüne Birken- und Nadelwälder, Seen, Sümpfe und in der Ferne das graue Weiße Meer. Unsere Exkursionsleiterin, eine junge aufgeklärte Frau, die nicht nur die Schönheiten des Ortes preist, sondern auch die Gulag-Geschichte der Insel gut beschreibt, erzählt die Legende, dass eines Tages der heilige Herman und Sawwati, die ersten Mönche der Insel, lautes Weinen vom Axtberg hörten. Als sie nachsahen, was dieses bedeute, fanden sie ein junges Fischermädchen, das sich auf der Insel niederlassen wollte, die erzählte, sie sei von Jünglingen geschlagen worden, die dann gen Himmel aufgefahren seien. Dies zum Zeichen, dass diese Insel nur männlichen Mönchen vorbehalten sei. Der Name Axtberg zeuge noch von den Schlägen, die das Mädchen bezogen habe.

Zwischen den Zeilen kann man natürlich die Geschichte der Vertreibung der Heiden von dieser Insel aus dieser Legende herauslesen. Und die Parallele zu der sich später hier vollziehenden Gewalt, wurde nicht nur von unserer Exkursionsleiterin gezogen. In mir begannen sich nun verschiedene Gefühle zu regen, die nicht in Einklang zu bringen waren. Gerade noch war ich betört vom Sonnenschein und der wunderbaren Aussicht vom Axtberg, sicher auch von dem schönen Spaziergang hierher und nun wurde in mir wachgerufen, was ich bei Solschenizyn gelesen hatte: die Schrecken dieses Ortes. Und da war die Natur um mich herum plötzlich wild und tödlich, erschienen mir die Häftlinge, die dem „Tod durch Natur" preisgegeben waren: durch Mücken oder in der Kälte - mit Wasser übergossen und an einem Baumstamm gebunden. Und die Kirche war plötzlich nicht mehr Leuchtturm, Symbol der Rettung, sondern der Ort der grausamen Strafen in den Isolationszellen, in denen Häftlinge auf schmalen Balken sitzen mussten, so, dass sie mit den Füssen nicht zur Erde reichten. Fielen sie runter, weil sie das Gleichgewicht nicht länger halten konnten, wurden sie geschlagen oder, an einen Baustamm gebunden, die steile Treppe hinuntergestürzt, die ursprünglich für die neuankommenden Mönche geschaffen war, damit ihnen beim erklimmen - 365 Stufen - mit jeder Stufe ein Sündentag vergeben würde. Eine seltsame Beziehung hat die Insel zum Himmel. Die heute so lieblich anmutenden Orte, diese ehrwürdigen Kirchen, erbaut in der Liebe zu Gott - der Hauch der Hölle hat sie gezeichnet und doch ist nicht mehr viel davon zu sehen. Soviel Widersprüchlichkeit ist kaum zu verkraften.

Die Kirche wird von einem Leuchtturmwärter bewacht, der von einem Einsiedel-Mönch kaum zu unterscheiden ist. Das spannende zweite Stockwerk öffnet er eifersüchtig nur für einige zur Besichtigung. Hier ist die vielleicht letzte erhaltene Isolationszelle zu sehen, die Solschenizyn beschreibt. An den Wänden und auf den Fensterbrettern haben sich ins Holz geritzte bzw. mit Bleistift o.ä. geschriebene Inschriften der Häftlinge erhalten. Auch im unteren Stock, der allerdings sonst schon eine fertige Kirche abgibt, sind solche Inschriften zu besichtigen. Wir steigen nun die steile Läuterungs-Todes-Treppe hinab. Am Fuße derselben steht ein großes verwittertes Nike-Kreuz für die Opfer, die diesen grausamen Tod erleiden mussten.

Nicht weit von diesem Kreuz wartet der Bus, und wieder werden wir tüchtig durchgeschüttelt, bis wir den nächsten Punkt unserer Besichtigung erreichen. Wir halten nun bei der Einsiedelei von Sawwatiewo. Viel ist hier allerdings nicht zu sehen, ein paar verfallene Holzhäuser, ein ruinöses großes Wohnhaus für Mönche aus dem 19. Jh., direkt an die noch völlig verstümmelte Kirche angebaut. Es gibt einen malerischen See mit kleiner Banja. Dies ist die Stelle, an der sich die ersten Mönche auf der Insel niederließen, der heilige Sawwati und der heilige Herman. Es ist zufällig auch die Stelle an der die ersten politischen Gefangenen des revolutionären Russlands eingesperrt wurden.

Nächster Halt: Isakowo. Hier wird uns erzählt, unter welch unmenschlichen Bedingungen die Häftlinge Bäume fällen und transportieren mussten. Auf Menschenleben wurde keine Rücksicht genommen, Holz war wohl wichtiger. Wieder wollen diese schrecklichen Geschichten nicht zu dem malerischen Ort passen. Zu sehen ist ein kleines zweistöckiges hölzernes Wohnhaus, ein eindrucksvoller Speicher aus dem 17. Jh., dessen Wände aus mächtigen Findlingen erbaut sind, dessen Dach jedoch aus Holzlatten geschaffen ist und eine verfallene Banja, ebenfalls aus einem Findling - Ziegelgemisch erbaut, und an einem glitzernden See gelegen, als wolle sie in ihm baden. Beim näheren Betrachten sehen wir, dass die Fenster der Banja noch vergittert sind. Brennnesseln sprießen an den Außenwänden.

Wieder in den Bus. Es ist unglaublich, was diese Achsen alles aushalten. Wir steigen aus und marschieren auf Holzbalken durch ein Naturschutzgebiet. Man ermahnt uns, die Holzbalken nicht zu verlassen, nichts anzurühren usw. Leider marschieren wir sehr schnell, denn die uns umgebende Natur ist wirklich wunderschön, Seen schimmern zwischen den Baumstämmen von Nadelbäumen durch, der Walboden ist einladend mit kräftigem Gras, Moos und Blaubeeren bewachsen, es ist ein wenig hügelig. Wir kommen nun in den botanischen Garten der Insel. Der Garten ist ein kleines Wunder, hier wachsen Pflanzen, die das raue Weißmeerklima eigentlich gar nicht vertragen. Sogar Melonen soll es hier geben. Die einzige Eiche der Insel - ein kleiner Busch - ist zu bestaunen. Heilpflanzen, die ich zum Teil auch in Sibirien kennen gelernt habe, wachsen hier; all das ist nur in der besonders geschützte Lage dieses Ortes möglich; das ganze Jahr über ist die Luft- und Bodentemperatur hier um ca. 2°C wärmer als in der Umgebung. Auch dieser Ort lädt zum Verweilen ein. Die Exkursionsleiterin suggeriert uns, wie in dem bunt bemalten Holzhaus Tee serviert wird, den man in Ruhe und mit Blick auf diesen wundervollen Garten genießt. Allein, wir eilen weiter, der Bus wartet. Doch haben wir noch die Gelegenheit, Wasser aus einem Brunnen zu schöpfen, durch dessen Genuss wir uns um zehn Jahre verjüngen sollen. Natürlich, es ist das Wasser, das die Pflanzen, die hier wachsen, nährt, und ohne die das Leben in diesem rauen Klima noch viel schwerer vorstellbar wäre, als es ohnehin ist.

Abends besucht uns Herr Schlögel auf unserem Zimmer. Er ist ganz begeistert von Annes Idee, eine große Wäscheleine im Zimmer zu spannen, die nun voller nasser Handtücher hängt und dem Zimmer den Eindruck einer kleinen Karawanserei verleiht, wie er sagt.

Herr Schlögel bezeugte sein Überraschen, auf dieser Insel deutsche Zivis zu treffen. Immer stärker bekomme er den Eindruck, dass der interkulturelle Austausch nicht mehr über die großen Organisationen wie das Goethe-Institut, Sokrates oder den DAAD stattfinde. Die Wirklichkeit gehe an denen vorbei, die Ströme der Praktikanten und Studenten fänden ihre eigenen Wege. Er fragt uns nach unseren Motiven, Russisch zu lernen und dieses Land zu besuchen. Unterschiedliche Antworten werden laut; das Interesse von einigen wurde durch das Elternhaus oder die DDR-Schule geweckt (was die Diskussion auf das Nebenthema lenkt, ob die Russen in der DDR beliebt waren oder nicht), andere sind einfach nach Russland gefahren oder haben ihren Zivildienst hier gemacht und haben sich durch diese Reisen näher für das Land interessiert, wieder andere mochten einfach die russische Sprache und Literatur.


Mittwoch, 08. 08. 2001

Frühes Aufstehen. Wir besteigen wieder einen Bus und fahren zu einem Ziegelwerk, wo zu Häftlingszeiten Ziegel mit dem Elefantenstempel des ???? hergestellt wurden [?????????? ?????? ??????? ?????????? = Speziallager von Solowki, ???? ist nicht nur die Abkürzung für dieses Speziallager, sondern heißt auf Russisch auch Elefant]. Ich bin sehr neugierig, denn mein Vater sammelt Ziegelsteine. Leider bekomme ich aber auf der ganzen Insel keinen solchen Ziegelstein zu Gesicht.

Wir steigen aus dem Bus aus. Ein slumartiger Eindruck eröffnet sich uns: ein merkwürdiger Bus steht da, bei dem nicht klar ist, ob er eine Herberge für Obdachlose oder einen Kinderspielplatz darstellt. Amputierte Fahrräder liegen herum und anderer Müll. Im Hintergrund - ein verfallenes neogotisch-barockes Backsteingebäude, das an die „Investment-Ruinen" von Zarizino in Moskau erinnert. Es ist das Ziegelwerk. Wir betreten einen dunklen Flur mit vielen offenstehenden Türen. Die Wände sind hellblau gestrichen, die Türen haben alle Gucklöcher. In den Räumen Scherben, aufgerissenes Parkett, gleißend graues Licht, das durch die vergitterten Fenster fällt. Das Treppenhaus voller Dreck, irgendwo ein großer Sandhaufen in einer Ecke. Mir kommt das alles von Erkundungstouren in russischen Kasernen in Deutschland bekannt vor. Ein Gefängnistrakt mit veränderter späterer Nutzung. Was wohl die, die hier später zu tun hatten, sich bei den Türen mit Gucklöchern dachten?

Wir fahren zurück. Da noch etwas Zeit ist, breche ich mit Anne zu einem Spaziergang um den Heiligen See auf, der das Kloster von der Landseite her schützt. Ich will das Kloster von dieser Seite photographieren. Etwas bedenklich stimmen mich die schweren Armee-LKWs, die große Satellitenantennen gegen den Himmel richten. Man munkelt, das habe mit der Bergung des untergegangen U-Boots Kursk zu tun. Vielleicht sind sie aber nur für den Flughafen bestimmt, der hier in der Nähe ist. Ich hoffe, mit meinem Photoapparat nicht in die Nähe möglicher Militärgeheimnisse zu geraten; es wäre schade um den Film.

Als wir wieder ins Hotel kommen, treffen wir Lars. Er hatte die gleiche Absicht und wollte dabei seine Füße ein wenig im Wasser kühlen. Dabei ist er in eine Scherbe getreten und kann nun kaum noch laufen. Er fand ärztliche Versorgung in der Polyklinik.

Nachmittags gibt es eine große und ermüdende Exkursion durch den Kreml. Ich will das hier nicht wiedergeben, wer sich für Sehenswürdigkeiten interessiert, soll in einem Reiseführer nachschlagen. Nur soviel: von der Lagerzeit erzählte unsere merkwürdig verklemmt wirkende Exkursionsleiterin nichts. Wir bekommen nur die politisch - „ungefährlichen" Fakten serviert, man könnte auch sagen, die in Russland politisch - „korrekten". Als sie uns dann doch durch das Museum führen muss, fängt sie an zu stottern und zu zittern. Niemand weiß, was sie hat. Will sie uns das nicht erzählen oder kann sie es nicht? Taktvoll gibt ihr Herr Schlögel zu verstehen, dass wir müde seien. Wir sind es auch, aber es ist nicht nur das.

Was mich an dem Kloster beeindruckt hat, ist der rohe Schliff der Architektur, besonders die weißgekalkten, sich nach oben verjüngenden, archaisch wirkenden Ecktürme der Hauptkirche, der Retter - Verklärungs - Kathedrale mit ihren schießschartenartigen Fensterschlitzen. Noch eindrucksvoller scheint sie mir aber auf den alten Abbildungen, ohne Zwiebeltürme. Auch die vielen torartigen Bögen, durch die sich Gebäude und Mauern gegenseitig stützen geben dem Kloster eine einzigartige, geheimnisvolle Atmosphäre. Geduckt in der Ecke steht die palastartige Fassade der „Mühlengalerie". Von den Ecktürmen und den Wehrgängen hat man atemberaubende Blicke auf das Meer, in dem sich der Sonnenschein spiegelt und auf dem gleichzeitig Nebelschwaden kriechen. Man sieht die Siedlung und den von Nadelbäumen gesäumten Heiligen See. Ehrfurchtgebietend das große Refektorium, ein großer gewölbter Saal, der das Tageslicht nur gedämpft durch die kleinen Fensteröffnungen lässt und dessen Decke von einer einzigen großen Säule in der Saalmitte getragen wird. Und ebenso bemerkenswert - das Gebäude des Schneiderpalastes, ein großes gekalktes Haus, dessen halbrunde Fenster und mächtiger Giebel und dessen zurückhaltende Schmuckbänder dem Bauwerk eine herbe Eleganz verleihen.

Noch während der Führung bittet mich Herr Rittersporn, die Toiletten zu photographieren. Sie seien vermutlich das einzige, was innerhalb des Klosters noch als Hinterlassenschaft aus der Lagerzeit gedeutet werden könne. Und tatsächlich befinden sich die Toiletten in einem rohen, unprofessionell gemauerten Ziegelbau in dessen Inneren sich vier „Sitzbänke" aus purem Beton befinden. In diesen Löcher, die etliche Meter in die Tiefe gehen.

Am Abend gibt es eine Diskussion über die Zukunft des Lagermuseums, das sich noch innerhalb des Klosters befindet. Es ist das erste Museum auf dem Gebiet der Sowjetunion, welches das Thema des Gulags überhaupt in seinen Mauern aufgenommen hat. Nun ist das Gebäude baufällig und muss renoviert werden. Die Frage über die Zukunft des Museums wird nun in einer kleinen, gut besuchten Veranstaltung öffentlich diskutiert.

Der amtierende Museumsdirektor äußert seinen Standpunkt, er wolle das Museum im großen Stile außerhalb des Klosters und der Siedlung aufbauen - in eben der Ziegelei, die wir am Morgen besichtigt haben. Die im Kloster befindlichen Räume müssten den Mönchen zurückgegeben werden.

Dagegen erhob sich heftiger Einspruch, sowohl von Herrn Schlögel, als auch von den Gestaltern der aktuellen Ausstellung: Jurij Brodsky und Alexander Bozhenow.

Die Diskussion verlief unter großen Schwierigkeiten, weil es keine kompetente Diskussionsleitung gab und ständig vom Thema abgelenkt wurde. Die Delegierte von Memorial Moskau meinte, viel wichtiger sei es, den lebenden Menschen zu helfen und erzählte nun ihre lange Lebensgeschichte. Aus der ukrainischen Delegation war ein Zitat des ukrainischen Präsidenten Kutschma zu hören „Hätten wir unseren eigen Staat gehabt, hätten wir so was niemals zugelassen." Die Hälfte der Bevölkerung habe man ausgerottet, das sei das Schrecklichste gewesen, was der Ukraine jemals passiert sei usw.

Was niemand sagte, aber viele dachten, war die Angst, der Plan, ein großes Museum zu bauen, diene nur als Vorwand, um dann unter der Anführung einer angeblichen Finanznot, gar kein Museum über diese unangenehme und vermeintlich dem Tourismus abträgliche Geschichte zu haben. Auch sprachen sich viele dafür aus, darunter Herr Schlögel und wir westliche Teilnehmer, innerhalb des Klosters auf jeden Fall eine Gedenkstätte zu hinterlassen, da das Kloster ja den innersten Kern des Lagers bildete.

Wenn das auch zeigt, wie schwierig es anscheinend ist, solche Diskussionen zu führen, wie schnell sie in persönlichen Streitigkeiten und in der Vorhaltung nationaler Schemata versanden - immerhin wurde die Diskussion nicht intern sondern öffentlich und sogar unter Beteiligung und Befragung von ausländischen Gästen geführt. Für uns war es natürlich schwierig, die einzelnen Machkämpfe, die sich uns hier offensichtlich boten, zu durchschauen. Andererseits war der gute Wille, mit dieser Geschichte irgendwie umzugehen zu spüren, einhellig wurde verlautbart, es sei nicht genug, sich an Feiertagen der Lagergeschichte zu besinnen.


Donnerstag, 09. 08. 2001

Bald nach dem Frühstück bestiegen wir ein Schiff und fuhren zu Haseninsel. Die Sonne schien. Die Aussicht vom Heck des Schiffes auf das Panorama des Kloster und auf die kleiner werdende Solowki-Insel war prächtig, die Sonne schien. Sanft legte sich das Boot in die ruhigen Fluten. Nach etwa einer Dreiviertelstunde Fahrt tauchte die flache Haseninsel mit einer kleinen Holzkirche auf. Der Bau der Kirche geht noch auf einen Besuch Peters des Großen zurück, sie ist - natürlich - ohne Verwendung von Nägeln oder ähnlich „häretischem" Material gebaut. Aber die eigentliche Attraktion der Insel ist eine andere, und so führte uns der Weg entlang baumloser, von Findlingen übersäten Ebenen auf denen nur verschiedene Moose, Flechten und Blaubeeren wuchsen. Nach kurzer Zeit lag die Attraktion vor uns: große aus kleinen Steinen geformte Labyrinthe oder vielleicht eher Spiralen. Angeblich stammen sie aus der Steinzeit und unser Exkursionsleiter erzählte denn auch von den verschiedenen „wissenschaftlichen" Theorien über die Herkunft und Bedeutung dieser Labyrinthe. Er erzählte auch, dass etliche Touristen nur wegen dieser Labyrinthe kämen, hier Kontakt zum Kosmos suchten oder anderen Energieflüssen auf der Spur waren. Das die Insel eine besondere Beziehung zum Himmel hat, war nicht neu, spätestens auf dem Axtberg war mir das eigentlich klar. Doch diese Labyrinthe, bei allem Respekt, schienen mir irgendwie lächerlich. Es war einfach zu schwer vorstellbar, dass diese lütten Steine hier seit der Steinzeit einfach regungslos dalagen. Und die „Gänge" der Labyrinthe, wirkten sie nicht, wie von liebevollen Hobbygärtnern gejätet? So machte ich mit Herrn Rittersporn meine Witze, er erzählte mir, seine Theorie sei, dass sich hier zu Zeiten des ???? einige Häftlinge einen Spaß erlaubt hätten, durch den sie der Sowjetmacht Stoff zum Nachdenken liefern wollten. Als die uns umgebenden Russen - wir unterhielten uns auf Deutsch - das Wort Theorie verstanden, waren sie Feuer und Flamme, welchen gelehrten Beitrag Herr Rittersporn wohl zum Phänomen der Labyrinthe zu leisten habe. Doch welche Empörung bei solchen Ketzereien! So etwas war ja unvorstellbar! Das wäre geradezu geschmacklos, den armen Opfern der Inseln solche Späße zuzutrauen! Doch auch in dieser Reaktion steckte schon wieder eine gewisse Komik.

Wir wanderten weiter und ich konnte über die übernatürlichen Kräfte der Labyrinthe nicht weiter meditieren, denn ich kam mit einem jungen Ukrainer ins Gespräch, der mir von den Pop-Weltstars der Ukraine erzählte, von denen ich leider noch nicht gehört hatte. Selbstverständlich gab ich ihm zu, dass sie mir nur wegen meines mangelnden Interesses für Popmusik unbekannt waren. Zum Glück standen am Wegesrand viele Pilze, die man entdecken und sammeln konnte und so wurde unser Gespräch auf andere Dinge gelenkt. Die Insel schien allerdings solche prosaischen Beschäftigungen nicht zu dulden. Der Weg führte uns nun zu einer heiligen Quelle - nicht die letzte auf dieser Reise - plötzlich bekamen die Ukrainer und Russen, eben noch voller Jäger- und Sammlereifer, ernste Gesichter. Aus den Rucksäcken wurden leere Plastikflaschen gezogen und andachtsvoll das geweihte Nass geschöpft und getrunken. Aber, was waren das für unheilige Töne! Das heilige Wasser hatte den Füßen eines Ukrainers plötzlich ungeahnte Gewandtheit verliehen: er war vor der Quelle in eine tiefe Pfütze getreten, die im Rasen tatsächlich nicht auszumachen war.

Am Abend brachen wir noch zu einer Kahnpartie auf. Dazu mussten wir ein ganzes Stück wandern. Es gab einen guten Biervorrat und auch Knabberein. Ich saß mit Felix, Paulina, dem Amerikaner Michal und Olga in einem Boot, um eine internationale Diskussion über die Lehren dieses Ortes zu führen. Wir waren uns darüber einig, dass die Widersprüchlichkeit des Ortes zwischen seiner Schönheit und seiner grausamen Geschichte Rätsel aufgibt. Olga sagte dann, sie sei für eine Aufarbeitung der Lagergeschichte, damit die Opfer nicht umsonst gestorben seien. Dem widersprach ich, denn ich denke, den Toten ist es „egal" was wir machen, sie sind tot. Mir ging es eher darum, sich über die Gefahren des „Bösen" - wie soll man es anders nennen? - bewusst zu werden, um von diesem „Bösen" nicht angesteckt zu werden. Das mindeste, was dabei herauskommen kann, ist, dass man sein genießenswertes Leben genießt. Oder einfacher ausgedrückt: das man sich seines Lebens bewusst ist und den Tag pflückt. Die Ansichten darüber blieben allerdings geteilt. Aber so ist das in Glaubensfragen. Unser gutes Gespräch wurde dann etwas abgelenkt - vielleicht war auch einfach alles gesagt - als wir auf die Idee kamen, mit den anderen Ruderern, die sicher mehr ein Auge für die wunderbare Natur hatten, in Wettfahrten zu konkurrieren, was besonders auf den engen Kanälen einen Mordsspaß bei riskanten Überhohlmanövern bot. Diese Kanäle waren auch anderweitig Anlass zu einiger Heiterkeit, denn Olgas Hund Filja, der auch mit an Bord war, hatte die Angewohnheit an diesen engen Stellen an Land zu springen. Es war dann nicht nur schwierig, ihn wieder einzufangen, sondern dann auch, sich des nassen Hundes zu erwehren und von der eigenen trockenen Kleidung fernzuhalten. Alles in allem aber hatte Olga die Lage im Griff.

Leider verloren wir die Wettfahrt. Irgendwie saßen die professionellen Ruderer nicht in unserem Boot.


Freitag, 10. 08. 2001


Im Morgengrauen ging es aus dem Bett. Ein trüber Tag, es regnete in Strömen und ob wir wirklich zu der Insel Anser wie geplant aufbrechen würden, wusste allein der Himmel. Ich hatte mich inzwischen erkältet, wie die meisten anderen Exkursionsteilnehmer - bis auf einige abgehärtete Russen und einige trainierte deutsche Banjagänger, die hatten noch eine Galgenfrist. Demnach war auch ich zwischen Vernunft und Neugier hin- und hergerissen. Als es irgendwann nach dem Frühstück aufhörte zu regnen und nur noch nieselte, beschlossen wir, uns Regencapes umzubinden und doch aufzubrechen - allerdings hatten von vorn herein nicht alle Lust, mitzukommen. Wir mussten zu einer Bootsanlegestelle an einem See im Osten der Insel und hatten einen tüchtigen Marsch vor uns, den wir erst mal mit einem kleinen Umweg begannen, denn unser Weg war durch den Flugplatz, an dem gerade gebaut wurde, versperrt. Der Patriarch und Putin würden in Kürze die Insel besuchen, munkelte man, und so war der Flugplatz nur für Bauarbeiter, Personal und Kühe zugänglich, die sich wohl wunderten, warum die grünen Kunststoffrollbahnen nicht essbar waren.

Aber der Umweg, den wir nun einschlugen, hatte sein gutes. So bekamen wir das Kloster in geheimnisvoller Stimmung zu Gesicht - halb verschwand es im dichten Nebel, im Vordergrund noch klar erkennbare, nasse Bretterzäune, welk wirkende Wiesen und ein unheimlicher Hexenteich. Wir schlugen ein zügiges Tempo an, und so ging es durch Sand- und Kieswege, die von dichten Nadel- und Birkenurwäldern gesäumt waren, entlang von Seen im Slalom um die Pfützen bis wir endlich zur Bootsanlegestelle kamen, an der sich auch tatsächlich - man wollte es bei dem Wetter so weit draußen gar nicht vermuten - Menschen befanden, die uns erwarteten und uns, entgegen der ursprünglichen Planung, in einem Kajütboot übersetzen wollten. Wir wussten das Vorhandensein einer Kajüte bald zu schätzen, denn es regnete mal stärker, mal weniger stark, auf dem Wasser wurde es schnell eisig-kalt und so zogen wir es vor, im Inneren des Bootes zu verbleiben, wo es nach Diesel roch, die Luft einen kaum merklichen Nebelschleier besaß (jedenfalls kam es mir so vor) und das gleichmäßige Gluckern und Stampfen des Motors uns bald einschlafen ließ. Die meisten von uns waren hundemüde und durch die kleinen beschlagenen Bullaugen war ohnehin nichts zu sehen. Einzig Herr Schlögel und Götz blieben heldenmutig oben an Deck.

Ich weiß nicht mehr, ob ich geträumt habe, aber irgendwann bemerkte ich, dass sich in der Kajüte wieder Leben regte, dass das Gluckern des Motors aufgehört hatte und das an Deck Schritte und leise Zurufe zu hören waren. Wir gingen hinaus, der Regen war wieder in Nieseln übergegangen, unser Boot befand sich im seichten Uferbereich der Insel, von der ich erst mal nur Steine, Büsche und ein orthodoxes Holzkreuz sah. Das Ruderboot, dass wir im Schlepptau mitgenommen hatten, wurde gerade herangezogen und nun mit uns vollgeladen. „Vollgeladen" heißt optimale Platzausnutzung: wir standen wie die Halberstädter Würstchen im Glas. In der Mitte saß als Einziger der „Kapitän" und ruderte uns mit - aus Platzgründen - minimalen Armbewegungen zur Insel. Ich musste an unsere gestrige Rudertour denken und war von den Ruderkünsten unseres „Kapitäns" ziemlich beeindruckt. An Land angekommen galt es noch über glitschige, z.T. mit Algen bewachsene Steine zu balancieren, aber dann hatten wir sicheren Boden unter den Füßen.

Während wir auf die nächste Kahnladung unserer Genossen warteten erzählten Herr Schlögel und Götz erstaunliche Dinge. Sie hatten Robben gesehen, die dicht an das Schiff herangeschwommen seien. Wirklich schade, dass ich das verpasst hatte! Was wir alles verpasst hatten? Nun kam Götz in Fahrt und erzählte, wie das Schiff, während wir seelenruhig schliefen, in den Nebel geraten sei und dank fehlender Navigationsgeräte (nicht einmal einen Kompass gab es!), die Insel durch Kreuzen gefunden hatte. Lieber Leser, das sollte man sich nicht so zu Herzen nehmen! Man hatte uns nicht ausdrücklich darauf hingewiesen das die Meerestemperatur... nun ja, und es wurden auch keine Vergleiche mit dem Untergang der Estonia gezogen. Das die Inseln von Untiefen nur so umgeben waren, was zahlreiche Schiffbrüche in der Geschichte des Archipels verursacht hatte, las ich später in dem Führer über Solowki. Aber was schreibe ich das - wir wussten doch, wohin wir fuhren und wir werden es weiter tun.

Nun wanderten wir weiter. Andrej, der russische Freund von Manuela, amüsierte sich prächtig mit Filja, tobte mit ihr, fletschte mit ihr die Zähne um die Wette und schmiss ihr dicke Äste in die Sümpfe. Ich fand das toll. Während dessen führte uns der Weg durch verzauberte Landschaften: Sümpfe, die durch Bohlen passierbar gemacht waren. Die Bäume verschwanden im Nebel, und die verschiedenen Abstufungen von Grau ließen die Natur gestaffelt erscheinen - wie das Bühnenbild eines Barocktheaters. In der Ferne über den Bäumen, mehr erahn- als erkennbar ein kleiner Berg, die Krone der Kulisse. Dann ging es wieder über Wege, die durch den von Flechten überwucherten Urwald führten, dessen Boden von Blaubeeren übersät war. Es war schwer, nicht anzuhalten und sich in das Vergnügen zu stürzen - und nicht immer gelang es - aber unsere Gruppe hatte ein zügiges Tempo vorgelegt und wir wollten ja auch noch allerhand sehen.

Nach einer Weile öffnete sich der Wald, eine große Wiese tat sich auf, Bäume schimmerten an ihren Rändern in allen Tönen zwischen grau und grün, gelb und grün die Wiese, von einem lila Hauch beatmet. In der Mitte der Wiese, in einer Mulde gelegen, die kristallinen Formen eines Bauwerkes, einer verfallenen achteckigen Kirche mit einem zwiebellosen Turm und einem Anbau, der ebenfalls verfallen zu sein schien. Am Waldrand vor uns gedrängt standen weitere, ebenfalls verfallene Holzhäuser.

Als wir der Kirche näher kamen, bemerkten wir unter einem Dach ein Feuer, auf dem gerade ein Kessel appetitlich dampfte, ein schwarzgekleideter Einsiedler-Mönch mit ungewaschenen Haaren, gegerbter Haut und abgetragener Kleidung machte sich daran zu schaffen und sah uns dabei aus den Augenwinkeln an. Vor kurzem schien er noch auf dem gleichen Feuer, auf dem er jetzt kochte, geschmiedet zu haben. Unsere Exkursionsleiterin - es war wieder die junge, aufgeklärte Dame vom Axtberg - erklärte uns in einer Art Torbogen zwischen Kirche und Wohntrakt alles, was es zu wissen gab. Die Kirche gehört zum ???????? ????, der Dreieinigkeits-Einsiedelei. Zur Lagerzeit mussten hier zu verschärfter Haft Gepresste ihr Leben fristen. Nun sei man bemüht, die inzwischen stark verfallene Einsiedelei mit der Hilfe von Pilgern wieder herzurichten. Dabei habe es vor kurzem einen Rückschlag gegeben, als eine renovierte Wand wieder eingestürzt sei. Wir wollten die „Wohnräume" der Einsiedelei besichtigen (eigentlich konnte ich mir nicht vorstellen, dass hier jemand wohnen könnte), kamen aber nur in einen ebenerdigen Vorraum, dessen Boden von großen Körben und Eimern voller Pilze und Beeren vollgestellt war. An den Wänden hingen Kräuterbündel. Am Ende des Raumes saß ein weiterer Mönch, der verweigerte uns den weiteren Zutritt; der Wohntrakt sei nur für Geistliche zugänglich.

Also gingen wir auf der anderen Seite des Torbogens wieder hinaus und betraten ein Meer dieser lila Blumen, die für das ganze Archipel typisch sind, die aber hier auf Anser besonders ins Auge fielen. Auf russisch heißt diese Blume ????-??? auf Deutsch, wenn ich richtig liege, Weidenröslein. Vor uns ging es relativ steil abwärts zu einem See, halb rechts lag etwas tiefer ein Holzhaus, dessen Zustand einen guten Eindruck machte - die Gebäudewand rechts neben uns war - oh je, die Eingestürzte. Eine steinerne Ziegelwoge lag zu Füßen der Wand, die nur noch zur Hälfte existierte. Dennoch betraten wir das Innere der dahinterliegenden Kirche, das nicht in Mitleidenschaft gezogen war. Die Decke des Kellers oder der Krypta der Kirche war eingefallen, statt dessen waren Bretter über die Pfeiler gelegt, auf denen wir langbalancierten, aufpassend, nicht auf das falsche Ende eines Bretts zu treten. In der Mitte war ein Quader aus gestapelten Ziegeln - der Altar. Davor ein kleinerer Stapel mit einer Ikone darauf. In einer Nische stand eine Erlöserikone. Am Chorfenster, so weit man in einem achteckigen Raum von einem Chor sprechen kann, befand sich ein orthodoxes Holzkreuz. In den Fenstern war kein Glas, dafür Gitter, z.T. wohl noch aus der Zarenzeit stammend. Es war wirklich erstaunlich, aber diese Kirche wurde genutzt!

Wir verließen nun die Kirche und wanderten weiter nach links, durchquerten die Wiese, und betraten wieder Waldgebiet, dessen Wege wiederum von Blaubeerbüschen gesäumt waren; hier waren die Beeren allerdings schon abgeerntet. Unser Ziel war eine heilige Quelle, an der es noch Inschriften von Häftlingen geben sollte. Nach einiger Zeit fanden wir die Quelle auch tatsächlich, sie war einem sehr flachen Brunnen ähnlich von einem Holzkasten eingesäumt, der überdacht war, allerdings machte das Dach und auch die Holzkastenkonstruktion einen überaus bedenklichen Eindruck, dass schon warnende Stimmen laut wurden, lieber nicht zu nah heranzutreten. Indessen lag ein ????, ein hölzerner Schöpflöffel, so verführerisch da, dass es kein Halten mehr gab.

Wir fanden auch tatsächlich eingeritzte Inschriften auf den Balken des Brunnens, Inschriften, die einfach Namen von Häftlingen und Jahresangabe beinhalteten, oder „der und der holt hier regelmäßig Wasser" und „dem und dem hat man die Frist verlängert" u.ä..

Der Rückweg wurde nun angetreten und ich bitte den Leser bei all den Eindrücken nicht zu vergessen, dass ja auch noch dieser Hund zwischen unseren Beinen tobt, knurrt und bellt und tobt und tobt. Ich bitte, nicht zu vergessen, dass das Wasser von den Bäumen tropft, dass wir durch Schlamm, Pfützen und Wiesen wandern. Der Hals kratzt... aber das hatte ich ja schon.

Noch einmal der tolle Eindruck: der Wald tritt beiseite, die Wiese öffnet sich, jetzt etwas von unten her gesehen und die schemenhafte Silhouette des achteckigen Kirchturms (der perfektesten Form, wie viele finden). Passenderweise unterhalten wir, also Anne und ich, uns gerade mit Anett über Glaubensfragen. Auch mit der Russin Sonja kam ich auf der Wanderung ins Gespräch, über die Zukunft von Russland und Deutschland, was wir an unseren Ländern mögen und was nicht, was wir an den jeweils andere Ländern mögen usw. Jetzt wurde eine richtige Rast eingelegt, an dem Haus, das fast am See gelegen und das, obwohl leer, in gutem Zustand war. Nur im oberen Stockwerk bekam ich einen Schrecken: als ich durch eine Tür treten wollte, prallte ich zurück: sie ging auf einen Balkon, der hinabgestürzt war.

Übrigens fanden sich auch an diesem Haus Inschriften. Wir setzten uns nun an eine Bank vor dem Haus, aßen Brot, harte Wurst und Käse, diesmal mit Gurken, Tomaten und Äpfeln verfeinert. Auch hatten wir einiges Gebäck im Gepäck. Was einzig fehlte, waren die Suppen, die hätten meinem Hals bestimmt gut getan. Ich unterhielt mich beim Essen mit Tanja, der rechten Hand von Herrn Iofe. Sie fragte mich, ob ich schon mal Hundefutter gegessen hätte (so fasziniert war ich doch nun auch nicht von Filja!?)? Als ich verneinte, ihr aber erzählte, dass ich wohl Bekannte hätte, die sich rühmten, solches getan zu haben, erzählte sie mir, während sie genüsslich an ihrer Zigarette zog, dass man während der großen Krise im Studentenwohnheim mit Zigarettenasche überbackes Brot gegessen hätte; das habe so ähnlich wie Rührei geschmeckt. Raucher seien in dieser Zeit gefragt gewesen: „Hast du ein wenig Asche für mein Brot?". Ich konnte mir nicht so recht vorstellen, wie Zigarettenasche den Geschmack von Rührei annehmen kann, aber ich bin eben kein Raucher.

Die Wanderung ging weiter. Wieder entlang der herrlichen Weidenröslein, durch Wälder, Sümpfe, dann einen Berg hinauf, der den gewichtigen Namen Golgatha trägt. Oben eine völlig verfallene Kirche und eine Baustelle. Die Kirchenruine bot im Nebel ein gespenstisches Bild. Die ruinösen Konturen des haubenlosen Turms schienen sich in den Wolken auflösen zu wollen, um Erlösung zu ringen. Auch das Schiff mit seinen glaslosen Fensterhöhlen entrückte im Nebel. Gesteigert wurde der fast magische Eindruck noch im Inneren, in das wir über provisorische Treppen aus übereinandergelegten Ziegelsteinen, Holz u.ä. richtiggehend klettern mussten. Der Putz der Innenwände war abgeblättert, nur an einer Stelle waren noch Reste von Fresken auszumachen. Die Decke war löchrig. Durch die Fenster war zu sehen, wie der Nebel durch das Gebäude kroch. Aber hinten, im Altarraum flackerte eine kleine unscheinbare Kerze. Dort war ein aus einem Ziegelsteinquader gefertigter Altar mit einem etwas grobschlächtigen Schild: „Der Altar ist geweiht. Nicht betreten!" Kleine Ikonen standen an den Wänden. Außer unseren Leuten weit und breit niemand zu sehen. Auf der anderen Seite der Kirche ein völlig verfallenes Holzhaus; hier hatten wohl die Geistlichen früher gewohnt. Unsere Exkursionsleiterin erzählte uns, was wir über diesen Ort wissen mussten. Sie erzählte uns auch von der wunderbaren Aussicht, die wir von hier aus gehabt hätten - aber auch dieser Eindruck war von großem Erinnerungswert. Wieder vor der Kirche sah ich mir noch einmal die verschiedenen Kulissenebenen der Trümmer an, sah wie der Nebel sich bewegte, sah zu dem erloschenen Kirchturm auf und über ihm - mehr war es Ahnung als Wirklichkeit - den Nebel ein wenig lichter werden.

Nun machten wir uns auf den Rückweg. Auf einmal bemerkten wir, dass wir nicht mehr vollzählig waren. Ein Teil der Gruppe hatte sich verlaufen. Rufen. Warten. Ausschwärmen. Erst nach einer ganzen Weile fanden wir wieder zu uns und setzten unsere Wanderung fort. Wir kamen nach einem tüchtigen Marsch, den wir uns mit Blaubeeren versüßten, zu den Booten, die nun an einer anderen Stelle der Insel auf uns warteten. Der Himmel hatte sich - es war nun Abend geworden - aufgeklärt, die Sonne vertrieb die letzten Wolken und vom Boot aus sahen wir den Turm von Golgatha, der einer Burg ähnlich aus dem Wald der Insel ragte. Neben uns fuhr ein Boot, vollgestopft mit Ukrainern, die Bier an Bord zu haben schienen und bei bester Laune waren. Wir blieben nun größtenteils an Bord, denn wir wollten nun ebenfalls Robben sehen, wurden aber enttäuscht. Nur von ferne durch den Feldstecher sahen wir einige und fuhren dann noch an einer weiteren vorbei, die allerdings tot im Wasser trieb. Dafür wurden wir von einem weißen Belugawal entschädigt, der zwar auch nur in der Ferne auszumachen war, dennoch waren seine Tauchbewegungen deutlich zu sehen.

Wir waren noch überwältigt von den Eindrücken der Insel, von der Wildheit der Natur und den verloschenen bzw. wieder aufglimmenden Spuren menschlicher Zivilisation dort. Es entspann sich ein Gespräch mit Herrn Schlögel, Götz und mir. Wir fragten uns, wie es wohl im Winter dort wäre, wie man in diesem Klima, das uns im Hochsommer krank macht, das ganze Jahr über leben kann. Was es wohl bedeute, in solcher Einsamkeit zu leben. Herr Schlögel fasste das später dann so zusammen: Der Preis der Einsamkeit ist die Aufgabe der Beziehung zur Welt, zur Gemeinschaft der Menschen. Der Gewinn ist, man lernt die Nuancen, die Facetten der Natur kennen. „Wer jahrelang dem Wind zuhört und den Mücken, der ver-rückt. Das ist Verrückung. Derjenige hört das Gras wachsen." Und er fragte sich nach dem Ende der Einsiedelmönche. Ob sie in den Wald gegangen sind? Ob sie in Haft starben? Und schließlich hatte diese Welt-Zurückgezogenheit der Kirche im Allgemeinen auch eine wesentliche Kehrseite, sie habe ihr den Vorwurf eingetragen, die Kirche sei aus den Schwierigkeiten der Welt desertiert und lasse die Menschen im Stich. Und schließlich beschäftigte uns die Frage, was wohl für ein Erfahrungsschatz mit diesen untergegangenen Menschen verloren gegangen ist. Es musste eines enormen Reichtums an Wissen bedürfen, dieses Klima zu beherrschen. Dazu gehörte nicht nur, die Kenntnis, wie viel Bevölkerung diese Inseln aushalten, welche Zuchttiere hier leben können, welche Pflanzen welchen Nutzen bringen und wie man sie wo anbaut, z.B. im Botanischen Garten. Es gehörte auch das Wissen dazu, wie man ein Haus baut. Man nimmt dort nicht einfach Bretter und baut ein Haus. Es wird bestimmtes Holz genommen, das wird so und so mit Meerwasser behandelt, durchtränkt, bis es den Naturgewalten trotzt. Dann werden die Ritzen mit bestimmten Moosen abgedichtet usw. Was wissen wir alles davon noch?

Inzwischen hatten wir die zwei Stunden Überfahrt fast geschafft, wir fuhren auf den großen Seen der Insel und nach einer Weile konnten wir wieder an Land steigen. Ich war todmüde und nachdenklich, aber glücklich. Morgen würde ich in die Banja gehen, um meine Erkältung auszukurieren.


Sonnabend, 11.08.2001

Wir standen heute nicht ganz so früh auf. Ich fühlte mich immer noch erkältet. Dennoch brachen wir nach dem Frühstück wieder zu einer Wanderung auf. Diesmal war die Insel Muksalma unser Ziel, wieder wanderten wir in einer kleinen Gruppe, allerdings in anderer Besetzung. Die Sonne strahlte, aber der Weg war noch vom gestrigen Regen übersät von Pfützen. Manchmal war es direkt schwierig, zu entscheiden, lieber durch den Sumpfesrand oder durch eine tiefe Pfütze zu waten. Der Weg schlängelte sich durch die Natur, wir balancierten wieder über Baumstämme, durchquerten von Urwäldern gesäumte Wege, bestaunten die Masse an Findlingen, die überall herumlagen und die mit den bizarrsten Flechten bewachsen waren, die in allen Grün-, Grau-, und Brauntönen schimmerten, die sich pelzig um Bäume und Sträucher wanden und den Wäldern etwas gespenstisches verliehen. Es war gar nicht die romantisch schöne Natur, sondern eher drückte sich hier in der Natur Überlebenskampf aus, das Ringen um jedes etwas Wind und Wetterschatten bietende Fleckchen, das auswuchernde Leben. Findlinge schienen mit ihrem Flechtenwuchs in den Sümpfen zu versinken, aus den Sümpfen krochen kleine Sträucher und dürre Bäume. Und zwischen all diesem Unheimlichen immer wieder die köstlichen Blaubeeren, die meinem Hals Linderung brachten.

Nach etlichen Kilometern kamen wir an einen Damm, ganz aus großen Feldsteinen bestehend; er führte in Schlängellinien durch das seichte Meer und verband die Hauptinsel mit der Insel Muksalma. Einst wurde er unter Leitung der Mönche unter Mithilfe von Pilgern und Reisenden geschaffen - wie die meisten vorrevolutionären Bauwerke der Insel. Es bot sich nun ein ganz anderes Farbenspiel, als in den Sümpfen und Urwäldern: strahlend-blau leuchtete der Himmel mit blauen und grellweißen vom Winde zerfetzten Wolken. Die Ufer von grünen bis dunkelgrauen Waldrändern gesäumt. Vor uns der grau-braune Damm und links und rechts davon das in allen Blautönen glitzernde flache Meer, aus dem viele weitere Findlinge herausragten. Kleine gelbe Blumen wuchsen zwischen den Steinen, es roch nach Meer, der Wind wehte frisch und wohltuend.

Auf der Insel Muksalma ging es noch ein kleines Stück durch einen Wald, dann tauchten die Ruinen der „Farm" (??????? ????) auf, ein zweistöckiges Backsteingebäude aus dem neunzehnten Jahrhundert, und ein ebenfalls zweistöckiges Holzhaus. Wir betraten nur das erstere, das Holzhaus war schon in zu verfallenem Zustand, was wir dort sahen unterschied sich nicht sehr von dem Inneren der Ziegelei: offene Türen mit Gucklöchern, zerbrochene Fensterscheiben vor ansonsten vergitterten Fenstern, viel Dreck usw.

Wir entfachten auf einer Wiese ein Lagerfeuer, kochten Tee, dann brachen Anne und ich auch schon wieder auf, wir wollten uns noch das Haus ansehen, in dem der russische Philosoph, Theologe und Naturwissenschaftler Pawel Florenskij gelebt hatte und es danach noch ins Museum schaffen.

Gesagt getan. Das Haus von Florenskij befand sich schon fast am Ende des Rückweges, nicht weit von einem See gelegen, auf einem Hügel halb am Waldesrand, halb am Rande einer einladenden Wiese gelegen, die in einen verwilderten Garten überging. Auch wenn das Haus von Außen noch ganz passabel aussah, war doch sein Zustand Innen eher traurig und so kehrten wir bald in die Ortschaft zurück und sahen uns zum wiederholten Male das Museum an.

Ich habe das Museum bisher nur am Rande erwähnt, als ich über die Diskussion schrieb, die den Verbleib des Museums im Klosters behandeln sollte. Ich will die Ausstellung daher hier noch kurz beschreiben. Die „Macher" dieser ersten Ausstellung über russische Konzentrationslager in der SU waren zwei Inselbewohner: Juri Brodsky und Alexander Bozhenow. Wie alle mir bekannten russischen Ausstellungen, die sich mit der Aufarbeitung eines traurigen Kapitels der Geschichte beschäftigen, war auch diese von perfektem Design. Die Ausstaffierung mit Holz und die Gestalt einiger Schauwände erinnerten an Lagerbetten, ähnlich übrigens wie die Ausstellung im KGB-Museum im Potsdamer „Städtchen". In Gesichtshöhe waren die Gesichter etlicher „hervorragender" Opfer angebracht, so dass man unverzüglich begann, sich über deren Schicksale zu informieren. Die allgemeinen Informationen befanden sich auf durch die Farbgebung Trauer oder Entsetzen symbolisierenden großen Schrifttafeln: weiße Schreibmaschinenschrift, die Schrift der Täter, die sich somit selbst anklagten, auf schwarzem Grund. In kleinen Fenstern, die extra beleuchtet waren, die also heimelige Gefühle wach riefen, waren besonders einprägsame Alltagsgegenstände zu sehen: selbstgegossene Suppenlöffel, Samisdattexte, selbstgemachte Nadeln, Kämme usw. Schwierig war es nur, das Gästebuch einzusehen, die Wächterin, ein kleiner Cerberus bewachte es und wollte es nur zum Reinschreiben zur Verfügung stellen. Übrigens beinhaltete die Ausstellung noch andere Bereiche der Inselgeschichte, also die Klosterzeit vor der Revolution und die Zeit der Marine. Leider schaffte ich es nicht mehr, mir diese Ausstellungsteile näher anzusehen. Doch nun eile ich in die Banja, um mich endlich auszukurieren!


Sonntag, 12. 08. 2001

Die Banja hatte wunderbar geholfen: meine Erkältung war verschwunden.

An diesem Tage machte jeder, was er wollte. Wenn ich mich recht erinnere, war ich mit Anne so lange es noch ging im Museum. Abends machten wir noch einen Spaziergang, schossen letzte Photos und verabschiedeten uns innerlich von den Solowki, von deren uns völlig fremden Welt wir nur einen winzigen Ausschnitt gesehen hatten und nur eine Ahnung dessen verspürten, was es bedeutete hier zu leben.