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System oder Willkür?

Die "Rukovoditeli" von Solovki

Alexander Wolters


Inhaltsverzeichnis:

I.   Einleitung
II.   Erklärung zur Literatur
III.   Überblick über den Lageraufbau und die Machtstrukturen
IV.   Darstellungen einzelner Rukovoditeli und ihres Umfeldes:
  1. GPU / OGPU in Moskau
  2. Lagervorsteher, Leiter der USLON
  3. "Kemperpunkt"/ Popov - Insel
  4. Frenkel
  5. "Kondostrov"
  6. Holzeinschlag
  7. Weitere Rukovoditeli
V.   Auswertung
VI.   Schluss



1. Einleitung

Neuankömmlinge auf den Solovki wurden von den Lagervorstehern oder deren Vertretern in der Regel mit den Worten "Dies ist keine Sowjetische, sondern eine Solowezkische Republik" begrüßt. Damit sollte den Häftlingen gleich zu verstehen gegeben werden, dass in diesem Lager andere Gesetze herrschten oder - gar keine? Wie sah sie aus, die Lagerwelt, in der sich die Neuankömmlinge wiederfanden und einzurichten hatten? Stießen sie auf ausufernde Rechtlosigkeit und fristeten ein Leben in Hoffnungslosigkeit, wie es beispielsweise die Vorstellung von der Lagerwelt der deutschen Konzentrationslager suggerieren mag? Oder war die Lagerrealität eine andere? Wohl entscheidend für die Behandlung dieses Fragekomplexes ist die Beantwortung der Frage nach dem Leid: wie und wo kam es zum Vorschein, wo wurde es "produziert"?

Über diese Frage möchte die vorliegende Hausarbeit Aufschluss geben.

Ich möchte untersuchen, ob nicht eher Missmanagement und Desorganisation zumindest in den ersten Jahren der SLON und nicht zielgerichtetes "Täterverhalten" für das Leid und Sterben auf den Inseln verantwortlich war und die Lebenswirklichkeit der Häftlinge bestimmte.

Mein Fokus richtet sich dementsprechend auf die Rukovoditeli und ihr Umfeld. Es soll ein systematischer Überblick gegeben werden über die wichtigsten Machtpersonen, die das Leben auf den Solovki entscheidend mitbestimmten.

Der Zeitraum, der bei der Untersuchung abgedeckt wird, erstreckt sich von den frühen Zwanzigern, also der Entstehung des Konzentrationslagers auf den Solovki bis in die frühen Dreißiger, als sich die SLON zu einem "normalen" Knotenpunkt im riesigen Lagernetz des GULAGs entwickelten.

Das Problem mit der Beschäftigung des Themas "Die Rukovoditeli von Solovki" ergibt sich schon aus der Überschrift selbst. Denn "Rukovoditeli" ist ein Begriff, der eigentlich wörtlich übersetzt nichts anderes als Leiter/Führer bedeutet und hinsichtlich der Frage nach den "Tätern" des GULAGs von Petrov/Skorkin, Kto rukovodil NKVD 1934-1941 , benutzt wird.

Nun ist bei der Behandlung der Personen, die den Solovki vorstanden, der Begriff mit Vorsicht zu benutzen, denn weder sind die Vorsteher des Lagers mit solchen Rukovoditeli wie Ezov oder Berija vergleichbar, noch waren sie immer ideologisch geschulte Kommunisten, was der Begriff in diesem Kontext aber vielleicht suggeriert.

Es gilt, den Begriff "Rukovoditeli" in Bezug auf die unteren Lagerstrukturen erst noch mit Inhalt zu füllen.

Deswegen wird die Bezeichnung in der Arbeit überwiegend verwendet. Ein anderer adäquater Terminus liegt m.E. nicht vor und eine neutrale Auffassung von Rukovoditeli bietet einen größtmöglichen Interpretationsrahmen auch für das vorliegende Material.

Zum besseren Verständnis wird dem systematischen Teil ein Überblick über die Literatur und eine Darstellung der Lagerstruktur vorangestellt. Es folgt der Hauptteil mit den einzelnen Rukovoditeliprofilen an den sich die Auswertung der gewonnenen Ergebnisse anschließt.


2. Erläuterungen zur Literatur

Das Bild von dem Konzentrationslagern auf den Solovki ist in seiner Breite wahrscheinlich bestimmt durch die Erzählungen von Solschenizyn zu diesem Thema und wurde wissenschaftlich zuletzt von Ralf Stettner behandelt.

Außerdem hat das Buch von Dallin / Nikola'evskij "Zwangsarbeit in der Sowjetunion", in dem den Solovki ein ganzes Kapitel gewidmet wird, mit zur Verbreiterung von Kenntnissen über dieses Thema beigetragen. Im Folgenden soll anhand des Buches von Rozanov "Soloveckij konzlager' v monastyre" und anderen Quellen die in der Einleitung genannten Aufgaben erfüllt werden und eine Überprüfung der durch Solschenizyn und Stettner dargebotenen Bilder stattfinden. Interessant macht diese Aufgabe, dass Stettner Rozanov mit seinem umfangreichen Material und seinen vergleichenden Interpretationsansätzen nicht herangezogen hat und Solschenizyn mit seiner Art der "künstlerischen Bewältigung" den Weg der Vergangenheitsaufarbeitung vorgegeben hat, den auch Rozanov später betritt.

Rozanovs Werk zeichnet sich durch seinen kompilatorischen Charakter aus. 1979 erschienen zieht Rozanov in ihm alle Erfahrungsberichte heran, die wesentlich für das Verständnis der Lagerwirklichkeit auf den Solovki sind. Er setzt sich gründlich mit den einzelnen Autoren auseinander, zeigt ihre Schwächen und lässt sie, anders als Solschenizyn, regelmäßig und ausführlich zu Wort kommen. Doch wie er selbst mehrmals zu verstehen gibt, sieht er sich nicht als Historiker, was in der fehlenden Systematisierung zum Vorschein kommt.


3. Überblick über den Lageraufbau und die Machtstrukturen

Die Solovki, besser die SLON, die "Solowezker Lager zur besonderen Verwendung" und auch die USLON, die "Verwaltung der Solowezker Lager zur besonderen Verwendung" unterstanden in erster Linie der GPU, später OGPU in Moskau. Die Zuständigkeit über diese Lager übernahm innerhalb der GPU / OGPU die "Spezialabteilung" mit Gleb Bokij an der Spitze.

Die Verwaltung, USLON, die bis 1923 in Archangelsk gesessen hatte, siedelte in den Kreml auf die Solovki um. Neben ihr gab es aber noch das Amt des Chefs des Lagerkomplexes, der SLON, der vor Ort die eigentliche Machtbefugnis besaß.

Neben diesen groben Strukturen bildeten die Solowezker Lager zur besonderen Verwendung eine Welt für sich: wenn auch von vielen als Mikrokosmos der sowjetischen Wirklichkeit beschrieben, herrschten doch Bedingungen vor, die zu einer radikalen Überspitzung mit makaberen Auswüchsen führten. Ein Kastensystem richtete sich ein, Gefangene herrschten über Gefangene, Brutalität und Bestialität lebten neben Luxus und Bereicherung, unglaubliche Karrieren fanden hier ihren Anfang wo vielen anderen der Untergang beschert war.

Hinzu kommt noch die zeitliche Verortung von Macht. Denn manchen Personen, die Machtpositionen einnahmen, war dies nur eine gewisse Zeit gegönnt. Gerade weil aber häufig das Leben der Häftlinge von den Tätern abhing, ließe sich in der relativ kurzen Geschichte der Solovki eine Periodisierung vornehmen, die natürlich durch externe Ereignisse mitbestimmt würde.

Hier sollen aber mehr oder weniger durchgängige Machtstrukturen aufgezeigt werden. Das Lagernetz der Solovki war in 6 übergeordnete Abteilungen gegliedert: jeweils eine für die Kondostrov, die Anzer Insel und die Muksalma Inseln und drei für die Solwezker Inseln ( Kreml, Savvatij Einsiedelei und den Sekirka Berg) . An erster Stelle der Hierarchie stand die ISTsch , die Informations- und Untersuchungsabteilung. Sie repräsentierte die GPU in den Lagern und in ihr waren die echten Tschekisten zu finden. Nur sie konnte entweder auf den Wink aus Moskau hin Untersuchungen starten oder auch selbst aktiv werden und einem Häftling die Freiheit schenken oder in zur Erschießung verurteilen. Das dabei auf keinerlei Bindung an herrschende Gesetze Wert gelegt wurde ist offensichtlich, auch wenn man versuchte, pro forma die Regeln einzuhalten. Diese Abteilung verfügte über ein ganzes Heer von Informanten und Provokateuren innerhalb der Lagerbevölkerung, mit Hilfe derer sie ihre Aufgaben bewältigte.

Die Häftlinge selber waren in Kompanien unterteilt, wobei auch hier darauf aufmerksam gemacht werden muss, dass sich diese im Laufe der Zeit nicht nur von ihrer Größe her stetig änderten, sondern auch nicht immer als eine klar umrissenen Einheit zu verstehen sind.

So war es bei dem weitverzweigten Insel- und Lagerpunktenetz gar nicht möglich, die Kompanien systematisch zusammenzuhalten, sondern häufig wurden sie auseinandergerissen, umstrukturiert oder verlegt. Hinzu kam eine spezielle Charakterisierung bestimmter Kompanien: die 10. Kompanie galt beispielsweise als die administrativ - technische, die 3. als eine mit Spezialisten für Kanzleiangelegenheiten und die 11. für schlechte Elemente.

Neben den Kompanieführern, die in der Regel selber Gefangene, häufig verurteilte Tschekisten waren, gab es auch noch die Machthaber bestimmter Orte, zu denen die Häftlinge zwecks Arbeit oder zur Strafe geschickt wurden. Grausamster Platz auf den Solovki war die Sekirka, ein Hügel mit einer Kirche, auf dem sich der Karzer befand.

Daneben gewannen die ab der Mitte der 20er Jahre vermehrt entstehenden Holzeinschlag-Lagerpunkte traurige Berühmtheit unter den Häftlingen, galt doch diese Arbeit als eine der schwersten und manche dieser Lagerpunkte im Wald als Orte ohne Wiederkehr.

Administrativ stand über allem die USLON, darunter gab es aber auch (oder war in sie inkorporiert) die Registraturabteilung oder die später von Frenkel geführte Betriebs- und Handelsabteilung. Ganz unabhängig davon wiederum existierte eine Sanitätsabteilung, Kantinen und Werkstätten mit Spezialisten für jede Art von Dienst.

Diese Lagergesellschaft erschuf sogar ein eigenes Verlagswesen, brachte eine Zeitung heraus, ließ Läden einrichten und auch Theater und laut Solschenizyn Restaurants.

Bleibt zum Schluss der Kemperpunkt zu erwähnen, der Ort, an dem den Häftlingen beigebracht wurde, dass die sowjetische Macht hier aufhöre und die solowezker Macht begänne. Dieser Ort war für viele Neuankömmlinge schon schicksalsentscheidend. Bevor die Gefangenen auf die Insel(n) transportiert wurden, kam es hier zur Selektion und das Kastensystem baute sich auf: ehemalige Tschekisten wurden aussortiert, benötigte Spezialisten, Kriminelle oder nach Bedarf auch andere Gruppen. Maßgebend waren folgende "Kasten": ehemalige Tschekisten, Kriminelle, und "Konterrevolutionäre" (der Rest). Natürlich waren auch hier die Übergänge fließend und manche Häftlingsgruppen kann man nur schwer zuordnen (z.B. die Geistlichkeit oder bis 1925 auch Politische), aber als Schema soll das genügen.


4. Darstellung einzelner Rukovoditeli und ihres Umfeldes:

GPU / OGPU in Moskau

Die GPU, ab 1923 die OGPU, die Vereinigte Staatliche Politische Verwaltung, hatte ihr Lagernetz bis auf die nördlichen Lager zur besonderen Verwendung an das NKVD abgegeben und baute nun im Zuge des Jahres 1923 die Solovki zum Zentrum dieses Lagernetzes aus, was in der Verlegung der Verwaltung, der USLON, aus Archangelsk auf die Inseln seinen Abschluss fand.

In Moskau übernahm die "Spezialabteilung" die Verantwortung für die Solovki, an deren Spitze Gleb Bokij stand und als dessen Stellvertreter ein gewisser Ja. P. Feldmann fungierte.

Über allem stand F.E. Dzerzinskij, als Chef der OGPU Hauptverantwortlicher für den Ausbau des Terrorapparates.

Gleb Ivanovic Bokij (1879-1941), ein alter Bolschewik - Mitglied der kommunistischen Partei seit 1900 - leitete die Spezialabteilung bis 1930. Er hatte das Bergbau Institut in St. Petersburg absolviert, war in den Jahren 1917/18 Sekretär des Komitees der bolschewistischen Partei in St. Petersburg und danach Chef der peterburgischen Tscheka gewesen. Anschließend wurde er Mitglied des Kollegiums der OGPU / des NKVD. Wie viele andere in den 30ern verhaftet starb Bokij 1941 in Haft und wurde später rehabilitiert.

Malsagov schildert Bokij als einen gebildeten, hoch gewachsenen Mann, der stets in Uniform umherzugehen pflegte und durchaus Züge von Grausamkeit in seinem Charakter trug.

In Moskau wohnend besuchte er nur von Zeit zu Zeit die Inseln. So begleitete er auch Maxim Gorkij bei seinem Besuch auf den Solovki, der bei Solschenizyn und Rozanov ausführlich beschrieben wird.

Hinzuweisen ist an dieser Stelle noch auf Lasar J. Kogan, über den aber nur vereinzelt in der Literatur Informationen zu finden sind, die sich dazu noch zu widersprechen scheinen. Er wird fast überall in einem Atemzug mit Bokij genannt und auch als dessen Nachfolger erwähnt. So leitete er persönlich die Kommission, die das Sevlag 1930 untersuchte, was bei Rozanov gut nachzulesen ist. Auf der anderen Seite gibt derselbe einen Bericht wieder, in dem Kogan als Chef der Kultur- und Arbeitsabteilung auftaucht und seine Vergangenheit sich wie folgt darstellt: er soll vor der Revolution ein Theoretiker des Marxismus gewesen sein und nach ihr Chef der Tscheka im Südkaukasus. War in seinem Amt als Vorsteher der Kulturabteilung zuständig für die Suche nach den Reliquien von Cosima und anderen Heiligen, die irgendwo im Klostergebäude versteckt sein sollten.


Lagervorsteher, Leiter der USLON

Der Aufbau des solowezker Lagerkomplexes unterlag der Verantwortung eines Tschekisten mit Namen A.D. Nogtev. In welcher Position er den Solovki vorstand ist nicht eindeutig zu klären, mit aller Wahrscheinlichkeit aber leitete er die Verwaltung, die USLON.

Sein Regime dauerte bis September 1925, als ihm die Erschießung von Politischen Gefangenen, geschehen im Dezember 1923, eine Verurteilung einbrachte und er "strafversetzt" wurde. Ab Frühjahr 1929 wurde er wieder in sein Amt eingesetzt, um später durch einen gewissen Senkevic abgelöst zu werden. In der Esovperiode wurde er erschossen.

Nogtev war als Matrose auf der Aurora, bevor er als erfahrener Revolutionsteilnehmer sich dem charkover Tschekisten Saenko anschloss, wo ihm die Ausbildung zuteil wurde, die ihn später befähigte, das Lager auf den Solovki zu führen.

Bevor er aber 1922 dort eintraf war er wahrscheinlich Chef der "Nördlichen Lager zur besonderen Verwendung", bis diese aufgelöst und alle Häftlinge auf die Solovki deportiert wurden.

Die ehemaligen Häftlinge schildern ihn in ihren Berichten als einen grausamen und trunksüchtigen Mann, der es sich nicht nehmen ließ, bei Gruppen von Neuankömmlingen auf der Insel 1 oder 2 Gefangene persönlich zu erschießen.

Stellvertreter Nogtevs und ab Herbst 1925 auch Nachfolger war F.I. Eichmanns. Er blieb in diesem Amt bis spätestens 1929, als Nogtev wieder den Platz als erster Natschalnik im Lager einnahm.

Über Eichmanns ist wenig in der Literatur zu finden. Häufig wird er nur am Rande als Stellvertreter Nogtevs angeführt und selten wird auf seine Vergangenheit eingegangen. Als alter Bolschewik estnischer Herkunft wird er von Malsagov als ein aufs Militärische versessene Sadist dargestellt, der von allen verlangte, dass man ihn militärisch grüßt.

Bei Rozanov hingegen entsteht ein anderes Bild und dieser versteigt sich sogar zu der Aussage, Eichmanns sei der Mildeste von allen Lagervorstehern gewesen. Ein solches Bild unterstützt z. B. die Tatsache, dass Eichmanns ab 1925 die Geistlichkeit die Versorgung der Insassen übernehmen ließ, was zu einer Besserung der Lebensumstände führte.

Auch der Fall der Erschießung der Politischen durch Nogtev bestätigt dieses Bild, da Eichmanns es war, mit dem die Politischen verhandeln wollten. Nogtev als Gesprächspartner lehnten sie ab.

Auch das von Jasik Ende 1928 - Eichmanns befand sich zu der Zeit im Urlaub - eingeführte Regime zugunsten der Kriminellen änderte er sofort wieder nach seiner Ankunft und ließ Jasik zurückbeordern.

Ob seine Bevorzugung der "Kontras" (Konterrevolutionäre) der Grund für seine Absetzung war ist schwer zu sagen. Rozanov erwähnt noch, das Eichmanns (wahrscheinlich) 1934 erschossen wurde.

Als Nachfolger Nogtevs wird bei Rozanov Senkevic erwähnt, ein Zimmermann und ehemaliger Chef der GPU von Wologod (davor bei den Grenztruppen) , der, bevor er Nogtev beerbte, als Vorsteher des Sevlag tätig war.

Bei Solschenizyn und Stettner wird auf Sarin als Nachfolger Eichmanns verwiesen (von 1929 bis 1930) und Solschenizyn stellt ihn als einen grausamen Lagerkommandanten dar, der verantwortlich ist für das Verhungern einer Gruppe von Sektierern. Auch bei Jacobson wird Sarin als Lagerchef in der Zeit ab 1930 angeführt, der Reformen durchsetzt und für die wirtschaftliche Ausrichtung des Lagerregimes verantwortlich ist. Doch Rozanov gibt an, dass Sarin zwar einen hohen Posten innehatte, wahrscheinlich der Chef der SLON war, aber eben nicht der USLON vorstand. In seiner Stellung mag er an allen Punkten des Lagers aktiv gewesen sein und seiner Grausamkeit freien Lauf gelassen haben.

Deswegen ist mit Verweis auf die Quellenlage auch hier Rozanov zu folgen und festzustellen, das Sarin zu seiner Zeit als Lagerkommandant Nogtev unterstand.

Abgelöst wurde er im Frühjahr 1930 von D.V Uspenskij, der vorher die administrative Abteilung und danach die Kultur- und Erziehungsstelle leitete und bis zum Frühjahr 1932 im Amt blieb.


"Kemperpunkt" / Popov - Insel

Die Popov-Insel, nur einige Kilometer vom Festland in der Nähe des kleinen Städtchens Kem' gelegen bietet sich sehr gut an, um weitere Täterprofile zu erstellen. Denn, wie oben schon erwähnt, war der Kemperpunkt der Ort, auf dem die Häftlinge ankamen (aus allen Teilen Russlands) um von dort aus auf die Solovki geschickt zu werden. Ebenso mussten auch die Gefangenen, die von den Inseln wegtransportiert wurden, um beispielsweise in einer der Holzeinschlag - Abteilungen auf dem Festland ihr weiteres Dasein zu fristen, dieses Lager durchlaufen. Es diente also hauptsächlich der Umsiedlung und der Selektion. Malsagov verbrachte einige Zeit in diesem Lager, bekam selbst die Solovki nie zu Gesicht und nutzte auch die Landverbindung Kem's zur Flucht. Das ist der Grund, warum er in seinen Darstellungen den Tschekisten dort besondere Aufmerksamkeit widmet.

Erster Lagervorsteher auf dem Kemperpunkt war Gladkov. Vor- und Vatersname tauchen in der Literatur nicht auf. Erwähnt wird noch, dass er aus Kaluga stammte und vor der Revolution auch dort im Gefängnis gesessen hatte. - Wegen Diebstahls! Bei den Oktoberereignissen befreit brachte er es bis zum Parteimitglied und wurde mit der Leitung des Kemperpunktes beauftragt. Diesen Posten hielt er von Anfang 1923 bis Ende 1924.

Die Zustände unter dem Regime Gladkovs und seiner Frau - sie wurde ob ihrer Fürsorge für die Kriminellen von diesen nur noch als "Mutter" bezeichnet - müssen chaotisch gewesen sein. Gladkov setzte seinen gewohnten Lebensstil fort, frönte seiner Vorliebe zum Alkohol und dem Einverleiben staatlicher Gelder und prägte die ersten Jahre auf dem Kemperpunkt durch die unbegrenzte Protektion der Kriminellen. Sie wurden von fast allen Arbeiten befreit, die man dafür den Kontras oder den Politischen auferlegte. So entstand eine Atmosphäre, in der sich die Kriminellen zu Herren aufschwingen konnten, während die anderen Häftlinge immer schutzloser unter der Lagerdiktatur dahinvegetierten.

Das Abzweigen staatlicher Gelder blieb in Moskau nicht unentdeckt und eine Kommission enthob Gladkov seines Amtes, bestrafte ihn, amnestierte ihn daraufhin und schickte ihn zurück in seine Heimat Kaluga.

Nachfolger wurde Ivan Ivanovic Kirillovskij, ehemaliger Unteroffizier des Garderegiments in St. Petersburg, der sich durch seine grenzenlose Trunksucht auszeichnete, was ihm relativ schnell die Versetzung auf die Sekirka eintrug - als Kommandant! Ein Jahr später, während der ersten großen Typhusepidemie, im Winter 1926/27, nennt ihn Rozanov als Vorsteher der Savvatij Einsiedelei.

Ab 1926 leitete den Kemperpunkt ein gewisser Fedjakov, ein ungebildeter Bauer aus der Irkutsker GPU, dessen Dummheit wohl Berühmtheit erlangte aber unter dem das Lagerregime auch weicher wurde als das bisher unter Gladkov und Kirillovskij der Fall gewesen war. Bis wann Fedjakov seinen Dienst ausübte ist nicht zu ermitteln. Ab 1930 war er als Tschekist in den Nördlichen Lagern in Archangelsk beschäftigt.

Von Frühjahr 1930 an war erster Natschalnik auf dem Kemperpunkt Wachtmeister Potemkin, vormals "bei den Dragonern, dann Kommunist, Tschekist und nunmehr Chef des Kemperpunktes", der sich laut Solschenizyn ein Restaurant einrichten ließ, in dem ein Orchester aufspielte und die Rechnungen das Lager bezahlte.

Mit Potemkin endet auch die Reihe der Lagervorsteher, da in den frühen Dreißigern der Kemperpunkt geschlossen wurde und man die Funktionen an ein anderes Lager übertrug.

Trotzdem muss noch auf eine Person eingegangen werden, die besonders bei Solschenizyn erwähnt wird. Es handelt sich um Kurilko, bei Solschenizyn ein Rittmeister, der die Neuankömmlinge im Kemperpunkt begrüßte und sie sofort einer Tortur unterzog, um ihren Willen zu brechen.

Kurilko war von 1928 bis 1930 auf dem Kemperpunkt und verschaffte sich durch sein sadistisches Verhalten einen Ruf, der ihm noch lange nachklang.

Im Zuge der Gewaltexzesse 1929/30 und der darauf folgenden Untersuchungen seitens der OGPU aus Moskau geriet auch Kurilko ins Visier der ermittelnden Tschekisten und stand am Ende an erster Stelle auf der Liste der zu verurteilenden Rukovoditeli, die von Gleb Bokij unterzeichnet wurde.


Frenkel

Die wahrscheinlich bedeutendste Person, die auf die Solovki verschickt wurde und von dort einen unglaublichen Aufstieg innerhalb der Hierarchie der sowjetischen Organe erlebte, war Naftalij Aronovic Frenkel.

Über ihn ist am meisten in den Erzählungen ehemaliger Häftlinge der Solovki zu finden. Auch Historiker widmen sich ihm. Schließlich ist er einer der Hauptverantwortlichen für die Entwicklung der Lagerstrukturen der 20er Jahre hin zum großen Wirtschaftsfaktor Gulag.

Trotzdem ist im Endeffekt wenig Genaues über ihn zu erfahren, da jeder der Zeitzeugen sein Bild und seine Version von Frenkel und dessen Aufstieg übermittelt.

Mit äußerster Vorsicht kann vermutet werden, dass Frenkel wahrscheinlich Jude war und vor seiner Verhaftung und vielleicht auch vor der Oktoberrevolution im kaufmännischen Bereich tätig. Er wurde zur Erschießung verurteilt, doch die Strafe durch 10 Jahre Haft auf den Solovki ersetzt. Dort traf er spätestens 1925 (wahrscheinlicher 1924) ein und brachte es innerhalb kürzester Zeit zum Chef der Betriebs- und Handelsabteilung. In dieser Funktion erdachte er auch seinen Plan von der "wirtschaftlicheren" Ausbeutung der Häftlinge, getreu dem Muster, dass "aus dem Häftling [...] wir alles in den ersten drei Monaten herausholen [müssen] - danach brauchen wir ihn nicht mehr." Hinzu kam die Idee der Koppelung der Arbeitsleistung eines Häftlings an die Essensration.

Ob es jemals zu einem Gespräch zwischen Frenkel und Stalin kam ist fraglich. Eher wahrscheinlich ist, dass Frenkel mit den Oberen der OGPU zusammenkam, ihnen seine Pläne unterbreitete und man ihm danach freie Hand gewährte.

Ende der 20er/Anfang der 30er wurde er als oberster Arbeitsaufseher in das Belbaltlag, zur Aufsicht über den Ostsee - Weißmeer - Kanal bestellt, von wo aus seine Karriere ihren weiteren Aufstieg nahm. Danach ging es für ihn an die BAM bis er später verantwortlich zeichnete für die Leitung der Hauptverwaltung der Lager für den Bau von Eisenbahnstrecken (GULShDS).


"Kondostrov"

Diese Insel, im Onezskaja Meerbusen gelegen, beherbergte die fünfte Abteilung der Solovki, ein Speziallager für "Stukaci", Spitzel der Informations- und Untersuchungsabteilung, die gewaltsam hierhin verschleppt wurden oder sogar um ihre Verlegung baten.

Über die Täter auf diesem Eiland ist wenig bekannt, aber es lässt sich zumindest eine Chronologie aufstellen und hin und wieder was über die Art und Weise der Führung dieses Lagerpunktes durch seine Rukovoditeli aussagen.

Mit dem Jahr 1924 beginnend standen der Insel die verurteilten oder strafversetzten Tschekisten Klimov und Provotorov vor. Ein Jahr später wurde der Letztere durch einen gewissen Sasin ersetzt, ein ehemaliger Chef eines Gefängnisses aus irgendeinem Gouvernement. Im Jahr 1925 war er dort "Zar und Gott über 150 Spitzel". Nichtsdestotrotz wurde auch Sasin wieder abberufen und seinen Platz nahm ein Tschekist namens Rajva ein. Er "herrschte" auf der Insel zur Zeit der ersten Typhusepidemie und wohl aus diesem Grunde sind die Schilderungen über sein Regime mit Berichten über Massensterben versehen.

So sollen von 560 Gefangenen auf dieser Insel nach einem Bericht 350 im Winter 1926/27 gestorben sein. Rajva wird in den Berichten, die Rozanov anführt als ein "zweites Tier" beschrieben und als ein krankhaft auf die Jagd nach Liebenden versessener Rukovoditel'.

Nach Rajva wandelte sich der Charakter des Lagerpunktes und an Stelle von Stukaci wurde auf die Insel deportiert, wer zum Arbeiten nicht mehr fähig war. Damit entwickelte sich die Insel zum Totenhaus des ganzen Lagerkomplexes, lagen hier doch Kranke neben Erschöpften, Asoziale neben solchen, die die Lagerleitung zum Sterben bestimmt hatte. Herr dieser Friedhofsinsel war Alexander Michajlovic Novikov, ein ehemaliger Soldat, der zuvor ein Aufsichtskommando befehligt hatte (1924 / 1925). Einen Ruf als grausames Tier hatte er sich schon in den frühen Zwanzigern erworben, als er im Lager Cholmogorskij Massenerschießungen vornahm und später auf den Solovki reihenweise Frauen vergewaltigte.

Er wurde 1929 abgelöst durch den Tschekisten Sosnikov, über den aber keine weiteren Informationen zu finden sind.


Holzeinschlag

Diese Lagerpunkte entstanden nach und nach und ihr Ausbau wurde erst mit Frenkel und dem steigenden Wert von Holzexporten vorangetrieben. In der Frühzeit der Solowezker Lager galten sie wohl eher der Vernichtung durch Arbeit als der gezielt wirtschaftlichen Nutzung der Arbeitskraft der Gefangenen. In den späten Jahren (ab Winter 1926 / 27) wuchsen sie zu riesigen Lagerpunkten an und umfassten häufig mehr Häftlinge als auf den Inseln gefangen gehalten wurden.

Natürlich beschränkten sich diese Holzeinschlag-Lagerzweigstellen nicht nur auf die Inseln im Weißen Meer, sondern breiteten sich mit der Zeit auch über ganz Karelien aus. Die Verhältnisse besserten sich nach den Untersuchungen der Kommission, denen auch Kurilko zum Opfer fiel.

Wie in vielen anderen Lagerpunkten standen auch diesen Abteilungen häufig ehemalige Tschekisten vor, so z.B. in Ovcjanka, einer kleinen Holzeinschlag-Abteilung, 18 - 20 Kilometer nördlich des Kremls auf der Hauptinsel gelegen ein gewisser Van'ka Potanov, der seine Häftlinge verkommen ließ und sie ständigen Grausamkeiten aussetzte, ohne dafür in irgendeiner Weise belangt zu werden. Das brachte ihm bei den Chronisten der Solovki die Bezeichnung "Henker im Wald" ein. Abgelöste wurde er durch Gusenko, der sich ebenfalls durch seine Grausamkeit auszeichnete und von dem berichtet wird, dass von 100 zu ihm deportierten Häftlingen nur 8 überlebten.

Was diese beiden Henker betrifft, lässt sich über ihren weiteren Werdegang nichts aussagen. Sie verschwinden mit den Ereignissen des Jahres 1930, aber ob sie bestraft wurden oder nur versetzt bleibt vorerst im Dunkeln.

Zwar war die Ovcjanka berüchtigt, wahrscheinlich auch bedingt durch ihre Nähe zum Zentrum der Solovki, dem Kreml, aber man kann davon ausgehen, dass es in vielen anderen Holzfäller-Punkten nicht viel besser - hinsichtlich des Regimes - gewesen ist.

Einzelne Namen von weiteren Henkern tauchen in der Literatur auf: Voronov, Smirnov oder z.B. Voronin. Häufig werden auch ihre Grausamkeiten geschildert aber es wird leider selten, wahrscheinlich aufgrund mangelnden Wissens, auf die Hintergründe, auf den Lebensweg dieser Personen eingegangen.

Einer jedoch verdient etwas stärkere Beachtung. Es handelt sich dabei um I. F. Seleckij, der die Leitung des Stabes aller Holzfäller-Punkte inne hatte. (Von 1927 an bis 1929). Er war vor der Revolution entweder Offizier oder Direktor eines Gefängnisses gewesen und bekam angeblich seinen Posten mit der Erlaubnis, Arbeitsverweigerer auf der Stelle, ohne Gerichtsverfahren, hinzurichten.

Später wurde er von seinem Amt befreit und als Stellvertreter in die Wirtschafts- und Produktionsabteilung versetzt. Die Ereignisse von 1930 holten aber auch ihn wieder ein und es ist zu vermuten, dass Seleckij im Zuge dieser lagerinternen Säuberung erschossen wurde.


Weitere Täter

An dieser Stelle soll noch auf ein paar andere Täter verwiesen werden, die in der Literatur Erwähnung finden und deren Regime Aufschluss geben kann über die Lagerwirklichkeit auf den Solovki in den Zwanzigern.

Bei Dallin / Nikolaevskij findet sich ein gewisser Bachulis, der dermaßen bestialisch mit den Häftlingen umging, dass bezweifelt wird, ob er überhaupt bei Verstand war. Bachulis war bis 1923 Kommandant von Pertominsk, einem der Lager, die sich Anfang der Zwanziger auf dem Festland befanden und mit der Verlegung der USLON auf die Solovki aufgelöst wurden.

Über diese Lager ist noch weniger in Erfahrung zu bringen als über die Solovki, was einerseits mit der kurzen Lebensdauer dieser KZs zusammenhängt, andererseits aber auch auf die ungeheure Sterblichkeitsrate zurückgeführt werden kann. Es haben vermutlich zu wenig Menschen überlebt, die von den Lagerregimen dort hätten Zeugnis ablegen können.

Bachulis wird als ein Sadist geschildert, der wahllos auf Menschen mit seiner Pistole feuerte und wieder eingefangene Ausbrecher lebendig begraben ließ.

An anderer Stelle erscheint er im Jahre 1920 als Kommandant des Lagers Cholmogory, südlich von Archangelsk gelegen, bevor er in ein Lager mit dem Namen Portalinsk versetzt wurde.

Nachfolger Bachulins in Pertominsk und wahrscheinlich auch vorher schon in Cholmogory wurde ein Tschekist namens Michelson, der auf den Solovki berühmt war wegen seiner Teilnahme an der Abschlachtung der Armee Wrangels auf der Krim unter dem Befehl Bela Kuns. Wahrscheinlich war er Mitglied des Revolutionskomitees, bevor dieses aufgelöst, Bela Kun für geisteskrank erklärt und Michelson selber als Kommandant nach Cholmogory geschickt wurde.

Danach kam er als "Ältester" in den Kreml auf die Solovki, bevor er dieselbe Funktion auf dem Kemperpunkt ausfüllte. Den Wechsel der Natschalstwo eben dort (1924/25) überstand er wohl ohne weiteren Schaden, bis er 1925 von Dzerzinski als OGPU-Chef in die Republik Kirgistan geschickt wurde.

Ein weiterer bekannter Name ist Vaskov. Der war Gehilfe Nogtevs bei dessen grausamen Spielen zur Begrüßung der Neuankömmlinge und ansonsten Chef der administrativen Abteilung. Er sorgte bei Bedarf für nötige Beweise, um einem Häftling die Frist zu verlängern oder ihn der Erschießung zuzuführen. Bis 1927 übte er diese Arbeit aus. Danach wurde er zur Unterstützung Boksas in das Sevlag geschickt, wo er der Kommission von 1930, die zur Aufklärung unerklärbarer Verluste unter den Häftlingen dorthin gesandt wurde, zum Opfer fiel und man ihn schließlich 1932 nach Magadan versetzte, wo ein Gefängnis seinen Namen erhielt. Unklar ist, ob er 1937 erschossen wurde oder seiner Überfettung, die ihm ein Herzleiden eingebracht hatte, erlag.

Das soll an Täterprofilen genügen. Es gibt zwar noch unzählige Erwähnungen einzelner Täter in den Berichten der Chronisten dieser Jahre, doch lässt sich das Geschriebene nicht überprüfen.

Bei den oben aufgezählten ist wenigstens noch ein Vergleich möglich. Es fehlt aber auch bei ihnen häufig der Werdegang, also die Zeit vor ihrer Amtsausübung auf den Solovki.

Was sich ansonsten durch die kurzen Anmerkungen über einzelne Täter für ein allgemeines Bild ergibt ist schnell gezeigt: stärkste Charaktereigenschaft der lokalen Machthaber war die Trunksucht, der sich die meisten hingaben (Vaskov ganz besonders). Dazu kam Sadismus, ungehemmte Bestechlichkeit und ein Hang zu Betrügerei.


5. Auswertung

An dieser Stelle soll zuerst eine Auswertung der benutzten Literatur erfolgen.

Zu kritisieren ist vor allem Stettner, der trotz seiner drei Kapitel über die SLON Rozanov nicht hinzuzieht und sogar Malsagov ignoriert. Da er sich hauptsächlich auf Solschenizyn beruft, entsteht ein völlig falsches Bild von den Solovki, da Solschenizyn wahrscheinlich nicht über die Anfänge (1923 - 1925) informiert war. Das lässt sich aus dem Bericht Solschenizyns über Kurilko schließen.

Um so erstaunlicher ist, wie kritiklos Stettner Solschenizyn anführt, um seine drei Kapitel über die SLON zu füllen. Auch später verfährt er in dieser Weise, um Frenkels Werdegang genauer zu schildern. Dadurch kommt es zu Ungenauigkeiten, die auch nicht dadurch geglättet werden können, dass Stettner andere Quellen zitiert, die sich ebenfalls auf Solschenizyn berufen. Allein das Hinzuziehen von Malsagov hätte Schlimmeres verhindern können. Stettner wird seinem eigenen Anspruch, "Ordnet man Solschenizyns Angaben systematisch wie thematisch und negiert seine literarischen Einsprengsel, so liefert er eine große Fülle neuer oder ergänzender Informationen." nicht gerecht.

Solschenizyn selber ist hier kein Vorwurf zu machen, da er schließlich nicht den Anspruch stellt, wissenschaftlich vorzugehen. Zu bemängeln ist allenfalls, dass auch er reißerischen Momenten den Vorrang gibt, wo aufgrund der Wahrheitsfindung mehr Vorsicht geboten wäre.

Jacobson, ähnlich wie Stettner, zieht weder Malsagov noch Rozanov hinzu und kommt deshalb zu ungenauen Daten, die aber nicht zu solchen Verzerrungen führen wie bei Stettner. Dafür lässt Jacobson die von ihm benutzten Quellen unkommentiert, was einerseits die Zuordnung erschwert, des weiteren aber auch den Eindruck entstehen lässt, es handele sich bei den angegebenen Daten um eindeutige Fakten.

Rozanov wiederum kann als Basis jeglicher Solovkiforschung bezeichnet werden, an der keiner vorbei darf, der sich mit dem Thema intensiver beschäftigen will. Zwar gibt auch er an, nicht wissenschaftlich vorzugehen, sondern eher wie Solschenizyn "künstlerisch" das Thema zu bearbeiten, aber die Vorgehensweise ist doch eine andere. Allein die ständigen Zitate, über Seiten hinweg, lassen erkennen, dass hier weitaus genauer - wenn auch nicht wissenschaftlich systematisch - verglichen wird als nur literarisch aufgearbeitet. Zu bemängeln ist, dass das Buch in einer so geringen Auflage erschienen ist, weil der Autor gezwungen war, es selbst herauszugeben.

Zusammenfassend kann man festhalten, dass viele Historiker nicht behutsam genug verfahren sind, was aber notwendig gewesen wäre, um eine so schwer zu erfassende Materie wie die Solovki in den Zwanzigern zu bearbeiten.

Was die eingangs gestellte These von der Vernichtung durch Chaos betrifft, so sind in den Rukovoditeliprofilen meines Erachtens genügend Belege zu finden, die diese These untermauern. Das Bild, das entsteht, wenn man sich die ganzen Holzeinschlag-Abteilungen, Nogtev, Gladkov und z.B. Michelson vor Augen führt, vereint mit dem Wissen darüber, dass die Zentrale der OGPU nur bedingt Zugang zu dem hatte, was auf den Solovki vor sich ging und auch ansonsten der Inselcharakter es lokalen Machthabern ermöglichte, ihre eigenen kleinen Reiche aufzubauen, legt die Vermutung nahe, dass es sich bei den ersten Jahren der Konzentrationslager der Tscheka/GPU/OGPU um die Institutionalisierung des Roten Terrors aus der Bürgerkriegszeit handelte und nicht um den Vorläufer des GULAGs. Dem entspricht auch, dass die Karriere vieler Täter im Bürgerkrieg ihre Wurzeln hatte.

Zum Grundstein des GULAGs wurden die Solovki erst, nachdem Eichmanns das Regime übernahm und auch auf dem Kemperpunkt mit Fedjakov etwas mildere Bedingungen Einzug erhielten. Ab ungefähr 1925 gewann das Lagerleben an Ordnung, dass nur durch das überproportionale Ansteigen von Häftlingszahlen gestört wurde, was gegen Ende der Zwanziger noch mal ein Aufkommen von Anarchie verursachte.

Auch unterstreicht diese "Vernichtung durch Chaos" - Theorie das kafkaeske Bild, das sich einstellt, wenn man den Erzählungen der ehemaligen Gefangenen folgt. So war das Lagerleben bestimmt durch unvorstellbare Willkür und Bestialitäten, neben denen sich Luxus und Vergnügen breit machten. Noch zu Eichmanns Zeiten war es bisweilen erlaubt, Gottesdienste zu feiern, wo ein paar Kilometer entfernt eine Kirche als Karzer diente. Diese überall auftretende Widersprüchlichkeit und die Tatsache, dass immer wieder Kommissionen auf die Insel kamen, um sporadisch Ordnung einzuführen unterstützen die These.


6. Schluss

Ich möchte zu guter Letzt noch einmal darauf hinweisen, wie wichtig es ist, gerade die Anfänge der Solovki zu untersuchen und ein genaueres Bild als Antwort auf die Frage zu ermitteln, was das denn für ein Lager war, dass auf der Insel so traurige Berühmtheit erlangte.

Denn üblicherweise wird in der Literatur der Begriff Konzentrationslager verwendet und automatisch stellen sich besonders bei dem deutschen Leser aber auch bei den meisten Lesern aus dem Ausland Bilder von Buchenwald und im Extremfall sogar Auschwitz ein.

Diese Vorstellungen haben aber mit der Lagerwirklichkeit auf den Solovki, wie oben gezeigt, nichts gemein. Auf den Solovki erschuf sich ein genuin eigener Typus von Lager. Auch der diente der Vernichtung von Menschen. Aber anders als in Buchenwald waren auf den Solovki der frühen Zwanziger Jahre Chaos und Misswirtschaft die grundlegenden Instrumente dieser Vernichtung. Es bleibt zu untersuchen, inwieweit diese Instrumente in der weiteren Geschichte des GULAGs Bestand hatten.



Literatur:

  • Solschenizyn, Alexander: Der Archipel Gulag. Folgeband - Arbeit und Ausrottung, Seele und Stacheldraht, Hamburg 1978

  • Stettner, Ralf: "Archipel Gulag": Stalins Zwangslager. Terrorinstrument und Wirtschaftsgigant, Paderborn 1996

  • Rozanov, M. S. : Soloveckij konclager' v monastyre 1929-1939 gody, Kn. 1-3, SSA, FRG 1979-1987 (hier nur das 1. Buch zur Auswertung herangezogen)

  • Jakobson, Michael: Origins of the Gulag: the Soviet prison-camp system, 1917-1934, Kentucky 1993

  • Malsagov, C.: Adckije ostrova: sovietskije tjurma na dal'nem severe, Alma Ata 1990

  • Dallin D./Nicolaevsky B.: Arbeiter oder Ausgebeutete. Das System der Arbeitslager in Sowjetrussland, München 1948

  • Rossi, J.: Spravocnik po Gulagu, London 1987

  • Dahlmann, D. / Hirschfeld, G.: Lager Zwangsarbeit, Vertreibung, Deportation, Essen 1999.