Historische und topographische Vorstellung des Solowetzki
Archipelago
von Felix Ackermann
Ort und Symbol
Mythos und Wirklichkeit
Vielfalt und Strenge
Gründung und Ausbau
Zerstörung und Internierung
Funktionswandel
und Liquidierung
Naturschutz und
Erholungsgebiet
Aufbruch und Rückzug
Literatur
Ort
und Symbol
Solowki ist mehr als eine Insel im Weißen Meer, Solowki
ist ein mythisch aufgeladener Ort, der im kulturellen Gedächtnis
Rußlands fest verankert ist. Der Traum von Heiligen Rußland,
die Eroberung und Zivilisierung des russischen Nordens,
die Expansion Peters des Großen hin zum Meer, die Zerstörung
des Geistlichen, die Errichtung eines "russischen Auschwitz"
(Solzhenizn, Archipel Gulag), die bolschewistische Vision
vom Sieg über Gott, die Wiederauferstehung der Orthodoxen
Kirche nach dem Zerfall des sowjetischen Reiches, die Rückkehr
des Gedächtnisses - all das konzentriert sich im Bild von
Solowki, das geprägt ist von der Silhouette der Zwiebeltürme
und Wehrmauern, die in den Sonnenuntergängen der Weißen
Nächte erstrahlen oder sich in den Seen und Kanälen der
Inseln spiegeln. Zu diesem Bild gehören die Einsiedeleien,
Kapellen, Steinlabyrinthe aber auch die Todestreppe am Berg
Sikernaja Gora und letztlich ist der Solowetzker Stein vor
der Lubjanka in Moskau ein Abbild russischer Geschichte,
an dem sich zur Zeit gerade wieder eine lebhafte Debatte
über den Umgang mit ihr entzündet. Egal, ob vor der Lubjanka
wieder eine Büste des Begründers der Tscheka, Feliks Edmundowich
Dzhierzhinski, errichtet wird, wie viele Abgeordnete der
Duma fordern, und auch wenn die Solowki in der atlantisch
geprägten mentalen Karte von Europa noch keinen festen Punkt
haben mögen, in Rußland sind die Solowetzki - Inseln ein
festes Bezugsmoment, die Menschen wissen um den Reiz und
die Schrecken der Insel, auch wenn sie nicht Heerscharen
aufbrechen, um die Spuren ihrer Geschichte an dem entlegenen
Ort zu suchen. Aber warum mißt man Solowki immer wieder
soviel Bedeutung bei, wie kam es, daß ein so entlegener
Ort eine so stark aufgeladene, mystische Symbolik angenommen
hat, daß die Inselgruppe immer wieder als Sinnbild fungiert?
Mythos und Wirklichkeit
Das Wechselspiel von Mythos und Wirklichkeit gehört zu den
Grunderfahrungen im Umgang mit der Insel. Der Hang zur Verklärung
der Ursprünge, aber auch der Mangel an gesicherten Informationen
- sei es über die Gründung des Klosters, seine Verteidigung,
die Modernisierung und über die Zerstörung, steht dem Versuch,
die Geschichte des Archipelago zu schreiben, im Wege. Es
ist allzu verlockend, die pathetischen Überlieferungen von
Glanz und Schrecken weiter zu tragen, aber über die Insel
sagt uns das wenig, viel mehr über die mit ihr verbundenen
Assoziationen. Nachdem die Geschichte der Insel in der Sowjetunion
von den 60er Jahren des XX. Jahrhunderts an in der Tradition
heimatkundlicher Beiträge geschrieben wurde, sind erst wenige
Historiker dazu gekommen, die existierenden Quellen zu sichten,
sie zu interpretieren. Zu ihnen gehören Jurij Brodsky, der
schon seit 30 Jahren auf Solowki lebt, und Irina Reznikowa
sowie Venjamin Jofe vom St. Petersburger Bildungszentrum
Memorial, die seit zehn Jahren regelmäßig auf Solowki weilen.
Sie vereint der reale Kampf um Dokumente, Zeugnisse und
Erinnerungen, die von der Zeit, neugierigen Touristen, der
Abtei oder dem oft allzu gierigen Museum aufgesogen zu werden
drohen. Aber sie gehören auch zu denjenigen, die eine annähernde
Vorstellung vom Reichtum der Materialien haben, sie erahnen,
welche Aufgaben noch vor ihnen liegen. Deshalb arbeiten
sie unermüdlich an der Erforschung einzelner Aspekte. Und
doch werden wir vieles nicht erfahren. So wissen wir nicht,
wie das Feuer des Jahres 1923 ausbrach, welches das Kloster
in seiner alten Form endgültig zerstörte. Es gibt keine
Beweise dafür, daß tatsächlich an Baumstämme gefesselte
Menschen die Todestreppe hinunter gestürzt wurden. Nur die
Zeichnung des Sohnes eine Aufsehers, nach den Erzählungen
des Vaters gemalt, dient als Anhaltspunkt. Wir wissen, daß
die auf allen Inseln zu findenden Labyrinthe aus Findlingen
zu kreisförmigen Gebilden gelegt wurden. Wir wissen, daß
sie über einem Durchmesser von wenigen Zentimetern bis zu
mehreren hundert Metern verfügen. Einige der Labyrinthe
lassen sich auf das zweite Jahrtausend vor unserer Ära datieren,
eine Zeit, in der Nomadenstämme über die nördliche Erdhalbkugel
zogen. Doch welche rituelle Funktion die Steingebilde hatten,
ob sie dazu dienten, die Seelen der Toten zu fesseln, ob
sie Landeplätze für kosmische Energie darstellten - darüber
lassen sich nur Vermutungen anstellen. Neben wissenschaftlichen
Erklärungsversuchen grassieren über diese ersten Spuren
menschlichen Lebens auf den Solowki vor allem Legenden und
Mythen.
So wie Details fehlen und die Vorstellung vom Geschehenen
nur langsam Form annimmt, ist es nicht verwunderlich, daß
es keine geschriebene Geschichte der Solowki von Anfang
bis zum Ende, vom Ende bis zum Neuanfang, von der Vergangenheit
bis zur Gegenwart gibt.
Vielfalt und Strenge
Um sich dieser Herausforderung zu stellen, lohnt es sich,
den Ort selbst zu betrachten. Allein die geographische Lage
spricht für sich, gibt zu Verstehen, warum Solowki einerseits
in sich ein kleines Reich bildet, und andererseits zum Symbol
für all-russische Entwicklungen werden konnte. Dazu trug
in erster Linie die Abgeschiedenheit bei. Am 65 Breiten-
und 36 Längengrad gelegen, ist es nur 150 Kilometer vom
Polarkreis entfernt. Züge aus Peterburg fahren nach Kem
16 Stunden, in Richtung Norden, nach Murmansk, ist es nur
die Hälfte der Fahrzeit. Von Kem erreicht man Solowki innerhalb
einer Schiffsstunde. Was heute zumindest an die Zivilisation
angebunden scheint, war vor Jahrhunderten das Ende der Welt.
Den rauhen klimatischen Bedingungen des hohen Nordens hielten
nur wenige Menschen aus dem Inneren des Kontinents stand,
die in den wenigen Siedlungen am Festland weilten. Das Weiße
Meer ist seither launisch, im Winter peitscht es die Insel
mit feuchter Kälte, an warmen Sommertagen ist es ruhig,
an stürmischen Herbsttag gerät es außer sich und erhebt
sich über die flachen Ufer des Archipelago, das sich auf
einer Fläche von 347 Quadratkilometern verteilt. Unter dem
tiefen, nördlichen Himmel, erstrecken sich eine Hauptinsel
sowie fünf größere Inseln, die von unzähligen kleinen steinigen
Inseln umgeben sind. Die Inseln sind hügelig, die dichten
Wälder von duzenden Seen durchsetzt, die Ufer steinig. Auf
Solowki herrscht ein Mikroklima, daß zumindest eine Vegetationszeit
von fast drei Monaten zuläßt, so daß die Inseln eine für
diese Breitengrade ungewöhnlich artenreiche Flora aufweisen,
die sich in den zwei Sommermonaten entfaltet. Dafür erschweren
die langen, 8 Monate währenden, feuchten Winter und die
nicht enden wollenden Polarnächte jegliches Leben. Die durchschnittliche
Temperatur liegt bei +10 Grad.
Liegen die Solowki einsam im Weißen Meer, so bilden sie
in sich ein Reich, dass sich von Insel zu Insel unterscheidet.
Auf Anser wachsen andere Bäume, als auf Muksulma, auf den
Sajchiki-Inseln gab es schon vor Jahrhunderten Hasen, auf
Anser leben heute Elche. Insgesamt gibt es in 365 Süßwasserseen
große Fischvorräte.
Gründung und Ausbau
Bis zum 15. Jahrhundert waren nur selten Menschen auf Solowki.
Wenn, waren es Leibeigene des Novgoroder Fürsten, die zum
Jagen und Fischen hier her kamen, oder aber während der
Überquerung des Meeres Zuflucht vor Wind und Wetter suchten.
Laut der Legende machten sich 1429 die Mönche Sawatij und
Hermann auf, um in der Einsamkeit des Archipelagos Gott
zu suchen. Von der Schönheit der Insel in den Bann gezogen,
beschlossen sie, hier mit eigenen Händen ein Kloster zu
errichten. Nachdem sie die Erlaubnis vom Großfürsten erhalten
hatten, kamen auch schon die ersten Mönche vom Festland
herüber. Die ersten Kirchen und Wirtschaftsgebäude wurden
aus Holz errichtet. Das Kloster vergrößerte sich besonders
während der Amtszeit des heiligen Sossima, der dem Kloster
von 1452 bis 1478 vorstand. Nach dem Fall des Reiches ging
das Kloster 1478 in den Besitz der Moskauer Fürsten über.
Aufschwung und Verteidigung
Zu einem Aufschwung kam es, als Filipp Kolytschews
1558 Abt wurde: während seiner 15-jährigen Kadenz wurden
die ersten Steinbauten des Klosters errichtet. Diese waren
mit für die damalige Zeit und diese Breitengrade außerordentlichen
Einrichtungen wie Wasserleitungen und einem Kanalsystem
versehen. Gegen Ende des 16 Jahrhundert war das Kloster
von einer einen Kilometer langen sechs Meter dicken und
zehn Meter hohen Mauer aus großen Findlingen und Granit-Basalt-Blöcken.
Auf dem weitläufigen Gelände des Klosters wurden sieben
Kirchen errichtet, die durch Galeriegänge bei jedem Wetter
zu erreichen waren. Die Bedeutung des Klosters als russischer
Vorposten im hohen Norden wuchs zunehmend. Die Mönche waren
für ihre Ikonenmalerei, aber auch für ihr handwerkliches
Geschick bei der Bearbeitung von Seehund- und Walroßfellen
bekannt. Der Handel florierte, und das Solovetzki-Kloster
wurde bald zu einem der reichsten in Rußland, seine Länderein
reichten von Murmansk bis nach Nowgorod. Die besondere Stellung
des Klosters blieb über die Jahrhunderte hinweg bestehen.
Von neuen Tendenzen abgeschottet und bewußt traditionsbetont,
verstand sich das Kloster immer als Bewahrer der wahren
Gläubigkeit, von der es sich auch während des großen Schismas
im 17. Jahrhundert nicht loszusagen bereit war. Der Aufstand
der radikalen Altgläubigen gegen den Zaren dauerte Sieben
Jahre lang und ging als das "Große Solovetzker Sitzen"
in die Geschichte ein. Sieben Jahre lang wurde das Kloster
von Moskauer Truppen belagert, die letztlich während eines
Sturmes das Kloster eroberten und ein Blutbad anrichteten.
Mit Solowki ist auch der Name Peters des Großen eng verbunden,
der 1694 zu einer dreitägigen Pilgerreise zu den Inseln
aufbrach. Acht Jahre später kam er mit einer Flotte von
30 Schiffen, um die Nordküste des Reiches gegen die Schweden
zu verteidigen. Zu seiner Ankunft wurde auf der kleinen
Haseninsel eine Holzkapelle errichtet, die bis heute erhalten
ist. Die Legende besagt, daß Peter von hier aus aufbrach,
um St. Petersburg zu gründen.
Als im 17. Jahrhundert im Kloster bereits 300 Mönche und
600 Arbeiter lebten und die Bedeutung des Ortes weiter zunahm,
begannen die Mönche überall auf der Inselgruppe Einsiedeleien
zu errichten. Um 1800 wurde auf dem Axtberg, dem höchstgelegensten
Punkt des Landes, eine Kapelle mit einem Leuchtturm eingerichtet.
Im 19. Jahrhundert wurden die über 60 Seen der waldbedeckten
Hauptinsel so mit einem ausgeklügelten Kanalsystem verbunden,
daß ein Kraftwerk für die Stromerzeugung betrieben werden
konnte. Diese wurden, wie mir ein ehemaliger Gefangener,
der im Kraftwerk des SLON gearbeitet hatte, versicherte,
zuletzt mit Generatoren von japanischen Unterseebooten,
die im japanisch-russischen Krieg gesunken waren, ausgestattet.
Das Wirtschaftswunder von Solowki, daß durch den Fleiß und
das Geschick der Mönche möglich wurde, war in ganz Rußland
ein Begriff.
Zerstörung und Internierung
Als die Bolschewiki auf die Solovetzki-Inseln kamen, ragten
überall an den Ufern Kreuze empor, Zeichen der Ergebenheit,
die Pilger hier im Laufe der Jahrhunderte errichtet hatten.
Bereits 1920 begann die Auflösung des Klosters. In diesem
Jahr wurden fast alle Kirchen geschlossen, die wertvollen
Ikonen und die umfangreiche Bibliothek beschlagnahmt, der
Boden kollektiviert. Nachdem am 25. Mai 1923 das alte Kloster
bei einem verheerenden Brand zerstört wurde, kamen bereits
am 1. Juli die ersten politischen Häftlinge in das SLON,
"Solowetzker Lager Besonderer Bestimmung". Es
wurde das erste sowjetische Konzentrationslager, in dem
die neuen Methoden der Perekowka - der "Umerziehung
zum neuen Menschen" erprobt wurden. Solowki wurde in
den 20er Jahren zum Konzentrationslager der alten, vorrevolutionären
Gesellschaft, - Vertreter liquidiert werden sollten. Ehemalige
Abgeordnete der Duma, Angehörige aller Parteien von den
Sozialrevolutionären bis zu den Monarchisten, Kaufleute
und Adlige, Offiziere der weißen Armee, bekannte Schauspieler,
Schriftsteller und Journalisten, Geistliche aller Konfessionen
wurden hier her geschafft. Der Ort des Schreckens wahrte
zu Beginn den Schein der zivilisierten Welt. Eine Zeitung
"Die neuen Solowki", wurde herausgegeben, die
"Solowetzker Gesellschaft für Heimatkunde" war
tätig, ein Kabinett zur Erforschung des Lagerjargons und
ein Theater wurden betrieben. Solowki war damals eine heimliche
geistige und geistliche Hauptstadt Rußlands. Selten zuvor
waren auf so engem Raum so viele Denker, Künstler und Geistliche
versammelt, wie auf den Solowki der 20er Jahre.
Und dennoch stand über dem Lagereingang: "Mit eiserner
Hand die Menschheit ihrem Glück entgegentreiben". Die
Häftlinge lebten zusammengepfercht in den kargen Mönchzellen,
die Urkas, Häftlinge aus dem Verbrechermilieu, trieben bereits
ihr Unwesen. Es gab verschiedene Straflager, Karzer, Isolationszellen,
Sterbetrakte. So wurde die Kapelle auf dem Axtberg zu einer
Todesstätte, in der man die Lagerhäftlinge drangsalierte.
Sie schliefen auf dem Steinboden in mehreren Lagen, am Morgen
wachten viele, erfroren oder zertreten, nicht mehr auf.
Die Aufseher zwangen die Häftlinge, nackt im Freien zu verweilen,
wo sie von den Mückenschwärmen förmlich zerfressen wurden
oder im Schnee der eiseigen Kälte ausgesetzt waren. Frauen
wurden oft zu Freiwild für die Urkas, wurden sie schwanger,
kamen sie zuerst auf die Kleine Haseninsel und zum Entbinden
in die Einsiedelei am Berg Golgata, wo auch die Typhuskranken
hin transportiert wurden. Hunderte starben Ende der zwanziger
Jahre an der Seuche, ihre Leichen liegen noch heute am Fuße
des Berges verscharrt.
Funktionswandel und Liquidierung
1930 wurde das Konzentrationslager in ein "Arbeitsbesserungslager"
überführt, was seinerzeit als große "Reform" gepriesen
wurde, in Wirklichkeit aber nur bedeutete, daß nun die Schonfrist
für die Häftlinge abgelaufen war. Unterlagen bestimmte Gruppen,
wie die politische Oppositionsparteien zunächst noch einem
gelockerten Regime, wurden sie nun ohne Rücksicht zum Arbeitsdienst
im Wald, auf dem Feld, auf dem Meer und in Werkstätten herangezogen.
Das Lager hatte von nun an mit primitivsten Mitteln die
im Gosplan festgeschriebene Mehrwerte zu schaffen. Mit dem
Wandel der Funktion vermehrte sich die Lagerbevölkerung
zusehen. Waren 1923 noch 4 000 Menschen interniert, waren
es 1930 schon 50 000. Das Lager wurde nun vom Kreml, dem
Kern des Lagerareals, von wenigen Tschekisten geführt, während
die Bewachung und Bestrafung von privilegierten Häftlingen
durchgeführt wurde, meist von Urkas. Bald hieß das Lager
nicht mehr SLON, was auf russisch Elefant bedeutet und auch
im Siegel des Lagers so verdeutlicht wurde, aus SLON wurde
STON- das Solowetzker Gefängnis besonderer Bestimmung.
Seit Mitte der dreißiger Jahre verschwanden immer wieder
Gruppen von Häftlingen, die, wie sich später herausstellte,
am Festland exekutiert wurden. Zu diesen Orten gehört Sandarmorchy,
ganz in der Nähe von Medwezhaja Gora, dem Ausgangsort des
Belomorkanals, wo am 5.8.1937 1111 Menschen erschossen wurden.
Mit den Vorbereitungen des Angriffs auf Finnland wurde beschlossen,
das STON ganz zu beseitigen. Bis 1939 wurden dann auch alle
Häftlinge in andere Lager des Belballags umgesiedelt. Von
1939 bis 1947 diente das Kloster von Solowki als Truppenübungspunkt
der sowjetischen Nordflotte. Von 1942 bis 1945 - befand
sich hier eine Marineschule, in der in aller Eile Kadetten
für die Seefronten des "Großen Vaterländischen Krieges"
ausgebildet wurden. Damit wurde das Archipelago zum Sperrgebiet,
die Spuren des Lagers wurden nur notdürftig beseitigt.
Naturschutz und Erholungsgebiet
Seit Beginn der 60er Jahre wurden erste Restaurierungsmaßnahmen
zur Sicherung des Baubestandes vorgenommen. 1967 wurde das
Solovetzker historisch-architektonische und naturkundliche
Museum gegründet. Schon bald brachte ein Schiff Touristen
auf die Insel. Das Kloster wurde als überragendes Kulturerbe
des russischen Volkes angepriesen, von der Existenz eines
Lagers war keine Rede. In den 70er Jahren wurden die Solowki
Naturschutzgebiet: seither sind die Wege für Touristen beschwerlich,
es gibt keine Infrastruktur für einen organisierten Tourismus,
die den bequemen Empfang von Gästen auf der Insel erlauben
würde. Dennoch besuchen heute in der Saison etwas 100 Menschen
pro Tag Solowki. Der Tourismus ist zu einer wichtigen Lebensgrundlage
für einen Teil der 1000 Einwohner zählenden Gemeinde Solowki.
Neben der Verwaltung gibt es heute noch zwei Mächte auf
der Insel: das Kloster und das Museum. Sie verfügen jeweils
über Geld aus Moskau und garantieren so den Lebensunterhalt
vieler Familien auf der Insel.
Im Museum gibt es eine von Jurij Brodsky vorbereitete Ausstellung
über die Geschichte des SLON und des STON aus dem Jahre
1989. Mitte der 90er Jahre wurde ein Gedenkstein für die
Opfer des Terrors eingeweiht, Gläubige haben am selben Ort
in der Siedlung abseits vom Kloster ein Holzkreuz errichtet.
So ist die Geschichte nicht vordergründig ausgestellt, aber
sie hat ihre Spuren hinterlassen, die noch zu sehen sind.
Aufbruch und Rückzug
Solowki ist also Ort der Natur, der Zivilisation, der Mythen,
der Geschichte, und auch ein Ort der Gegenwart. Über Jahrhunderte
waren die Solowetzki-Inseln religiöses, ökonomisches, politisches,
ideologisches und kulturelles und militärisches Zentrum
der Region. darüber hinaus dran der Ruf und die Anziehungskraft
nach ganz Rußland. Die Solowki waren von Anfang ein Ort
an dem sich Modernisierung und Tradition vereinten, aber
auch miteinander im Konflikt standen. Sie sind ein Ort des
steten Wechsels von Aufbruch und Rückzug.
Literatur
Lichatschov, D.: Ja vospominaju, Moskva 1991
Novyje Solovki (gazeta), Solovki, Kem 1925, 1926,
1930
Woronowicz, W.: Przypadki XX wieku. 20 lat na Wyspach
Solowieckich i Kolymie 1935-1955, Warszawa 1994
Solzenicyn, A.: Archipel Gulag, Frankfurt (Main)
1981
Dmitrienko, M.W.: Solovki, Leningrad, 1968
Sonja Margolina / Karl Schlögel: Solowki. Ein Elefant
im Paradies, am nördlichsten Rand der Welt. In: Frankfurter
Allgemeine, Magazin. 30. Woche, 25. Juli 1997. Heft 908