Klosterturm Solovki
Solovki.org - Home
Hintergrund
Von der Klosterinsel zu einer Insel im Gulag
Das Projekt
Das Seminar
Literatur
Über Solovki
Geographische Lage
Das Kloster
Die Lagerzeit
Die Gegenwart
Die Zukunft
Tourismus
Links
Die Reise
Planung
Finanzierung
Teilnehmer
Programm
Tagebuch
Bilder
Ergebnisse
Referate
Hausarbeiten
Das Buch
Artikel
Zuschriften
Impressum
Danksagungen
Organisation
Inhalte & Gestaltung
 
Valid HTML 4.0!
 
Copyright © 2001 by
http://www.solovki.org/
Site last updated:
2002-01-16 14:57
 


Historische und topographische Vorstellung des Solowetzki Archipelago
von Felix Ackermann

Ort und Symbol
Mythos und Wirklichkeit
Vielfalt und Strenge
Gründung und Ausbau
Zerstörung und Internierung
Funktionswandel und Liquidierung
Naturschutz und Erholungsgebiet
Aufbruch und Rückzug
Literatur

Ort und Symbol

Solowki ist mehr als eine Insel im Weißen Meer, Solowki ist ein mythisch aufgeladener Ort, der im kulturellen Gedächtnis Rußlands fest verankert ist. Der Traum von Heiligen Rußland, die Eroberung und Zivilisierung des russischen Nordens, die Expansion Peters des Großen hin zum Meer, die Zerstörung des Geistlichen, die Errichtung eines "russischen Auschwitz" (Solzhenizn, Archipel Gulag), die bolschewistische Vision vom Sieg über Gott, die Wiederauferstehung der Orthodoxen Kirche nach dem Zerfall des sowjetischen Reiches, die Rückkehr des Gedächtnisses - all das konzentriert sich im Bild von Solowki, das geprägt ist von der Silhouette der Zwiebeltürme und Wehrmauern, die in den Sonnenuntergängen der Weißen Nächte erstrahlen oder sich in den Seen und Kanälen der Inseln spiegeln. Zu diesem Bild gehören die Einsiedeleien, Kapellen, Steinlabyrinthe aber auch die Todestreppe am Berg Sikernaja Gora und letztlich ist der Solowetzker Stein vor der Lubjanka in Moskau ein Abbild russischer Geschichte, an dem sich zur Zeit gerade wieder eine lebhafte Debatte über den Umgang mit ihr entzündet. Egal, ob vor der Lubjanka wieder eine Büste des Begründers der Tscheka, Feliks Edmundowich Dzhierzhinski, errichtet wird, wie viele Abgeordnete der Duma fordern, und auch wenn die Solowki in der atlantisch geprägten mentalen Karte von Europa noch keinen festen Punkt haben mögen, in Rußland sind die Solowetzki - Inseln ein festes Bezugsmoment, die Menschen wissen um den Reiz und die Schrecken der Insel, auch wenn sie nicht Heerscharen aufbrechen, um die Spuren ihrer Geschichte an dem entlegenen Ort zu suchen. Aber warum mißt man Solowki immer wieder soviel Bedeutung bei, wie kam es, daß ein so entlegener Ort eine so stark aufgeladene, mystische Symbolik angenommen hat, daß die Inselgruppe immer wieder als Sinnbild fungiert?


Mythos und Wirklichkeit

Das Wechselspiel von Mythos und Wirklichkeit gehört zu den Grunderfahrungen im Umgang mit der Insel. Der Hang zur Verklärung der Ursprünge, aber auch der Mangel an gesicherten Informationen - sei es über die Gründung des Klosters, seine Verteidigung, die Modernisierung und über die Zerstörung, steht dem Versuch, die Geschichte des Archipelago zu schreiben, im Wege. Es ist allzu verlockend, die pathetischen Überlieferungen von Glanz und Schrecken weiter zu tragen, aber über die Insel sagt uns das wenig, viel mehr über die mit ihr verbundenen Assoziationen. Nachdem die Geschichte der Insel in der Sowjetunion von den 60er Jahren des XX. Jahrhunderts an in der Tradition heimatkundlicher Beiträge geschrieben wurde, sind erst wenige Historiker dazu gekommen, die existierenden Quellen zu sichten, sie zu interpretieren. Zu ihnen gehören Jurij Brodsky, der schon seit 30 Jahren auf Solowki lebt, und Irina Reznikowa sowie Venjamin Jofe vom St. Petersburger Bildungszentrum Memorial, die seit zehn Jahren regelmäßig auf Solowki weilen. Sie vereint der reale Kampf um Dokumente, Zeugnisse und Erinnerungen, die von der Zeit, neugierigen Touristen, der Abtei oder dem oft allzu gierigen Museum aufgesogen zu werden drohen. Aber sie gehören auch zu denjenigen, die eine annähernde Vorstellung vom Reichtum der Materialien haben, sie erahnen, welche Aufgaben noch vor ihnen liegen. Deshalb arbeiten sie unermüdlich an der Erforschung einzelner Aspekte. Und doch werden wir vieles nicht erfahren. So wissen wir nicht, wie das Feuer des Jahres 1923 ausbrach, welches das Kloster in seiner alten Form endgültig zerstörte. Es gibt keine Beweise dafür, daß tatsächlich an Baumstämme gefesselte Menschen die Todestreppe hinunter gestürzt wurden. Nur die Zeichnung des Sohnes eine Aufsehers, nach den Erzählungen des Vaters gemalt, dient als Anhaltspunkt. Wir wissen, daß die auf allen Inseln zu findenden Labyrinthe aus Findlingen zu kreisförmigen Gebilden gelegt wurden. Wir wissen, daß sie über einem Durchmesser von wenigen Zentimetern bis zu mehreren hundert Metern verfügen. Einige der Labyrinthe lassen sich auf das zweite Jahrtausend vor unserer Ära datieren, eine Zeit, in der Nomadenstämme über die nördliche Erdhalbkugel zogen. Doch welche rituelle Funktion die Steingebilde hatten, ob sie dazu dienten, die Seelen der Toten zu fesseln, ob sie Landeplätze für kosmische Energie darstellten - darüber lassen sich nur Vermutungen anstellen. Neben wissenschaftlichen Erklärungsversuchen grassieren über diese ersten Spuren menschlichen Lebens auf den Solowki vor allem Legenden und Mythen.

So wie Details fehlen und die Vorstellung vom Geschehenen nur langsam Form annimmt, ist es nicht verwunderlich, daß es keine geschriebene Geschichte der Solowki von Anfang bis zum Ende, vom Ende bis zum Neuanfang, von der Vergangenheit bis zur Gegenwart gibt.


Vielfalt und Strenge

Um sich dieser Herausforderung zu stellen, lohnt es sich, den Ort selbst zu betrachten. Allein die geographische Lage spricht für sich, gibt zu Verstehen, warum Solowki einerseits in sich ein kleines Reich bildet, und andererseits zum Symbol für all-russische Entwicklungen werden konnte. Dazu trug in erster Linie die Abgeschiedenheit bei. Am 65 Breiten- und 36 Längengrad gelegen, ist es nur 150 Kilometer vom Polarkreis entfernt. Züge aus Peterburg fahren nach Kem 16 Stunden, in Richtung Norden, nach Murmansk, ist es nur die Hälfte der Fahrzeit. Von Kem erreicht man Solowki innerhalb einer Schiffsstunde. Was heute zumindest an die Zivilisation angebunden scheint, war vor Jahrhunderten das Ende der Welt. Den rauhen klimatischen Bedingungen des hohen Nordens hielten nur wenige Menschen aus dem Inneren des Kontinents stand, die in den wenigen Siedlungen am Festland weilten. Das Weiße Meer ist seither launisch, im Winter peitscht es die Insel mit feuchter Kälte, an warmen Sommertagen ist es ruhig, an stürmischen Herbsttag gerät es außer sich und erhebt sich über die flachen Ufer des Archipelago, das sich auf einer Fläche von 347 Quadratkilometern verteilt. Unter dem tiefen, nördlichen Himmel, erstrecken sich eine Hauptinsel sowie fünf größere Inseln, die von unzähligen kleinen steinigen Inseln umgeben sind. Die Inseln sind hügelig, die dichten Wälder von duzenden Seen durchsetzt, die Ufer steinig. Auf Solowki herrscht ein Mikroklima, daß zumindest eine Vegetationszeit von fast drei Monaten zuläßt, so daß die Inseln eine für diese Breitengrade ungewöhnlich artenreiche Flora aufweisen, die sich in den zwei Sommermonaten entfaltet. Dafür erschweren die langen, 8 Monate währenden, feuchten Winter und die nicht enden wollenden Polarnächte jegliches Leben. Die durchschnittliche Temperatur liegt bei +10 Grad.

Liegen die Solowki einsam im Weißen Meer, so bilden sie in sich ein Reich, dass sich von Insel zu Insel unterscheidet. Auf Anser wachsen andere Bäume, als auf Muksulma, auf den Sajchiki-Inseln gab es schon vor Jahrhunderten Hasen, auf Anser leben heute Elche. Insgesamt gibt es in 365 Süßwasserseen große Fischvorräte.


Gründung und Ausbau

Bis zum 15. Jahrhundert waren nur selten Menschen auf Solowki. Wenn, waren es Leibeigene des Novgoroder Fürsten, die zum Jagen und Fischen hier her kamen, oder aber während der Überquerung des Meeres Zuflucht vor Wind und Wetter suchten. Laut der Legende machten sich 1429 die Mönche Sawatij und Hermann auf, um in der Einsamkeit des Archipelagos Gott zu suchen. Von der Schönheit der Insel in den Bann gezogen, beschlossen sie, hier mit eigenen Händen ein Kloster zu errichten. Nachdem sie die Erlaubnis vom Großfürsten erhalten hatten, kamen auch schon die ersten Mönche vom Festland herüber. Die ersten Kirchen und Wirtschaftsgebäude wurden aus Holz errichtet. Das Kloster vergrößerte sich besonders während der Amtszeit des heiligen Sossima, der dem Kloster von 1452 bis 1478 vorstand. Nach dem Fall des Reiches ging das Kloster 1478 in den Besitz der Moskauer Fürsten über.


Aufschwung und Verteidigung

Zu einem Aufschwung kam es, als Filipp Kolytschews 1558 Abt wurde: während seiner 15-jährigen Kadenz wurden die ersten Steinbauten des Klosters errichtet. Diese waren mit für die damalige Zeit und diese Breitengrade außerordentlichen Einrichtungen wie Wasserleitungen und einem Kanalsystem versehen. Gegen Ende des 16 Jahrhundert war das Kloster von einer einen Kilometer langen sechs Meter dicken und zehn Meter hohen Mauer aus großen Findlingen und Granit-Basalt-Blöcken.

Auf dem weitläufigen Gelände des Klosters wurden sieben Kirchen errichtet, die durch Galeriegänge bei jedem Wetter zu erreichen waren. Die Bedeutung des Klosters als russischer Vorposten im hohen Norden wuchs zunehmend. Die Mönche waren für ihre Ikonenmalerei, aber auch für ihr handwerkliches Geschick bei der Bearbeitung von Seehund- und Walroßfellen bekannt. Der Handel florierte, und das Solovetzki-Kloster wurde bald zu einem der reichsten in Rußland, seine Länderein reichten von Murmansk bis nach Nowgorod. Die besondere Stellung des Klosters blieb über die Jahrhunderte hinweg bestehen.

Von neuen Tendenzen abgeschottet und bewußt traditionsbetont, verstand sich das Kloster immer als Bewahrer der wahren Gläubigkeit, von der es sich auch während des großen Schismas im 17. Jahrhundert nicht loszusagen bereit war. Der Aufstand der radikalen Altgläubigen gegen den Zaren dauerte Sieben Jahre lang und ging als das "Große Solovetzker Sitzen" in die Geschichte ein. Sieben Jahre lang wurde das Kloster von Moskauer Truppen belagert, die letztlich während eines Sturmes das Kloster eroberten und ein Blutbad anrichteten.

Mit Solowki ist auch der Name Peters des Großen eng verbunden, der 1694 zu einer dreitägigen Pilgerreise zu den Inseln aufbrach. Acht Jahre später kam er mit einer Flotte von 30 Schiffen, um die Nordküste des Reiches gegen die Schweden zu verteidigen. Zu seiner Ankunft wurde auf der kleinen Haseninsel eine Holzkapelle errichtet, die bis heute erhalten ist. Die Legende besagt, daß Peter von hier aus aufbrach, um St. Petersburg zu gründen.

Als im 17. Jahrhundert im Kloster bereits 300 Mönche und 600 Arbeiter lebten und die Bedeutung des Ortes weiter zunahm, begannen die Mönche überall auf der Inselgruppe Einsiedeleien zu errichten. Um 1800 wurde auf dem Axtberg, dem höchstgelegensten Punkt des Landes, eine Kapelle mit einem Leuchtturm eingerichtet. Im 19. Jahrhundert wurden die über 60 Seen der waldbedeckten Hauptinsel so mit einem ausgeklügelten Kanalsystem  verbunden, daß ein Kraftwerk für die Stromerzeugung betrieben werden konnte. Diese wurden, wie mir ein ehemaliger Gefangener, der im Kraftwerk des SLON gearbeitet hatte, versicherte, zuletzt mit Generatoren von japanischen Unterseebooten, die im japanisch-russischen Krieg gesunken waren, ausgestattet. Das Wirtschaftswunder von Solowki, daß durch den Fleiß und das Geschick der Mönche möglich wurde, war in ganz Rußland ein Begriff.


Zerstörung und Internierung

Als die Bolschewiki auf die Solovetzki-Inseln kamen, ragten überall an den Ufern Kreuze empor, Zeichen der Ergebenheit, die Pilger hier im Laufe der Jahrhunderte errichtet hatten. Bereits 1920 begann die Auflösung des Klosters. In diesem Jahr wurden fast alle Kirchen geschlossen, die wertvollen Ikonen und die umfangreiche Bibliothek beschlagnahmt, der Boden kollektiviert. Nachdem am 25. Mai 1923 das alte Kloster bei einem verheerenden Brand zerstört wurde, kamen bereits am 1. Juli die ersten politischen Häftlinge in das SLON, "Solowetzker Lager Besonderer Bestimmung". Es wurde das erste sowjetische Konzentrationslager, in dem die neuen Methoden der Perekowka - der "Umerziehung zum neuen Menschen" erprobt wurden. Solowki wurde in den 20er Jahren zum Konzentrationslager der alten, vorrevolutionären Gesellschaft, - Vertreter liquidiert werden sollten. Ehemalige Abgeordnete der Duma, Angehörige aller Parteien von den Sozialrevolutionären bis zu den Monarchisten, Kaufleute und Adlige, Offiziere der weißen Armee, bekannte Schauspieler, Schriftsteller und Journalisten, Geistliche aller Konfessionen wurden hier her geschafft. Der Ort des Schreckens wahrte zu Beginn den Schein der zivilisierten Welt. Eine Zeitung "Die neuen Solowki", wurde herausgegeben, die "Solowetzker Gesellschaft für Heimatkunde" war tätig, ein Kabinett zur Erforschung des Lagerjargons und ein Theater wurden betrieben. Solowki war damals eine heimliche geistige und geistliche Hauptstadt Rußlands. Selten zuvor waren auf so engem Raum so viele Denker, Künstler und Geistliche versammelt, wie auf den Solowki der 20er Jahre.

Und dennoch stand über dem Lagereingang: "Mit eiserner Hand die Menschheit ihrem Glück entgegentreiben". Die Häftlinge lebten zusammengepfercht in den kargen Mönchzellen, die Urkas, Häftlinge aus dem Verbrechermilieu, trieben bereits ihr Unwesen. Es gab verschiedene Straflager, Karzer, Isolationszellen, Sterbetrakte. So wurde die Kapelle auf dem Axtberg zu einer Todesstätte, in der man die Lagerhäftlinge drangsalierte. Sie schliefen auf dem Steinboden in mehreren Lagen, am Morgen wachten viele, erfroren oder zertreten, nicht mehr auf. Die Aufseher zwangen die Häftlinge, nackt im Freien zu verweilen, wo sie von den Mückenschwärmen förmlich zerfressen wurden oder im Schnee der eiseigen Kälte ausgesetzt waren. Frauen wurden oft zu Freiwild für die Urkas, wurden sie schwanger, kamen sie zuerst auf die Kleine Haseninsel und zum Entbinden in die Einsiedelei am Berg Golgata, wo auch die Typhuskranken hin transportiert wurden. Hunderte starben Ende der zwanziger Jahre an der Seuche, ihre Leichen liegen noch heute am Fuße des Berges verscharrt.


Funktionswandel und Liquidierung

1930 wurde das Konzentrationslager in ein "Arbeitsbesserungslager" überführt, was seinerzeit als große "Reform" gepriesen wurde, in Wirklichkeit aber nur bedeutete, daß nun die Schonfrist für die Häftlinge abgelaufen war. Unterlagen bestimmte Gruppen, wie die politische Oppositionsparteien zunächst noch einem gelockerten Regime, wurden sie nun ohne Rücksicht zum Arbeitsdienst im Wald, auf dem Feld, auf dem Meer und in Werkstätten herangezogen. Das Lager hatte von nun an mit primitivsten Mitteln die im Gosplan festgeschriebene Mehrwerte zu schaffen. Mit dem Wandel der Funktion vermehrte sich die Lagerbevölkerung zusehen. Waren 1923 noch 4 000 Menschen interniert, waren es 1930 schon 50 000. Das Lager wurde nun vom Kreml, dem Kern des Lagerareals, von wenigen Tschekisten geführt, während die Bewachung und Bestrafung von privilegierten Häftlingen durchgeführt wurde, meist von Urkas. Bald hieß das Lager nicht mehr SLON, was auf russisch Elefant bedeutet und auch im Siegel des Lagers so verdeutlicht wurde, aus SLON wurde STON- das Solowetzker Gefängnis besonderer Bestimmung.

Seit Mitte der dreißiger Jahre verschwanden immer wieder Gruppen von Häftlingen, die, wie sich später herausstellte, am Festland exekutiert wurden. Zu diesen Orten gehört Sandarmorchy, ganz in der Nähe von Medwezhaja Gora, dem Ausgangsort des Belomorkanals, wo am 5.8.1937 1111 Menschen erschossen wurden. Mit den Vorbereitungen des Angriffs auf Finnland wurde beschlossen, das STON ganz zu beseitigen. Bis 1939 wurden dann auch alle Häftlinge in andere Lager des Belballags umgesiedelt. Von 1939 bis 1947 diente das Kloster von Solowki als Truppenübungspunkt der sowjetischen Nordflotte. Von 1942 bis 1945 - befand sich hier eine Marineschule, in der in aller Eile Kadetten für die Seefronten des "Großen Vaterländischen Krieges" ausgebildet wurden. Damit wurde das Archipelago zum Sperrgebiet, die Spuren des Lagers wurden nur notdürftig beseitigt.


Naturschutz und Erholungsgebiet

Seit Beginn der 60er Jahre wurden erste Restaurierungsmaßnahmen zur Sicherung des Baubestandes vorgenommen. 1967 wurde das Solovetzker historisch-architektonische und naturkundliche Museum gegründet. Schon bald brachte ein Schiff Touristen auf die Insel. Das Kloster wurde als überragendes Kulturerbe des russischen Volkes angepriesen, von der Existenz eines Lagers war keine Rede. In den 70er Jahren wurden die Solowki Naturschutzgebiet: seither sind die Wege für Touristen beschwerlich, es gibt keine Infrastruktur für einen organisierten Tourismus, die den bequemen Empfang von Gästen auf der Insel erlauben würde. Dennoch besuchen heute in der Saison etwas 100 Menschen pro Tag Solowki. Der Tourismus ist zu einer wichtigen Lebensgrundlage für einen Teil der 1000 Einwohner zählenden Gemeinde Solowki. Neben der Verwaltung gibt es heute noch zwei Mächte auf der Insel: das Kloster und das Museum. Sie verfügen jeweils über Geld aus Moskau und garantieren so den Lebensunterhalt vieler Familien auf der Insel.

Im Museum gibt es eine von Jurij Brodsky vorbereitete Ausstellung über die Geschichte des SLON und des STON aus dem Jahre 1989. Mitte der 90er Jahre wurde ein Gedenkstein für die Opfer des Terrors eingeweiht, Gläubige haben am selben Ort in der Siedlung abseits vom Kloster ein Holzkreuz errichtet. So ist die Geschichte nicht vordergründig ausgestellt, aber sie hat ihre Spuren hinterlassen, die noch zu sehen sind.


Aufbruch und Rückzug

Solowki ist also Ort der Natur, der Zivilisation, der Mythen, der Geschichte, und auch ein Ort der Gegenwart. Über Jahrhunderte waren die Solowetzki-Inseln religiöses, ökonomisches, politisches, ideologisches und kulturelles und militärisches Zentrum der Region. darüber hinaus dran der Ruf und die Anziehungskraft nach ganz Rußland. Die Solowki waren von Anfang ein Ort an dem sich Modernisierung und Tradition vereinten, aber auch miteinander im Konflikt standen. Sie sind ein Ort des steten Wechsels von Aufbruch und Rückzug.


Literatur

Lichatschov, D.: Ja vospominaju, Moskva 1991

Novyje Solovki (gazeta), Solovki, Kem 1925, 1926, 1930

Woronowicz, W.: Przypadki XX wieku. 20 lat na Wyspach Solowieckich i Kolymie 1935-1955, Warszawa 1994

Solzenicyn, A.: Archipel Gulag, Frankfurt (Main) 1981

Dmitrienko, M.W.: Solovki, Leningrad, 1968

Sonja Margolina / Karl Schlögel: Solowki. Ein Elefant im Paradies, am nördlichsten Rand der Welt. In: Frankfurter Allgemeine, Magazin. 30. Woche, 25. Juli 1997. Heft 908