|
System oder Willkür?
Die "Rukovoditeli" von Solovki
Alexander Wolters
Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung
Neuankömmlinge
auf den Solovki wurden von den Lagervorstehern oder deren
Vertretern in der Regel mit den Worten "Dies ist keine
Sowjetische, sondern eine Solowezkische Republik" begrüßt.
Damit sollte den Häftlingen gleich zu verstehen gegeben
werden, dass in diesem Lager andere Gesetze herrschten oder
- gar keine? Wie sah sie aus, die Lagerwelt, in der sich die
Neuankömmlinge wiederfanden und einzurichten hatten?
Stießen sie auf ausufernde Rechtlosigkeit und fristeten
ein Leben in Hoffnungslosigkeit, wie es beispielsweise die
Vorstellung von der Lagerwelt der deutschen Konzentrationslager
suggerieren mag? Oder war die Lagerrealität eine andere?
Wohl entscheidend für die Behandlung dieses Fragekomplexes
ist die Beantwortung der Frage nach dem Leid: wie und wo kam
es zum Vorschein, wo wurde es "produziert"?
Über diese Frage möchte die vorliegende Hausarbeit
Aufschluss geben.
Ich möchte untersuchen, ob nicht eher Missmanagement
und Desorganisation zumindest in den ersten Jahren der SLON
und nicht zielgerichtetes "Täterverhalten"
für das Leid und Sterben auf den Inseln verantwortlich
war und die Lebenswirklichkeit der Häftlinge bestimmte.
Mein Fokus richtet sich dementsprechend auf die Rukovoditeli
und ihr Umfeld. Es soll ein systematischer Überblick
gegeben werden über die wichtigsten Machtpersonen, die
das Leben auf den Solovki entscheidend mitbestimmten.
Der Zeitraum, der bei der Untersuchung abgedeckt wird, erstreckt
sich von den frühen Zwanzigern, also der Entstehung des
Konzentrationslagers auf den Solovki bis in die frühen
Dreißiger, als sich die SLON zu einem "normalen"
Knotenpunkt im riesigen Lagernetz des GULAGs entwickelten.
Das
Problem mit der Beschäftigung des Themas "Die Rukovoditeli
von Solovki" ergibt sich schon aus der Überschrift
selbst. Denn "Rukovoditeli" ist ein Begriff, der
eigentlich wörtlich übersetzt nichts anderes als
Leiter/Führer bedeutet und hinsichtlich der Frage nach
den "Tätern" des GULAGs von Petrov/Skorkin,
Kto rukovodil NKVD 1934-1941 , benutzt wird.
Nun ist bei der Behandlung der Personen, die den Solovki vorstanden,
der Begriff mit Vorsicht zu benutzen, denn weder sind die
Vorsteher des Lagers mit solchen Rukovoditeli wie Ezov oder
Berija vergleichbar, noch waren sie immer ideologisch geschulte
Kommunisten, was der Begriff in diesem Kontext aber vielleicht
suggeriert.
Es gilt, den Begriff "Rukovoditeli" in Bezug auf
die unteren Lagerstrukturen erst noch mit Inhalt zu füllen.
Deswegen wird die Bezeichnung in der Arbeit überwiegend
verwendet. Ein anderer adäquater Terminus liegt m.E.
nicht vor und eine neutrale Auffassung von Rukovoditeli bietet
einen größtmöglichen Interpretationsrahmen
auch für das vorliegende Material.
Zum
besseren Verständnis wird dem systematischen Teil ein
Überblick über die Literatur und eine Darstellung
der Lagerstruktur vorangestellt. Es folgt der Hauptteil mit
den einzelnen Rukovoditeliprofilen an den sich die Auswertung
der gewonnenen Ergebnisse anschließt.
2. Erläuterungen zur
Literatur
Das
Bild von dem Konzentrationslagern auf den Solovki ist in seiner
Breite wahrscheinlich bestimmt durch die Erzählungen
von Solschenizyn zu diesem Thema und wurde wissenschaftlich
zuletzt von Ralf Stettner behandelt.
Außerdem hat das Buch von Dallin / Nikola'evskij "Zwangsarbeit
in der Sowjetunion", in dem den Solovki ein ganzes Kapitel
gewidmet wird, mit zur Verbreiterung von Kenntnissen über
dieses Thema beigetragen. Im Folgenden soll anhand des Buches
von Rozanov "Soloveckij konzlager' v monastyre"
und anderen Quellen die in der Einleitung genannten Aufgaben
erfüllt werden und eine Überprüfung der durch
Solschenizyn und Stettner dargebotenen Bilder stattfinden.
Interessant macht diese Aufgabe, dass Stettner Rozanov mit
seinem umfangreichen Material und seinen vergleichenden Interpretationsansätzen
nicht herangezogen hat und Solschenizyn mit seiner Art der
"künstlerischen Bewältigung" den Weg der
Vergangenheitsaufarbeitung vorgegeben hat, den auch Rozanov
später betritt.
Rozanovs Werk zeichnet sich durch seinen kompilatorischen
Charakter aus. 1979 erschienen zieht Rozanov in ihm alle Erfahrungsberichte
heran, die wesentlich für das Verständnis der Lagerwirklichkeit
auf den Solovki sind. Er setzt sich gründlich mit den
einzelnen Autoren auseinander, zeigt ihre Schwächen und
lässt sie, anders als Solschenizyn, regelmäßig
und ausführlich zu Wort kommen. Doch wie er selbst mehrmals
zu verstehen gibt, sieht er sich nicht als Historiker, was
in der fehlenden Systematisierung zum Vorschein kommt.
3. Überblick über den
Lageraufbau und die Machtstrukturen
Die
Solovki, besser die SLON, die "Solowezker Lager zur besonderen
Verwendung" und auch die USLON, die "Verwaltung
der Solowezker Lager zur besonderen Verwendung" unterstanden
in erster Linie der GPU, später OGPU in Moskau. Die Zuständigkeit
über diese Lager übernahm innerhalb der GPU / OGPU
die "Spezialabteilung" mit Gleb Bokij an der Spitze.
Die Verwaltung, USLON, die bis 1923 in Archangelsk gesessen
hatte, siedelte in den Kreml auf die Solovki um. Neben ihr
gab es aber noch das Amt des Chefs des Lagerkomplexes, der
SLON, der vor Ort die eigentliche Machtbefugnis besaß.
Neben diesen groben Strukturen bildeten die Solowezker Lager
zur besonderen Verwendung eine Welt für sich: wenn auch
von vielen als Mikrokosmos der sowjetischen Wirklichkeit beschrieben,
herrschten doch Bedingungen vor, die zu einer radikalen Überspitzung
mit makaberen Auswüchsen führten. Ein Kastensystem
richtete sich ein, Gefangene herrschten über Gefangene,
Brutalität und Bestialität lebten neben Luxus und
Bereicherung, unglaubliche Karrieren fanden hier ihren Anfang
wo vielen anderen der Untergang beschert war.
Hinzu kommt noch die zeitliche Verortung von Macht. Denn manchen
Personen, die Machtpositionen einnahmen, war dies nur eine
gewisse Zeit gegönnt. Gerade weil aber häufig das
Leben der Häftlinge von den Tätern abhing, ließe
sich in der relativ kurzen Geschichte der Solovki eine Periodisierung
vornehmen, die natürlich durch externe Ereignisse mitbestimmt
würde.
Hier sollen aber mehr oder weniger durchgängige Machtstrukturen
aufgezeigt werden. Das Lagernetz der Solovki war in 6 übergeordnete
Abteilungen gegliedert: jeweils eine für die Kondostrov,
die Anzer Insel und die Muksalma Inseln und drei für
die Solwezker Inseln ( Kreml, Savvatij Einsiedelei und den
Sekirka Berg) . An erster Stelle der Hierarchie stand die
ISTsch , die Informations- und Untersuchungsabteilung. Sie
repräsentierte die GPU in den Lagern und in ihr waren
die echten Tschekisten zu finden. Nur sie konnte entweder
auf den Wink aus Moskau hin Untersuchungen starten oder auch
selbst aktiv werden und einem Häftling die Freiheit schenken
oder in zur Erschießung verurteilen. Das dabei auf keinerlei
Bindung an herrschende Gesetze Wert gelegt wurde ist offensichtlich,
auch wenn man versuchte, pro forma die Regeln einzuhalten.
Diese Abteilung verfügte über ein ganzes Heer von
Informanten und Provokateuren innerhalb der Lagerbevölkerung,
mit Hilfe derer sie ihre Aufgaben bewältigte.
Die Häftlinge selber waren in Kompanien unterteilt, wobei
auch hier darauf aufmerksam gemacht werden muss, dass sich
diese im Laufe der Zeit nicht nur von ihrer Größe
her stetig änderten, sondern auch nicht immer als eine
klar umrissenen Einheit zu verstehen sind.
So war es bei dem weitverzweigten Insel- und Lagerpunktenetz
gar nicht möglich, die Kompanien systematisch zusammenzuhalten,
sondern häufig wurden sie auseinandergerissen, umstrukturiert
oder verlegt. Hinzu kam eine spezielle Charakterisierung bestimmter
Kompanien: die 10. Kompanie galt beispielsweise als die administrativ
- technische, die 3. als eine mit Spezialisten für Kanzleiangelegenheiten
und die 11. für schlechte Elemente.
Neben den Kompanieführern, die in der Regel selber Gefangene,
häufig verurteilte Tschekisten waren, gab es auch noch
die Machthaber bestimmter Orte, zu denen die Häftlinge
zwecks Arbeit oder zur Strafe geschickt wurden. Grausamster
Platz auf den Solovki war die Sekirka, ein Hügel mit
einer Kirche, auf dem sich der Karzer befand.
Daneben gewannen die ab der Mitte der 20er Jahre vermehrt
entstehenden Holzeinschlag-Lagerpunkte traurige Berühmtheit
unter den Häftlingen, galt doch diese Arbeit als eine
der schwersten und manche dieser Lagerpunkte im Wald als Orte
ohne Wiederkehr.
Administrativ stand über allem die USLON, darunter gab
es aber auch (oder war in sie inkorporiert) die Registraturabteilung
oder die später von Frenkel geführte Betriebs- und
Handelsabteilung. Ganz unabhängig davon wiederum existierte
eine Sanitätsabteilung, Kantinen und Werkstätten
mit Spezialisten für jede Art von Dienst.
Diese Lagergesellschaft erschuf sogar ein eigenes Verlagswesen,
brachte eine Zeitung heraus, ließ Läden einrichten
und auch Theater und laut Solschenizyn Restaurants.
Bleibt zum Schluss der Kemperpunkt zu erwähnen, der Ort,
an dem den Häftlingen beigebracht wurde, dass die sowjetische
Macht hier aufhöre und die solowezker Macht begänne.
Dieser Ort war für viele Neuankömmlinge schon schicksalsentscheidend.
Bevor die Gefangenen auf die Insel(n) transportiert wurden,
kam es hier zur Selektion und das Kastensystem baute sich
auf: ehemalige Tschekisten wurden aussortiert, benötigte
Spezialisten, Kriminelle oder nach Bedarf auch andere Gruppen.
Maßgebend waren folgende "Kasten": ehemalige
Tschekisten, Kriminelle, und "Konterrevolutionäre"
(der Rest). Natürlich waren auch hier die Übergänge
fließend und manche Häftlingsgruppen kann man nur
schwer zuordnen (z.B. die Geistlichkeit oder bis 1925 auch
Politische), aber als Schema soll das genügen.
4. Darstellung einzelner Rukovoditeli
und ihres Umfeldes:
GPU / OGPU in Moskau
Die GPU, ab 1923 die OGPU, die Vereinigte Staatliche
Politische Verwaltung, hatte ihr Lagernetz bis auf die nördlichen
Lager zur besonderen Verwendung an das NKVD abgegeben und
baute nun im Zuge des Jahres 1923 die Solovki zum Zentrum
dieses Lagernetzes aus, was in der Verlegung der Verwaltung,
der USLON, aus Archangelsk auf die Inseln seinen Abschluss
fand.
In Moskau übernahm die "Spezialabteilung" die
Verantwortung für die Solovki, an deren Spitze Gleb Bokij
stand und als dessen Stellvertreter ein gewisser Ja. P. Feldmann
fungierte.
Über allem stand F.E. Dzerzinskij, als Chef der OGPU
Hauptverantwortlicher für den Ausbau des Terrorapparates.
Gleb Ivanovic Bokij (1879-1941), ein alter Bolschewik - Mitglied
der kommunistischen Partei seit 1900 - leitete die Spezialabteilung
bis 1930. Er hatte das Bergbau Institut in St. Petersburg
absolviert, war in den Jahren 1917/18 Sekretär des Komitees
der bolschewistischen Partei in St. Petersburg und danach
Chef der peterburgischen Tscheka gewesen. Anschließend
wurde er Mitglied des Kollegiums der OGPU / des NKVD. Wie
viele andere in den 30ern verhaftet starb Bokij 1941 in Haft
und wurde später rehabilitiert.
Malsagov schildert Bokij als einen gebildeten, hoch gewachsenen
Mann, der stets in Uniform umherzugehen pflegte und durchaus
Züge von Grausamkeit in seinem Charakter trug.
In Moskau wohnend besuchte er nur von Zeit zu Zeit die Inseln.
So begleitete er auch Maxim Gorkij bei seinem Besuch auf den
Solovki, der bei Solschenizyn und Rozanov ausführlich
beschrieben wird.
Hinzuweisen ist an dieser Stelle noch auf Lasar J. Kogan,
über den aber nur vereinzelt in der Literatur Informationen
zu finden sind, die sich dazu noch zu widersprechen scheinen.
Er wird fast überall in einem Atemzug mit Bokij genannt
und auch als dessen Nachfolger erwähnt. So leitete er
persönlich die Kommission, die das Sevlag 1930 untersuchte,
was bei Rozanov gut nachzulesen ist. Auf der anderen Seite
gibt derselbe einen Bericht wieder, in dem Kogan als Chef
der Kultur- und Arbeitsabteilung auftaucht und seine Vergangenheit
sich wie folgt darstellt: er soll vor der Revolution ein Theoretiker
des Marxismus gewesen sein und nach ihr Chef der Tscheka im
Südkaukasus. War in seinem Amt als Vorsteher der Kulturabteilung
zuständig für die Suche nach den Reliquien von Cosima
und anderen Heiligen, die irgendwo im Klostergebäude
versteckt sein sollten.
Lagervorsteher, Leiter der
USLON
Der
Aufbau des solowezker Lagerkomplexes unterlag der Verantwortung
eines Tschekisten mit Namen A.D. Nogtev. In welcher Position
er den Solovki vorstand ist nicht eindeutig zu klären,
mit aller Wahrscheinlichkeit aber leitete er die Verwaltung,
die USLON.
Sein Regime dauerte bis September 1925, als ihm die Erschießung
von Politischen Gefangenen, geschehen im Dezember 1923, eine
Verurteilung einbrachte und er "strafversetzt" wurde.
Ab Frühjahr 1929 wurde er wieder in sein Amt eingesetzt,
um später durch einen gewissen Senkevic abgelöst
zu werden. In der Esovperiode wurde er erschossen.
Nogtev war als Matrose auf der Aurora, bevor er als erfahrener
Revolutionsteilnehmer sich dem charkover Tschekisten Saenko
anschloss, wo ihm die Ausbildung zuteil wurde, die ihn später
befähigte, das Lager auf den Solovki zu führen.
Bevor er aber 1922 dort eintraf war er wahrscheinlich Chef
der "Nördlichen Lager zur besonderen Verwendung",
bis diese aufgelöst und alle Häftlinge auf die Solovki
deportiert wurden.
Die ehemaligen Häftlinge schildern ihn in ihren Berichten
als einen grausamen und trunksüchtigen Mann, der es sich
nicht nehmen ließ, bei Gruppen von Neuankömmlingen
auf der Insel 1 oder 2 Gefangene persönlich zu erschießen.
Stellvertreter Nogtevs und ab Herbst 1925 auch Nachfolger
war F.I. Eichmanns. Er blieb in diesem Amt bis spätestens
1929, als Nogtev wieder den Platz als erster Natschalnik im
Lager einnahm.
Über Eichmanns ist wenig in der Literatur zu finden.
Häufig wird er nur am Rande als Stellvertreter Nogtevs
angeführt und selten wird auf seine Vergangenheit eingegangen.
Als alter Bolschewik estnischer Herkunft wird er von Malsagov
als ein aufs Militärische versessene Sadist dargestellt,
der von allen verlangte, dass man ihn militärisch grüßt.
Bei Rozanov hingegen entsteht ein anderes Bild und dieser
versteigt sich sogar zu der Aussage, Eichmanns sei der Mildeste
von allen Lagervorstehern gewesen. Ein solches Bild unterstützt
z. B. die Tatsache, dass Eichmanns ab 1925 die Geistlichkeit
die Versorgung der Insassen übernehmen ließ, was
zu einer Besserung der Lebensumstände führte.
Auch der Fall der Erschießung der Politischen durch
Nogtev bestätigt dieses Bild, da Eichmanns es war, mit
dem die Politischen verhandeln wollten. Nogtev als Gesprächspartner
lehnten sie ab.
Auch das von Jasik Ende 1928 - Eichmanns befand sich zu der
Zeit im Urlaub - eingeführte Regime zugunsten der Kriminellen
änderte er sofort wieder nach seiner Ankunft und ließ
Jasik zurückbeordern.
Ob seine Bevorzugung der "Kontras" (Konterrevolutionäre)
der Grund für seine Absetzung war ist schwer zu sagen.
Rozanov erwähnt noch, das Eichmanns (wahrscheinlich)
1934 erschossen wurde.
Als Nachfolger Nogtevs wird bei Rozanov Senkevic erwähnt,
ein Zimmermann und ehemaliger Chef der GPU von Wologod (davor
bei den Grenztruppen) , der, bevor er Nogtev beerbte, als
Vorsteher des Sevlag tätig war.
Bei Solschenizyn und Stettner wird auf Sarin als Nachfolger
Eichmanns verwiesen (von 1929 bis 1930) und Solschenizyn stellt
ihn als einen grausamen Lagerkommandanten dar, der verantwortlich
ist für das Verhungern einer Gruppe von Sektierern. Auch
bei Jacobson wird Sarin als Lagerchef in der Zeit ab 1930
angeführt, der Reformen durchsetzt und für die wirtschaftliche
Ausrichtung des Lagerregimes verantwortlich ist. Doch Rozanov
gibt an, dass Sarin zwar einen hohen Posten innehatte, wahrscheinlich
der Chef der SLON war, aber eben nicht der USLON vorstand.
In seiner Stellung mag er an allen Punkten des Lagers aktiv
gewesen sein und seiner Grausamkeit freien Lauf gelassen haben.
Deswegen ist mit Verweis auf die Quellenlage auch hier Rozanov
zu folgen und festzustellen, das Sarin zu seiner Zeit als
Lagerkommandant Nogtev unterstand.
Abgelöst wurde er im Frühjahr 1930 von D.V Uspenskij,
der vorher die administrative Abteilung und danach die Kultur-
und Erziehungsstelle leitete und bis zum Frühjahr 1932
im Amt blieb.
"Kemperpunkt"
/ Popov - Insel
Die Popov-Insel, nur einige Kilometer vom Festland in der
Nähe des kleinen Städtchens Kem' gelegen bietet
sich sehr gut an, um weitere Täterprofile zu erstellen.
Denn, wie oben schon erwähnt, war der Kemperpunkt der
Ort, auf dem die Häftlinge ankamen (aus allen Teilen
Russlands) um von dort aus auf die Solovki geschickt zu werden.
Ebenso mussten auch die Gefangenen, die von den Inseln wegtransportiert
wurden, um beispielsweise in einer der Holzeinschlag - Abteilungen
auf dem Festland ihr weiteres Dasein zu fristen, dieses Lager
durchlaufen. Es diente also hauptsächlich der Umsiedlung
und der Selektion. Malsagov verbrachte einige Zeit in diesem
Lager, bekam selbst die Solovki nie zu Gesicht und nutzte
auch die Landverbindung Kem's zur Flucht. Das ist der Grund,
warum er in seinen Darstellungen den Tschekisten dort besondere
Aufmerksamkeit widmet.
Erster Lagervorsteher auf dem Kemperpunkt war Gladkov. Vor-
und Vatersname tauchen in der Literatur nicht auf. Erwähnt
wird noch, dass er aus Kaluga stammte und vor der Revolution
auch dort im Gefängnis gesessen hatte. - Wegen Diebstahls!
Bei den Oktoberereignissen befreit brachte er es bis zum Parteimitglied
und wurde mit der Leitung des Kemperpunktes beauftragt. Diesen
Posten hielt er von Anfang 1923 bis Ende 1924.
Die Zustände unter dem Regime Gladkovs und seiner Frau
- sie wurde ob ihrer Fürsorge für die Kriminellen
von diesen nur noch als "Mutter" bezeichnet - müssen
chaotisch gewesen sein. Gladkov setzte seinen gewohnten Lebensstil
fort, frönte seiner Vorliebe zum Alkohol und dem Einverleiben
staatlicher Gelder und prägte die ersten Jahre auf dem
Kemperpunkt durch die unbegrenzte Protektion der Kriminellen.
Sie wurden von fast allen Arbeiten befreit, die man dafür
den Kontras oder den Politischen auferlegte. So entstand eine
Atmosphäre, in der sich die Kriminellen zu Herren aufschwingen
konnten, während die anderen Häftlinge immer schutzloser
unter der Lagerdiktatur dahinvegetierten.
Das Abzweigen staatlicher Gelder blieb in Moskau nicht unentdeckt
und eine Kommission enthob Gladkov seines Amtes, bestrafte
ihn, amnestierte ihn daraufhin und schickte ihn zurück
in seine Heimat Kaluga.
Nachfolger wurde Ivan Ivanovic Kirillovskij, ehemaliger Unteroffizier
des Garderegiments in St. Petersburg, der sich durch seine
grenzenlose Trunksucht auszeichnete, was ihm relativ schnell
die Versetzung auf die Sekirka eintrug - als Kommandant! Ein
Jahr später, während der ersten großen Typhusepidemie,
im Winter 1926/27, nennt ihn Rozanov als Vorsteher der Savvatij
Einsiedelei.
Ab 1926 leitete den Kemperpunkt ein gewisser Fedjakov, ein
ungebildeter Bauer aus der Irkutsker GPU, dessen Dummheit
wohl Berühmtheit erlangte aber unter dem das Lagerregime
auch weicher wurde als das bisher unter Gladkov und Kirillovskij
der Fall gewesen war. Bis wann Fedjakov seinen Dienst ausübte
ist nicht zu ermitteln. Ab 1930 war er als Tschekist in den
Nördlichen Lagern in Archangelsk beschäftigt.
Von Frühjahr 1930 an war erster Natschalnik auf dem Kemperpunkt
Wachtmeister Potemkin, vormals "bei den Dragonern, dann
Kommunist, Tschekist und nunmehr Chef des Kemperpunktes",
der sich laut Solschenizyn ein Restaurant einrichten ließ,
in dem ein Orchester aufspielte und die Rechnungen das Lager
bezahlte.
Mit Potemkin endet auch die Reihe der Lagervorsteher, da in
den frühen Dreißigern der Kemperpunkt geschlossen
wurde und man die Funktionen an ein anderes Lager übertrug.
Trotzdem muss noch auf eine Person eingegangen werden, die
besonders bei Solschenizyn erwähnt wird. Es handelt sich
um Kurilko, bei Solschenizyn ein Rittmeister, der die Neuankömmlinge
im Kemperpunkt begrüßte und sie sofort einer Tortur
unterzog, um ihren Willen zu brechen.
Kurilko war von 1928 bis 1930 auf dem Kemperpunkt und verschaffte
sich durch sein sadistisches Verhalten einen Ruf, der ihm
noch lange nachklang.
Im Zuge der Gewaltexzesse 1929/30 und der darauf folgenden
Untersuchungen seitens der OGPU aus Moskau geriet auch Kurilko
ins Visier der ermittelnden Tschekisten und stand am Ende
an erster Stelle auf der Liste der zu verurteilenden Rukovoditeli,
die von Gleb Bokij unterzeichnet wurde.
Frenkel
Die
wahrscheinlich bedeutendste Person, die auf die Solovki verschickt
wurde und von dort einen unglaublichen Aufstieg innerhalb
der Hierarchie der sowjetischen Organe erlebte, war Naftalij
Aronovic Frenkel.
Über ihn ist am meisten in den Erzählungen ehemaliger
Häftlinge der Solovki zu finden. Auch Historiker widmen
sich ihm. Schließlich ist er einer der Hauptverantwortlichen
für die Entwicklung der Lagerstrukturen der 20er Jahre
hin zum großen Wirtschaftsfaktor Gulag.
Trotzdem ist im Endeffekt wenig Genaues über ihn zu erfahren,
da jeder der Zeitzeugen sein Bild und seine Version von Frenkel
und dessen Aufstieg übermittelt.
Mit äußerster Vorsicht kann vermutet werden, dass
Frenkel wahrscheinlich Jude war und vor seiner Verhaftung
und vielleicht auch vor der Oktoberrevolution im kaufmännischen
Bereich tätig. Er wurde zur Erschießung verurteilt,
doch die Strafe durch 10 Jahre Haft auf den Solovki ersetzt.
Dort traf er spätestens 1925 (wahrscheinlicher 1924)
ein und brachte es innerhalb kürzester Zeit zum Chef
der Betriebs- und Handelsabteilung. In dieser Funktion erdachte
er auch seinen Plan von der "wirtschaftlicheren"
Ausbeutung der Häftlinge, getreu dem Muster, dass "aus
dem Häftling [...] wir alles in den ersten drei Monaten
herausholen [müssen] - danach brauchen wir ihn nicht
mehr." Hinzu kam die Idee der Koppelung der Arbeitsleistung
eines Häftlings an die Essensration.
Ob es jemals zu einem Gespräch zwischen Frenkel und Stalin
kam ist fraglich. Eher wahrscheinlich ist, dass Frenkel mit
den Oberen der OGPU zusammenkam, ihnen seine Pläne unterbreitete
und man ihm danach freie Hand gewährte.
Ende der 20er/Anfang der 30er wurde er als oberster Arbeitsaufseher
in das Belbaltlag, zur Aufsicht über den Ostsee - Weißmeer
- Kanal bestellt, von wo aus seine Karriere ihren weiteren
Aufstieg nahm. Danach ging es für ihn an die BAM bis
er später verantwortlich zeichnete für die Leitung
der Hauptverwaltung der Lager für den Bau von Eisenbahnstrecken
(GULShDS).
"Kondostrov"
Diese
Insel, im Onezskaja Meerbusen gelegen, beherbergte die fünfte
Abteilung der Solovki, ein Speziallager für "Stukaci",
Spitzel der Informations- und Untersuchungsabteilung, die
gewaltsam hierhin verschleppt wurden oder sogar um ihre Verlegung
baten.
Über die Täter auf diesem Eiland ist wenig bekannt,
aber es lässt sich zumindest eine Chronologie aufstellen
und hin und wieder was über die Art und Weise der Führung
dieses Lagerpunktes durch seine Rukovoditeli aussagen.
Mit dem Jahr 1924 beginnend standen der Insel die verurteilten
oder strafversetzten Tschekisten Klimov und Provotorov vor.
Ein Jahr später wurde der Letztere durch einen gewissen
Sasin ersetzt, ein ehemaliger Chef eines Gefängnisses
aus irgendeinem Gouvernement. Im Jahr 1925 war er dort "Zar
und Gott über 150 Spitzel". Nichtsdestotrotz wurde
auch Sasin wieder abberufen und seinen Platz nahm ein Tschekist
namens Rajva ein. Er "herrschte" auf der Insel zur
Zeit der ersten Typhusepidemie und wohl aus diesem Grunde
sind die Schilderungen über sein Regime mit Berichten
über Massensterben versehen.
So sollen von 560 Gefangenen auf dieser Insel nach einem Bericht
350 im Winter 1926/27 gestorben sein. Rajva wird in den Berichten,
die Rozanov anführt als ein "zweites Tier"
beschrieben und als ein krankhaft auf die Jagd nach Liebenden
versessener Rukovoditel'.
Nach Rajva wandelte sich der Charakter des Lagerpunktes und
an Stelle von Stukaci wurde auf die Insel deportiert, wer
zum Arbeiten nicht mehr fähig war. Damit entwickelte
sich die Insel zum Totenhaus des ganzen Lagerkomplexes, lagen
hier doch Kranke neben Erschöpften, Asoziale neben solchen,
die die Lagerleitung zum Sterben bestimmt hatte. Herr dieser
Friedhofsinsel war Alexander Michajlovic Novikov, ein ehemaliger
Soldat, der zuvor ein Aufsichtskommando befehligt hatte (1924
/ 1925). Einen Ruf als grausames Tier hatte er sich schon
in den frühen Zwanzigern erworben, als er im Lager Cholmogorskij
Massenerschießungen vornahm und später auf den
Solovki reihenweise Frauen vergewaltigte.
Er wurde 1929 abgelöst durch den Tschekisten Sosnikov,
über den aber keine weiteren Informationen zu finden
sind.
Holzeinschlag
Diese
Lagerpunkte entstanden nach und nach und ihr Ausbau wurde
erst mit Frenkel und dem steigenden Wert von Holzexporten
vorangetrieben. In der Frühzeit der Solowezker Lager
galten sie wohl eher der Vernichtung durch Arbeit als der
gezielt wirtschaftlichen Nutzung der Arbeitskraft der Gefangenen.
In den späten Jahren (ab Winter 1926 / 27) wuchsen sie
zu riesigen Lagerpunkten an und umfassten häufig mehr
Häftlinge als auf den Inseln gefangen gehalten wurden.
Natürlich beschränkten sich diese Holzeinschlag-Lagerzweigstellen
nicht nur auf die Inseln im Weißen Meer, sondern breiteten
sich mit der Zeit auch über ganz Karelien aus. Die Verhältnisse
besserten sich nach den Untersuchungen der Kommission, denen
auch Kurilko zum Opfer fiel.
Wie in vielen anderen Lagerpunkten standen auch diesen Abteilungen
häufig ehemalige Tschekisten vor, so z.B. in Ovcjanka,
einer kleinen Holzeinschlag-Abteilung, 18 - 20 Kilometer nördlich
des Kremls auf der Hauptinsel gelegen ein gewisser Van'ka
Potanov, der seine Häftlinge verkommen ließ und
sie ständigen Grausamkeiten aussetzte, ohne dafür
in irgendeiner Weise belangt zu werden. Das brachte ihm bei
den Chronisten der Solovki die Bezeichnung "Henker im
Wald" ein. Abgelöste wurde er durch Gusenko, der
sich ebenfalls durch seine Grausamkeit auszeichnete und von
dem berichtet wird, dass von 100 zu ihm deportierten Häftlingen
nur 8 überlebten.
Was diese beiden Henker betrifft, lässt sich über
ihren weiteren Werdegang nichts aussagen. Sie verschwinden
mit den Ereignissen des Jahres 1930, aber ob sie bestraft
wurden oder nur versetzt bleibt vorerst im Dunkeln.
Zwar war die Ovcjanka berüchtigt, wahrscheinlich auch
bedingt durch ihre Nähe zum Zentrum der Solovki, dem
Kreml, aber man kann davon ausgehen, dass es in vielen anderen
Holzfäller-Punkten nicht viel besser - hinsichtlich des
Regimes - gewesen ist.
Einzelne Namen von weiteren Henkern tauchen in der Literatur
auf: Voronov, Smirnov oder z.B. Voronin. Häufig werden
auch ihre Grausamkeiten geschildert aber es wird leider selten,
wahrscheinlich aufgrund mangelnden Wissens, auf die Hintergründe,
auf den Lebensweg dieser Personen eingegangen.
Einer jedoch verdient etwas stärkere Beachtung. Es handelt
sich dabei um I. F. Seleckij, der die Leitung des Stabes aller
Holzfäller-Punkte inne hatte. (Von 1927 an bis 1929).
Er war vor der Revolution entweder Offizier oder Direktor
eines Gefängnisses gewesen und bekam angeblich seinen
Posten mit der Erlaubnis, Arbeitsverweigerer auf der Stelle,
ohne Gerichtsverfahren, hinzurichten.
Später wurde er von seinem Amt befreit und als Stellvertreter
in die Wirtschafts- und Produktionsabteilung versetzt. Die
Ereignisse von 1930 holten aber auch ihn wieder ein und es
ist zu vermuten, dass Seleckij im Zuge dieser lagerinternen
Säuberung erschossen wurde.
Weitere Täter
An
dieser Stelle soll noch auf ein paar andere Täter verwiesen
werden, die in der Literatur Erwähnung finden und deren
Regime Aufschluss geben kann über die Lagerwirklichkeit
auf den Solovki in den Zwanzigern.
Bei Dallin / Nikolaevskij findet sich ein gewisser Bachulis,
der dermaßen bestialisch mit den Häftlingen umging,
dass bezweifelt wird, ob er überhaupt bei Verstand war.
Bachulis war bis 1923 Kommandant von Pertominsk, einem der
Lager, die sich Anfang der Zwanziger auf dem Festland befanden
und mit der Verlegung der USLON auf die Solovki aufgelöst
wurden.
Über diese Lager ist noch weniger in Erfahrung zu bringen
als über die Solovki, was einerseits mit der kurzen Lebensdauer
dieser KZs zusammenhängt, andererseits aber auch auf
die ungeheure Sterblichkeitsrate zurückgeführt werden
kann. Es haben vermutlich zu wenig Menschen überlebt,
die von den Lagerregimen dort hätten Zeugnis ablegen
können.
Bachulis wird als ein Sadist geschildert, der wahllos auf
Menschen mit seiner Pistole feuerte und wieder eingefangene
Ausbrecher lebendig begraben ließ.
An anderer Stelle erscheint er im Jahre 1920 als Kommandant
des Lagers Cholmogory, südlich von Archangelsk gelegen,
bevor er in ein Lager mit dem Namen Portalinsk versetzt wurde.
Nachfolger Bachulins in Pertominsk und wahrscheinlich auch
vorher schon in Cholmogory wurde ein Tschekist namens Michelson,
der auf den Solovki berühmt war wegen seiner Teilnahme
an der Abschlachtung der Armee Wrangels auf der Krim unter
dem Befehl Bela Kuns. Wahrscheinlich war er Mitglied des Revolutionskomitees,
bevor dieses aufgelöst, Bela Kun für geisteskrank
erklärt und Michelson selber als Kommandant nach Cholmogory
geschickt wurde.
Danach kam er als "Ältester" in den Kreml auf
die Solovki, bevor er dieselbe Funktion auf dem Kemperpunkt
ausfüllte. Den Wechsel der Natschalstwo eben dort (1924/25)
überstand er wohl ohne weiteren Schaden, bis er 1925
von Dzerzinski als OGPU-Chef in die Republik Kirgistan geschickt
wurde.
Ein weiterer bekannter Name ist Vaskov. Der war Gehilfe Nogtevs
bei dessen grausamen Spielen zur Begrüßung der
Neuankömmlinge und ansonsten Chef der administrativen
Abteilung. Er sorgte bei Bedarf für nötige Beweise,
um einem Häftling die Frist zu verlängern oder ihn
der Erschießung zuzuführen. Bis 1927 übte
er diese Arbeit aus. Danach wurde er zur Unterstützung
Boksas in das Sevlag geschickt, wo er der Kommission von 1930,
die zur Aufklärung unerklärbarer Verluste unter
den Häftlingen dorthin gesandt wurde, zum Opfer fiel
und man ihn schließlich 1932 nach Magadan versetzte,
wo ein Gefängnis seinen Namen erhielt. Unklar ist, ob
er 1937 erschossen wurde oder seiner Überfettung, die
ihm ein Herzleiden eingebracht hatte, erlag.
Das
soll an Täterprofilen genügen. Es gibt zwar noch
unzählige Erwähnungen einzelner Täter in den
Berichten der Chronisten dieser Jahre, doch lässt sich
das Geschriebene nicht überprüfen.
Bei den oben aufgezählten ist wenigstens noch ein Vergleich
möglich. Es fehlt aber auch bei ihnen häufig der
Werdegang, also die Zeit vor ihrer Amtsausübung auf den
Solovki.
Was sich ansonsten durch die kurzen Anmerkungen über
einzelne Täter für ein allgemeines Bild ergibt ist
schnell gezeigt: stärkste Charaktereigenschaft der lokalen
Machthaber war die Trunksucht, der sich die meisten hingaben
(Vaskov ganz besonders). Dazu kam Sadismus, ungehemmte Bestechlichkeit
und ein Hang zu Betrügerei.
5. Auswertung
An
dieser Stelle soll zuerst eine Auswertung der benutzten Literatur
erfolgen.
Zu kritisieren ist vor allem Stettner, der trotz seiner drei
Kapitel über die SLON Rozanov nicht hinzuzieht und sogar
Malsagov ignoriert. Da er sich hauptsächlich auf Solschenizyn
beruft, entsteht ein völlig falsches Bild von den Solovki,
da Solschenizyn wahrscheinlich nicht über die Anfänge
(1923 - 1925) informiert war. Das lässt sich aus dem
Bericht Solschenizyns über Kurilko schließen.
Um so erstaunlicher ist, wie kritiklos Stettner Solschenizyn
anführt, um seine drei Kapitel über die SLON zu
füllen. Auch später verfährt er in dieser Weise,
um Frenkels Werdegang genauer zu schildern. Dadurch kommt
es zu Ungenauigkeiten, die auch nicht dadurch geglättet
werden können, dass Stettner andere Quellen zitiert,
die sich ebenfalls auf Solschenizyn berufen. Allein das Hinzuziehen
von Malsagov hätte Schlimmeres verhindern können.
Stettner wird seinem eigenen Anspruch, "Ordnet man Solschenizyns
Angaben systematisch wie thematisch und negiert seine literarischen
Einsprengsel, so liefert er eine große Fülle neuer
oder ergänzender Informationen." nicht gerecht.
Solschenizyn selber ist hier kein Vorwurf zu machen, da er
schließlich nicht den Anspruch stellt, wissenschaftlich
vorzugehen. Zu bemängeln ist allenfalls, dass auch er
reißerischen Momenten den Vorrang gibt, wo aufgrund
der Wahrheitsfindung mehr Vorsicht geboten wäre.
Jacobson, ähnlich wie Stettner, zieht weder Malsagov
noch Rozanov hinzu und kommt deshalb zu ungenauen Daten, die
aber nicht zu solchen Verzerrungen führen wie bei Stettner.
Dafür lässt Jacobson die von ihm benutzten Quellen
unkommentiert, was einerseits die Zuordnung erschwert, des
weiteren aber auch den Eindruck entstehen lässt, es handele
sich bei den angegebenen Daten um eindeutige Fakten.
Rozanov wiederum kann als Basis jeglicher Solovkiforschung
bezeichnet werden, an der keiner vorbei darf, der sich mit
dem Thema intensiver beschäftigen will. Zwar gibt auch
er an, nicht wissenschaftlich vorzugehen, sondern eher wie
Solschenizyn "künstlerisch" das Thema zu bearbeiten,
aber die Vorgehensweise ist doch eine andere. Allein die ständigen
Zitate, über Seiten hinweg, lassen erkennen, dass hier
weitaus genauer - wenn auch nicht wissenschaftlich systematisch
- verglichen wird als nur literarisch aufgearbeitet. Zu bemängeln
ist, dass das Buch in einer so geringen Auflage erschienen
ist, weil der Autor gezwungen war, es selbst herauszugeben.
Zusammenfassend
kann man festhalten, dass viele Historiker nicht behutsam
genug verfahren sind, was aber notwendig gewesen wäre,
um eine so schwer zu erfassende Materie wie die Solovki in
den Zwanzigern zu bearbeiten.
Was die
eingangs gestellte These von der Vernichtung durch Chaos betrifft,
so sind in den Rukovoditeliprofilen meines Erachtens genügend
Belege zu finden, die diese These untermauern. Das Bild, das
entsteht, wenn man sich die ganzen Holzeinschlag-Abteilungen,
Nogtev, Gladkov und z.B. Michelson vor Augen führt, vereint
mit dem Wissen darüber, dass die Zentrale der OGPU nur
bedingt Zugang zu dem hatte, was auf den Solovki vor sich
ging und auch ansonsten der Inselcharakter es lokalen Machthabern
ermöglichte, ihre eigenen kleinen Reiche aufzubauen,
legt die Vermutung nahe, dass es sich bei den ersten Jahren
der Konzentrationslager der Tscheka/GPU/OGPU um die Institutionalisierung
des Roten Terrors aus der Bürgerkriegszeit handelte und
nicht um den Vorläufer des GULAGs. Dem entspricht auch,
dass die Karriere vieler Täter im Bürgerkrieg ihre
Wurzeln hatte.
Zum Grundstein des GULAGs wurden die Solovki erst, nachdem
Eichmanns das Regime übernahm und auch auf dem Kemperpunkt
mit Fedjakov etwas mildere Bedingungen Einzug erhielten. Ab
ungefähr 1925 gewann das Lagerleben an Ordnung, dass
nur durch das überproportionale Ansteigen von Häftlingszahlen
gestört wurde, was gegen Ende der Zwanziger noch mal
ein Aufkommen von Anarchie verursachte.
Auch unterstreicht diese "Vernichtung durch Chaos"
- Theorie das kafkaeske Bild, das sich einstellt, wenn man
den Erzählungen der ehemaligen Gefangenen folgt. So war
das Lagerleben bestimmt durch unvorstellbare Willkür
und Bestialitäten, neben denen sich Luxus und Vergnügen
breit machten. Noch zu Eichmanns Zeiten war es bisweilen erlaubt,
Gottesdienste zu feiern, wo ein paar Kilometer entfernt eine
Kirche als Karzer diente. Diese überall auftretende Widersprüchlichkeit
und die Tatsache, dass immer wieder Kommissionen auf die Insel
kamen, um sporadisch Ordnung einzuführen unterstützen
die These.
6. Schluss
Ich
möchte zu guter Letzt noch einmal darauf hinweisen, wie
wichtig es ist, gerade die Anfänge der Solovki zu untersuchen
und ein genaueres Bild als Antwort auf die Frage zu ermitteln,
was das denn für ein Lager war, dass auf der Insel so
traurige Berühmtheit erlangte.
Denn üblicherweise wird in der Literatur der Begriff
Konzentrationslager verwendet und automatisch stellen sich
besonders bei dem deutschen Leser aber auch bei den meisten
Lesern aus dem Ausland Bilder von Buchenwald und im Extremfall
sogar Auschwitz ein.
Diese
Vorstellungen haben aber mit der Lagerwirklichkeit auf den
Solovki, wie oben gezeigt, nichts gemein. Auf den Solovki
erschuf sich ein genuin eigener Typus von Lager. Auch der
diente der Vernichtung von Menschen. Aber anders als in Buchenwald
waren auf den Solovki der frühen Zwanziger Jahre Chaos
und Misswirtschaft die grundlegenden Instrumente dieser Vernichtung.
Es bleibt zu untersuchen, inwieweit diese Instrumente in der
weiteren Geschichte des GULAGs Bestand hatten.
Literatur:
- Solschenizyn,
Alexander: Der Archipel Gulag. Folgeband - Arbeit und Ausrottung,
Seele und Stacheldraht, Hamburg 1978
- Stettner,
Ralf: "Archipel Gulag": Stalins Zwangslager. Terrorinstrument
und Wirtschaftsgigant, Paderborn 1996
- Rozanov,
M. S. : Soloveckij konclager' v monastyre 1929-1939 gody,
Kn. 1-3, SSA, FRG 1979-1987 (hier nur das 1. Buch zur Auswertung
herangezogen)
- Jakobson,
Michael: Origins of the Gulag: the Soviet prison-camp system,
1917-1934, Kentucky 1993
- Malsagov,
C.: Adckije ostrova: sovietskije tjurma na dal'nem severe,
Alma Ata 1990
- Dallin
D./Nicolaevsky B.: Arbeiter oder Ausgebeutete. Das System
der Arbeitslager in Sowjetrussland, München 1948
- Rossi,
J.: Spravocnik po Gulagu, London 1987
- Dahlmann,
D. / Hirschfeld, G.: Lager Zwangsarbeit, Vertreibung, Deportation,
Essen 1999.
|