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Der Weißmeer-Ostsee-Kanal in der sowjetischen Literatur
und Propaganda der 30er Jahre
(Anne
Kathrin Popin)
1.
Geschichtlicher Abriss
Bereits
1927, mit den auf dem 17. Parteikongress beschlossenen "Direktiven
für die Erstellung eines Fünfjahresplanes der Volkswirtschaft"
wird eine neue Richtung in der Machtpolitik der Sowjetunion
eröffnet. Ziele der Fünfjahrespläne sollten
u.a. sein, die Sowjetunion aus einem rückständigen
Agrarland in ein hochentwickeltes Industrieland zu verwandeln,
den technischen Standart auch in der Landwirtschaft zu erhöhen
(Traktoren, landwirtschaftliche Maschinen etc.) und alle Vorraussetzungen
für eine erhöhte Verteidigungsfähigkeit des
Landes zu schaffen. Mit dem Satz "Aus der Asche des bäuerlichen
Rußland sollte der Phönix einer militärisch-industriellen
Großmacht erstehen." erfasst Gerd Koenen den Gedanken
dieser Zeit. Der Industrialisierung wurde nun alles geopfert,
vor allem aber die Menschen. Das Jahr des "Großen
Umhiebs", wie Solschenizyn das Jahr 1928 nennt, in dem
der Erste Fünfjahresplan Gesetz wurde, sollte auch und
vor allem diejenigen treffen, die sich am wenigsten dagegen
wehren konnten.
Die "große
Aufgabe" brauchte natürlich auch Arbeitskräfte.
Am 26. März 1928 beschloss das Sownarkom das Gefängnisregime
zu verschärfen und die wirtschaftliche Rentabilität
der Häftlinge zu erhöhen, indem man ihnen keinen
Lohn beließ. Die Aufnahmekapazität der Arbeitskolonien
wurde erhöht. Neben dem Lager auf den Solowetskischen
Inseln entstehen unzählige neue Lager , verstreut über
das gesamte Gebiet der Sowjetunion; "Der Archipel siedelt
Metastasen ab".
Der 1930
eingerichtete GULag sollte von nun an die sich immer mehr
im Land ausbreitenden Lager zentral verwalten. Personen, die
zu mehr als drei Jahren oder "auf besonderen Entscheid"
der OGPU verurteilt wurden, mußten ihre Strafe nun in
sogenannten Arbeitsbesserungsanstalten verbüßen.
Zur gleichen Zeit stellten die Behörden die Veröffentlichungen
der Anzahl der Prozesse und der Verurteilungen ein. Wenn die
Zahl der zu Zwangsarbeit Verurteilten im Jahre 1926 noch 14,3
% der Verurteilten betrug, so waren es fünf Jahre später
bereits 56%. Die OGPU wurde zum Lieferanten von Arbeitskräften.
Möglichst
viel billiges "Menschenmaterial" sollte für
die bevorstehenden Großbauten des Sozialismus bereitstehen
- Zwangsarbeit für die Fünfjahrespläne.
2.
Der Beginn des Kanalbaus
Wohl die
größte Ausnutzung dieses billigen Potentials, war
der Bau des Weißmeer-Ostsee-Kanals. Im Gegensatz zu
den übrigen Großprojekten wurden hier ausschließlich
Strafgefangene eingesetzt. Eigens für diesen Zweck wird
u.a. das BelBaltlag bei Medvezhegorsk eingerichtet.
Der Belomorkanal
ist innerhalb von nur zwanzig Monaten entstanden von November
1931 bis Juni 1933. Doch noch vor dem offiziellen Baubeginn
im November waren bereits Häftlinge an den Ort der späteren
Baustelle geschickt worden, um aus dem Nichts heraus, inmitten
unberührter Natur, mit bloßen Händen und jeglichen
Witterungsverhältnissen schutzlos ausgeliefert ihre eigenen
Baracken zu bauen. Sie waren die ersten Arbeiter am Kanal.
Unzählige starben noch bevor der eigentliche Bau begann.
Von 1931
bis zu seiner Fertigstellung Mitte 1933 betrug die Zahl der
Gefangenen ca. 126 000, von ihnen wurden 12 484 amnestiert,
59 516 bekamen Haftfristverkürzungen und der Rest wurde
auf die Baustellen weiterer Großprojekte, wie z.B. den
Moskau-Wolga-Kanal, verfrachtet. Etliche sterben, erfrieren,
verhungern. Andere fliehen. Aus den Archivmaterialien der
Grenztruppen Finnlands können wir für 1931 eine
Zahl von 2488 und für 1932 von 7207 Flüchtlingen
entnehmen. Das sind wohlgemerkt nur die Zahlen derer, die
aufgegriffen wurden, wie viele in der Taiga gestorben, von
den Wachen des Lagers gefangen oder bestenfalls über
die grüne Grenze gekommen sind bleibt offen.
Die Hungerkatastrophe
von 1932-33 und der damit zurückgehende Export als Folgen
der Zwangskollektivierung, hielten den Bau nicht auf. Obwohl
schon 1930 eine Finanzkrise abzusehen war, die sich nun noch
verschlimmerte. Doch Devisen kamen nicht in Frage in einer
Zeit, in der man seine Außenwirksamkeit erhöhen
wollte. Genauso, wie die Hungerkatastrophe verschwiegen wurde,
so weit das möglich war, sollte auch das Ziel des Großprojektes
Belomorkanal unermütlich fortgesetzt werden, das hieß
mehr Häftlinge weniger Geld. Statt Eisen und Beton, Torf
und Holz.
2.1.Der
Kanal in der Geschichte
Die Idee,
eine Wasserstrasse zu bauen, welche das Weiße Meer mit
der Ostsee verbinden sollte, war nicht neu. Peter der Große
hatte bereits diesen Plan, konnte ihn aber nicht verwirklichen.
Lediglich ein Weg war geblieben, auf dem er Schiffe vom Weißen
Meer an den Onegasee ziehen ließ. Im 19. Jahrhundert
wurde die Idee mehrfach wieder aufgegriffen, scheiterte jedoch
aus unterschiedlichen Gründen seien es materielle, bürokratische
oder finanzielle.
Mit dem
Ausbruch des ersten Weltkrieges sah sich Rußland wiederum
mit dem Problem konfrontiert, nicht die Verbindung zur Ostsee
zu haben. Während des ersten Weltkrieges bot sich der
Kaufmann Volkov an den Bau aus eigenen Mittel zu finanzieren,
sein Angebot wurde jedoch abgelehnt.
Wie die
lange Geschichte zeigt, kann der Grund für das Nichtzustandekommen
des Bauvorhabens wohl kaum in einem mangelnden Interesse dafür
zu finden sein. Sowohl aus politischer, als auch aus ökonomischer
Sicht schien eine Wasserstrassenverbindung zwischen den beiden
Städten St. Petersburg und Archangelsk bzw. zur Ostsee
gerechtfertigt. Offensichtlich waren vor allem finanzielle
Gründe ausschlaggebend für den Aufschub.
Das Großprojekt
Belomorkanal sollte zum Aushängeschild der Sowjetmacht
unter Stalin sowohl nach innen, als auch nach außen
werden. Nur die Bolschewiki sollten unter Stalin nun das "Wunder"
vollbringen und der Welt beweisen, das die "neue Welt",
die sie zu schaffen hatten die fortschrittlichste und somit
auch beste sei. Nicht finanzielle Gründe, sondern die
Misswirtschaft eines kapitalistischen Systems seien Schuld
am bisherigen Nichtzustandkommen des Projekts.
Bis 1929
hielt man sich damit auf, mehrere Expeditionen in den Norden
Kareliens zu organisieren. Aus der Korrespondenz zwischen
Stalin und Molotov können wir entnehmen, dass das Projekt
auch in den höchsten Regierungskreisen Unterstützung
fand und eine wichtige Rolle zu spielen schien.
Letztendlich
setzte das Volkskommissariat für Arbeit und Verteidigung
am 18. Februar 1931 den Beschluss fest, den Kanal zu bauen.
Unter der Leitung des OGPU - Offiziers Semion Firin wurden
die Hauptverwaltung des BelBaltLag (Belomorsko-Baltijskij-Lager')
nach Medvezhegorsk gelegt. Der OGPU war zwar die Oberaufsicht
über das Bauprojekt übertragen worden, nur mussten
die eigentlichen Bauherren, im Sinne von planerischer Aufsicht
und Ausführung des Kanals aus anderer Quelle bezogen
werden. Bereits kurz nach dem entgültigen Beschluss 1931
begann die OGPU, Ingenieure unter dem Verwandt der Sabotage
und verräterischen Handlungen gegen das Sowjetregime
zu verhaften, in der Lubjanka vorläufig einzusperren
und daraufhin auf die Baustelle nach Karelien als Gefangene
des BelBaltLag zu verfrachten.
2.2.
Der Kanal Symbol
Stalin
setzte alles daran, den Bau des Kanals zu beginnen, unter
der Bedingung die finanziellen Mittel so gering wie möglich
zu halten.
Das Einzigartige
an diesem Projekt sollte nicht nur der kurze Zeitraum sein,
in dem es verwirklicht wurde, sondern vor allem auch die wenigen
Mittel und Finanzen, die dafür benötigt wurden.
Wozu brauchte man großartige Technologie in Form von
Kranen, Baggern oder ähnlichen teuren Investitionen,
wenn man doch Menschen hatte, Menschen, die mit ihrer Hände
Arbeit billiger waren als alles andere. Nicht zuletzt dann,
wenn es sich um Häftlinge handelte, die keine Lohnansprüche
stellen konnten. Der Bau des Belomorkanals wurde das Werk
der Sklavenarbeit von ausschließlich Gefangenen, Gefangenen
aus Lagern der ganzen Sowjetunion und eigens für den
Bau von der OGPU zu Gefangenen deklarierten Menschen.
Der Kanal
sollte nicht allein Beweis für die wirtschaftliche Fortschrittlichkeit
des Sowjetsystems sein, sondern zusätzlich die 1930 festgelegte
Projektion der Lager als Orte der "Umschmiedung"
(perekovka) sozial unverträglicher Personen bestärken.
Vielleicht war die Legitimation der Sowjetmacht durch die
gelungene "Umerziehung" (wobei das Wort Umschmiedung
wohl eher passend wäre, da keinesfalls von einer sanften
schulartigen Erziehung die Rede sein konnte) zum "neuen"
Menschen durch Arbeit ein viel wichtigeres Vorhaben, da es
nach außen hin etwas Neues auch gegenüber der westlichen
Gesellschaft bewiesen hätte. Nämlich die Tatsache
zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, indem man Menschen,
Häftlinge, die aus der Gesellschaft, wie sie sich die
Sowjetmacht vorstellte, herausgefallen waren, durch die Verknüpfung
von Arbeit (als Strafabbüßung und Möglichkeit
der Strafverkürzung) und Umerziehung wieder in diese
Gesellschaft zu integrieren versuchte, gleichzeitig aber auch
durch dieses billige Menschenmaterial technische "Wunderwerke"
vollbrachte.
Tatsächlich
war es auch so, das ein Teil der Häftlinge sich mit Eifer
an der Sache des Kommunismus beteiligte. Methoden diesen Arbeitseifer
bei den Gefangenen hervorzurufen waren natürlich gang
und gäbe. Angefangen beim mündlichen Lob, geschicktem
Eingehen auf die bestimmte Persönlichkeit durch die "Erzieher"
des Lagers, über das Aufstocken der Essensrationen bei
guter Arbeit, bis hin zu Wettbewerben zwischen den einzelnen
Brigaden/Kollektiven des Lagers. Arbeiter der sogenannten
"Stosstruppen", Gruppen die für die besonders
harte und schnelle Arbeit eingesetzt wurden, genossen natürlich
dementsprechende Privilegien. Mit der Zeit konnte sich ein
Häftling auch in der Lagerhierarchie hocharbeiten.
Doch nicht
nur durch bessere Arbeit schlossen sich viele Gefangene dem
allgemeinen Enthusiasmus den Kanal betreffend an - was übrigens
auch einfach nur den Grund haben konnte die eigene Haftzeit
abzukürzen - sondern sie füllten auch die Seiten
der Lagerzeitschriften, wie zum Beispiel der "Perekovka"
mit Gedichten, Erzählungen oder Karikaturen, die den
Bau des Kanals priesen. So schreibt zum Beispiel der Dichter
Igor Terent'ev (1892-1937), der von 1932 bis 1933 am Belomorkanal
arbeitete in der genannten Zeitschrift ein Gedicht, welches
er " Armija rabot" nannte.
Doch zu
literarischen Verarbeitungen des Themas werde ich später
im Hauptteil meiner Arbeit zurückkommen.
2.3.
Die Umstände des Baus
Die Ausrüstung,
welche die Ingenieure an Ort und Stelle vorfanden, war mehr
als dürftig. Noch dürftiger waren allerdings die
Mittel, die den anderen an den Kanal verbrachten Gefangenen
für den direkten Bau des Kanals zur Verfügung standen.
Wie wir an verschiedenen Stellen in der Literatur über
den Belomorkanal finden können, war befohlen worden für
den Bau lediglich dort vorhandene Materialien wie Holz, Granit,
Torf u.ä. zu verwenden und auch bei den Bauwerkzeugen
keine großen Investitionen aufzubringen. Die Devise
lautete, während der gesamten Zeit des Baus schnell und
billig zu arbeiten. Was dem normalen Menschenverstand und
auch den meisten Ingenieuren als eine unmöglich in so
kurzer Zeit zu erreichende Leistung erschien, wurde unter
ständigem Druck erreicht und avancierte zur Heldentat
des neuen Industriezeitalters in Sowjetrußland. Und
so kommt es, das aus dem Mangel an Baumaschinen heraus, wenn
sie überhaupt vorhanden waren, die Gefangenen selbst
erfinderisch werden mussten. Das literarisch erste Werk, was
allein dieses Projekt zum Thema hat und welches ohne weiteres
als Lobgesang auf die Fünfjahrespläne, die Perekovka
und die OGPU gelten kann, ist der von Averbakh, Gorkij und
Firin herausgegebene Sammelband "Belomorsko-Baltijskij-Kanal
imeni Stalina-Istorija stroitelstva". Hier wird der Mangel
zur Tugend gemacht und der Erfindergeist der Gefangenen betont,
die es schaffen, z.B. einen Hubkran allein aus Holz und etwas
Metall zusammen zu basteln, um Baumaterial oder abgetragenen
Sand oder Kies aus den Tiefen des Kanals zu heben, und geradezu
impressionistisch werden die Kräne, die in den "feuchten
nördlichen Himmel" schauen beschrieben. Keine Spur
von "steinzeitlicher" Technologie wie sie spöttisch
bei Solschenizyn beschrieben wird, ganz im Gegenteil. Das
häufigste Transportmittel, welches anzutreffen ist, ist
die einrädrige Schubkarre. Primitive hölzerne Hebeschwengel
zum hebeln großer Gesteinsbrocken, schwere Eisenpickel
zum bearbeiten von Stein und Pferde als Lastentiere sind die
Ausgangsbedingungen, welche die Gefangenen vorfinden. Auffällig
war in diesem Zusammenhang auch, dass das BBK Buch immer wieder
die Verwendung von Beton hervorhebt (Betonpfähle, Betonrohre
u.a.). Wobei die spätere kritische Literatur über
den Kanalbau Beton als zur Verfügung stehendes Baumaterial
nicht vorrangig erwähnt, sondern vielmehr den Mangel
an derartigen Baustoffen, wie auch Metall, betont.
Betrachtet
man sich die geographischen und geologischen Gegebenheiten
im Gebiet des Kanalbaus, so grenzt es ohnehin an ein Wunder,
dass in der kurzen Zeit mit den geringen Mittel ein Kanal
entstehen konnte. Ein von vielen Flüssen, Seen und Sümpfen
durchzogenes Gebiet, welches sich abwechselt mit steinigen
Landschaften. Aber auch dieser Punkt wurde im BBK Buch zum
heldenhaft zu überwindenden Hindernis hochstilisiert.
Der Mensch sollte das Ringen mit der Natur gewinnen, ganz
und gar abgesehen von den Opfern, die dieser unheilvolle Kampf
letztendlich gekostet hat.
Die nördliche
Lage (keine 200 km vom Nordpolarkreis entfernt) brachte es
zudem mit sich, dass die Winter in diesem Gebiet lang waren,
und der in dieser Zeit an vielen Stellen hartgefrorene Boden
eine Bearbeitung noch zusätzlich erschwerte. Doch auch
in diesen ca. 6 harten Wintermonaten werden die Gefangenen
der Lager am Kanal völlig unzureichend gekleidet zur
Arbeit getrieben. Zu den Zuständen im Lager schreibt
Solschenizyn unter Verwendung eines Zitats des Häftlings
Dmitrij Witowski:
"Nach
Arbeitsschluss bleiben in der Baugrube die Leichen zurück.
Bald sind ihre Gesichter vom Schnee zugeweht. Einer verkroch
sich unter dem umgekippten Schubkarren, seine Hände stecken
wärmesuchend in den Ärmeln, so liegt er da, erfroren.
Ein anderer sitzt starr, den Kopf zwischen den Knien vergraben.
Dort sind zwei erfroren, sie lehnen mit dem Rücken aneinander.
Bauernburschen sind es, die zu arbeiten verstehen, wie man
sich's besser nicht wünschen kann. ... Im Sommer aber
findet man von den nicht rechtzeitig fortgeschafften Leichen
nur noch die Knochen. Die werden mit den Kieselsteinen in
den Betonmischer geschaufelt. Die letzte Schleuse vor der
Stadt ist aus einem solchen Gemisch gebaut; es bleiben die
Gebeine für alle Zeiten darin eingemauert."
Die Bauarbeiten
und vor allem die an die 4,5 Millionen Sprengungen, die in
den zwei Jahren durchgeführt wurden, kosteten vielen
unerfahrenen Arbeitern das Leben. Neben Hunger und Kälte
sind es deshalb auch derartige Unfälle, die die Opferzahlen
in die Höhe treiben. In dem bereits erwähnten Film
"Kanal imeni Stalina" wird ein ehemaliger Arbeiter
des Kanals interviewt. Er bestätigt, das oft 6 oder mehr
Mann einer Brigade bei diesen Sprengaktionen verschüttet
worden sind. Was mit den Leichen passierte bleibt offen. Die
Brigade allerdings, von der letztendlich ganze zwei Personen
übrig blieben, hatte nun rein rechnerisch ihr soll mit
180% erfüllt. Derartig verzerrte und geradezu grauenhafte
Positivstatistiken waren das, was die Außenwelt sehen
sollte und den Kurs der Regierung unter Stalin legitimieren.
Wenn
man sich die Leistung der Gefangenenarbeiter am Belomorkanal
jedoch genauer ansieht, so grenzt es schon an Wahnsinn und
mit dem Verstand nicht mehr zu begreifen, was dort in nur
20 Monaten geleistet worden ist. Ungefähr 120 000 Gefangene,
zum großen Teil ungelernte Arbeiter, erschaffen ein
Wasserweg von insgesamt 227 km Länge, von denen 37 km
buchstäblich "handgemacht" sind, von 5 Metern
Tiefe, versetzt mit 19 Schleusen (von denen 13 Doppelkammerschleusen
sind), mehr als 49 Dämmen und über 15 Dammbauten.
Der Kanal überbrückt einen Höhenunterschied
von 102 Metern vom Onegasee bis hinauf zum Wygsee; dies sind
die sogenannten Povenetser Stufen von der 3. bis zur 7. Schleuse.
Von dort fällt er bis zum Weißen Meer wieder ab.
(Zur weitern Veranschaulichung ist im Anhang auf S. 33 eine
zusätzliche Abbildung, entnommen einer Ausgabe des BBK
Buches von1934, zu finden.)
Das ganze
eine "danteske Szenerie" , ein Kampf um Sein oder
nicht Sein, gegen die Gewalten der Natur, gegen Kälte
und Hunger.
2.4.
Der Kanal und die Einwohner
Viele
der Einwohner Kareliens waren Nachfahren der im 17. Jh in
der Zeit des 'Raskol' hierher geflohenen Altgläubigen.
Der Kanalbau sollte einen bitteren Einschnitt für viele
von ihnen bedeuten. Dämme wurden errichtet, weite Gebiete,
Dörfer, Felder überflutet, mächtigen Wasserfällen
Einhalt geboten und Unmengen an Waldfläche kahlgefällt.
Zusätzlich trugen Sprengungen von Fels und Gestein mit
dazu bei, das Bild der gewohnten Landschaft auf ewig zu verändern.
Viele Menschen verloren ihre Häuser, zogen in andere
Dörfer. Friedhöfe wurden überflutet oder Sand
von Friedhöfen als Baumaterial genutzt. Der ganze östliche
Teil Kareliens war mit einem Mal von der Außenwelt abgeschnitten
und lag nun auf mehreren Inseln verteilt hilflos im Meer des
Fortschritts. Der Bitte der Bevölkerung, neue feste Landwege
zu bauen, wurde nicht stattgegeben. Zusammen mit den Dörfern
versinken ganze Klöster und mit ihnen Zeugnisse einer
alten Kultur; Ikonen, Bücher etc.. Die neue Zeit hatte
diese Menschen mit aller Macht eingeholt.
3.
M. Prischwins 'Osudareva doroga'
Das Aufeinandertreffen
von alter und neuer Zeit mit all seinen Folgen ist wohl am
eindrucksvollsten in Michael Prischwins (1873-1954) "Der
versunkene Weg" geschildert, einer der bislang letzten
literarischen Verarbeitungen des Belomorthemas. Der Titel
des Romans geht auf die Bemühungen Peters des Großen
zurück, der damit begann eine Verbindung zwischen dem
Onegasee und dem Weissen Meer zu schaffen, und sicherlich
war es auch Prischwins Absicht beide Ereignisse unter Peter
I. und unter Stalin in ihrer Gewaltigkeit und Gewalthaftigkeit,
deren Höhepunkt 1931-34 war, auf eine Amplitude zu legen.
Erschienen
ist sein Roman in der Sowjetunion erst 1957, d.h. nicht zu
Lebzeiten Prischwins und nach dem Tode Stalins. In seiner
Motivation liegt eine neue Ebene der Auseinandersetzung mit
der Thematik. Als Gegenpart zu allen pro-sowjetischen Beschäftigungen,
basierend auf der Ideologie des Stalinregimes, nimmt er hier
die Gelegenheit wahr, diese Episode der Sowjetgeschichte aus
einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Er erzählt,
wie die Menschen, Nachfahren der vor zweihundert Jahren hierher
geflohenen Altgläubigen, hier im Einklang mit der Natur
lebend, begleitet vom Rauschen des Wasserfalls und dankbar
für deren Reichtum, eines Tages in ihrer Ruhe gestört
werden. Der Bau des Belomorkanals der die Natur zu beugen
sucht, erweist sich bald als unheilvolles Verhängnis
auch für diese Menschen die zu spüren bekommen müssen,
dass die Natur sich nicht so einfach beugen lässt. Prischwin
lässt nicht, wie im BBK Buch der Fall, plakative Charaktere
als bloße Propagandaabbilder agieren, sondern er bringt
einen neuen, nicht von Ideologie getragenen Zug in seine Geschichte,
den des menschlichen Kampfes mit der Natur. Seine Menschen
versuchen sich nicht als Herren über die Natur, sondern
als deren Beobachter, die am Ende diejenigen sind die sie
wirklich beherrschen. In seinem Roman lässt er es zu,
das Dämme brechen, die Natur sich ihren Lauf zurückerobert,
eine Vorstellung, die im BBK Buch unmöglich wäre.
Prischwin entdeckt hinter der Fassade des Unternehmens Belomorkanal
eine Wahrheit, die keine Ideologie zu untergraben im Stande
ist, die Wahrheit der Natur. Allerdings geht Prischwin nicht
so weit auch die Wahrheit über die Häftlinge in
seinem Buch zu verarbeiten. Für ihn scheint vielmehr
wichtig, die Stärke der Bewohner, der sogenannten "alten
Welt" im Gegensatz zu den Schwächen der "neuen
Welt" hervorzuheben.
4.
"Der Bauer und der Stier"
Eine sehr
beliebte im BBK Buch gern verwandte Metapher, die jedoch leider
keine blieb, ist : Die alte Welt geht unter, die neue Zeit
erstrahlt herauf.
Schauen
wir uns in diesem Zusammenhang einen Text aus dem BBK Buch
näher an, der meiner Meinung nach auch eine ganze Menge
an Aussagekraft auch für das gesamte Buch in sich birgt.
Am Ende des sechsten Kapitels beginnt eine sehr kurze Episode
mit dem Titel "Der Bauer und der Stier" ("Muzhik
i vol"). Schon der Titel erinnert an eine Fabel.
Wobei
das Wort für Bauer hier sicherlich bewußt zusätzlich
noch eine negative Konnotation besitzt, die gleichzeitig Ungepflegtheit,
Rüpelhaftigkeit etc. impliziert. Eingeleitet wird die
Fabel durch einen Satz, der gleich die Moral oder den Sinn
dieser an den Anfang stellt: " So hat das hölzerne
Jahrhundert des Belomorkanalbaus das eiserne Zeitalter geboren.".
Dieser Gedanke durchdringt gewissermaßen den gesamten
Text. Das, worauf die Fabel, die dann wiederum im eigentlichen
Sinne mit "Byl na Ukrain'e ...!" ('Es war einmal
in der Ukraine...') im zweiten Abschnitt beginnt, hinaus will,
liegt somit schnell auf der Hand, gewinnt aber bei näherer
Betrachtung an Penetranz.
Was
steht an der Oberfläche?
Der Kulak
Balabukha, der sich mit der Waffe in der Hand gegen die Kollektivierung
gewehrt und "agitiert" hat kommt letztendlich an
den Belomorkanal. Hier beginnt er, Karren zu bauen. Bald darauf
steigt er aber auf und wird Schlosser. Da Balabukha ein sogenannter
udarnik ist, also jemand, der besonders gute Arbeit leistet,
ist es ihm erlaubt, in seiner Freizeit das Lager zu verlassen.
Bei einem seiner Ausgänge kommt er an ein Feld, auf der
eine Herde Rinder weidet. Hier erkennt er seinen alten Stier
wieder und wird in seiner Erinnerung in seine alten Tage als
Bauer zurückversetzt. Weinend kehrt er zur Mechbasa (mekhanicheskaia
baza = Schlosserei) zurück, und bittet den Verantwortlichen
dort namens Rudenko, ihn doch in der Landwirtschaft arbeiten
zu lassen. Dieser jedoch fragt: "Das ganze Leben arbeitete
der Stier für den Bauern und der Bauer unterhielt den
Ochsen. Beide schufteten mit ungeölten Rädern, -
wofür brauchst du das, wenn du doch nun Schlosser bist?"
Balabucha tröstet sich letztendlich schnell mit einem
kurzen "Na gut..." ('Ladno...') mit dem Gedanken,
den Stier in seiner Freizeit zu besuchen. Die Geschichte endet
daraufhin mit dem Leitgedanken der Fabel.: "Und so endete
das hölzerne Zeitalter am Belomorkanalbau und das Metallzeitalter
brach an."
Was
steht dahinter?
Konsequenterweise
hätte Balabukha am Ende der Fabel auch einen anderen
Namen bekommen müssen, aber sicherlich wäre damit
die "schriftstellerische Tiefe" abhanden gekommen.
Betrachten wir uns diesen Namen genauer, so scheint uns schon
allein der Klang eine vom Autoren bewusst gewählte Abwertung
zu implizieren, ja eine geradezu rassistische Komponente zu
besitzen. Analysieren wir den Namen weiter, so können
wir eine Verbindung aus dem russischen Wort balagan, was soviel
heißt wie Bretterbude, und dem Onomatopoetikum bukh,
für 'bums!' oder 'krach!', ausmachen. Grob gesagt könnte
also der Name soviel wie "zusammenstürzende Bretterbude"
heißen. Betrachten wir uns Balabukhas Gegenpart im Text
Rudenko, so können wir auch hier eine diesbezüglich
sehr treffende Erkenntnis machen. Rudenko impliziert das russische
Wort ruda, was soviel heißt wie Erz. Das leitende Motiv
des Textes, erwähnt in dessen Anfangs- und Schlussatz,
- von Holz zu Metall/Eisen/Erz - finden wir somit auch in
den Namen wieder. Zudem ist es in einer anderen Kleinigkeit
wiederzufinden, denn Balabukha beginnt am Belomorkanal damit,
Karren aus Holz (!) zu bauen und steigt später zum Schlosser
auf, ein Beruf der mit Metall zu tun hat.
Parallel
dazu verläuft also auch das permanente Motiv der perekovka
vom Bauern über den Zimmermann zum Schlosser, der die
Sinnhaftigkeit seiner Tätigkeit erkennt! Warum, so fragt
Rodenko, solle er (Balabukha) sich mit "ungeölten
Rädern abquälen" (ungeölt als Metapher
für Rückständigkeit = Landwirtschaft), wenn
er doch nun Schlosser sei (in der Industrie läuft alles
wie geschmiert = Fortschritt). Ein anderer Name für Balabukha
wäre somit noch der Gipfel der gelungenen "Umschmiedung"
im schriftstellerischen Sinne gewesen.
Nimmt
man sich nun noch einmal die Definition der Fabel vor, so
kann man die einzelnen Charakteristika in diesem Text eindeutig
festmachen: Er ist kurz. Märchenhaft insofern, als dass
er fiktiv ist, z.B. in Bezug auf die Legitimität des
Strafvollzugs. Die Wirklichkeit sähe anders aus. In Wirklichkeit
wäre die Strafe strenger ausgefallen, offensichtlich
läßt sich das aber nicht gut verkaufen. So verkauft
man sich als gerecht: auf dem Belomorkanal plagen sich nur
die, die es verdient haben.
Ein komisches
Element kann man vielleicht darin finden, das Balbuckha, als
er weinend und von Gefühlen überwältigt von
seinem Stier zurückkehrt und sich schnell, mit einem
kurzen "Na gut,..." (Ladno,...') trösten
lässt. Die Fiktion in Bezug auf den Bau des Belomorkanals
direkt besteht in der Tatsache, dass so gut wie der gesamte
Kanal aus Holz bestand und Baustoffe wie Beton oder gar Metall
Mangelware waren. Somit grenzt es schon fast an Ironie den
Bau des Kanals als Übergangsphase und das Vorbild für
den Aufbruch in ein Metallzeitalter anzuführen.
5.
Das Buch "Belomorsko-Baltijskij-Kanal imeni Stalina"
Das größte
literarische Werk den Ostsee-Weißmeerkanal betreffend
ist das Buch "Belomorsko-Baltijskij-Kanal im. Stalina".
Es erschien
rechtzeitig zum XVII.Parteitag 1934, dem es auch gewidmet
ist, und zum 10. Todesjahr Lenins. M.Gorkii, L. Averbakh und
S. Firin (stellvertretender Chef des GULag) geben sich als
Redakteure des Buches aus, wobei Firin in der Liste der Autoren
nicht zu finden ist. Es umfasst mehr als 600 Seiten, unterteilt
in 15 Kapitel, welche in sich wiederum in einzelne kleinere
Episoden aufgegliedert sind. Die Kapitel haben Titel wie z.B.:
" Das Land und seine Feinde" (Strana i ego vragi),
"Die Wahrheit des Sozialismus" (Pravda sotsialisma)
oder "Den Klassenfeind schlagen" ( Dobit' klassovogo
vraga).
Wie
ist das Buch zustande gekommen?
Nach Absprache
mit der OGPU organisiert Gorkii für den 17. August 1933
eine Exkursion zum Weißmeerkanal. Es ist anzunehmen
das die Initiative zu diesem Buches auf einen Befehl Stalins
zurückgeht. Die Welt sollte ein Zeugnis von der Großartigkeit
des sowjetischen Umschmiedungssystems (perekovka) erhalten.
Die Exkursion dauert 6 Tage und nicht weniger als 120 Schriftsteller
und Künstler aus allen Teilen der SU nehmen teil.
Gorkij
selbst nimmt an dieser Exkursion nicht teil. Er hatte bereits
1929 dem Lager auf den Solowetskischen Inseln einen Besuch
abgestattet, dem Lager, von dem aus sich kurze Zeit später
ein ganzes Geflecht an "Umerziehungslagern" über
das Land breiten sollte. Hätte er sehen und verstehen
wollen, als ihm der Junge im Kinderlager die Wahrheit über
die potemkinschen Dörfer erzählte , so wäre
er nicht so weit gegangen ein derartiges Loblied auf die Ideologie
des stalinschen Regimes mitzuverfassen. Aber ist diese Verknüpfung
aus damaliger Sicht nicht zu einfach?
Sehen
wir uns die Liste der an dem Buch beteiligten Autoren an,
so fällt auf, dass viele zur damaligen Zeit renommierte
Namen unter ihnen sind, wie z.B. Viktor Shklovskij, Boris
Pilnjak, Michael Zoshchenko, Valentin Kataev, Alexeij Tolstoi,
Vsevolod Ivanov oder eben Maksim Gorkij.
Von den
120 Teilnehmern an der Exkursion, waren es letztendlich 36,
die sich am Verfassen des Buches beteiligten. Genauso wie
der Kanal selbst entstand auch das Buch Rekordzeit, innerhalb
eines halben Jahres. Es ist Teil einer von Gorkij herausgegebenen
Reihe "Geschichte der Fabriken und Betriebe" ('Istorija
fabrik i zavodov') , deren Bücher alle kollektiv verfasst
wurden. Unter ihnen z.B. ein Buch über das Stalingrader
Traktorenwerk, oder die Moskauer Metro. Die Funktion dieser
Reihe sollte laut Gorkij sein, die Sowjetschriftsteller an
dem Aufbau des Landes zu beteiligen, indem sie als Dokumentatoren
der Zeit dienten. Gorkij legte es gewissermaßen darauf
an, den Schriftsteller zum Historiker werden zu lassen. Er
wollte eine Geschichtsschreibung für die neue proletarische
Klasse kreieren.
Das über
600 Seiten umfassende Buch über den Belomorkanal scheint
in seiner Mächtigkeit noch einmal dem von ihm Beschriebenen
nachzueifern. In ganz unterschiedlicher Art und Weise wird
hier die ganze Bandbreite an Einblicken in das Gebilde Belomorkanal
geliefert. Doch eines verbindet alle Prosaformen, ob Biographie,
Erzählung, Fabel o.a., die allgemeine Glorifizierung
der Perekovka, des Kollektivs und der Großartigkeit
des gesamten Unternehmens Belomorkanal.
5.1.
Die Autoren und die Frage der Schuld
Was hat
die Autoren aber bewogen, sich an einem literarischen Werk
zu beteiligen, welches derartig offenkundig ein Unternehmen
preist, dessen unmenschliche, gerade zu menschenverachtende
Art und Weise, Hunderten und Tausenden von Menschen das Leben
gekostet oder den Verstand geraubt hat? War es nur naive Unwissenheit,
Blendung oder Selbstbetrug?
Schauen
wir uns die Situation der Schriftsteller, Künstler und
Intellektuellen in den 30er Jahren an, so wird klar, dass
alles andere als künstlerische Freiheit existierte. Gerade
auch den Bereich der Kunst und Literatur suchte Stalin unter
seinen Scheffel zu stellen. Mit der Entscheidung des Zentralkommites
der Kommunistischen Partei vom 23. April 1932, alle Künstlervereinigungen
aufzulösen und den gesamten Bereich der sowjetischen
Kulturarbeit der Parteiführung zu unterwerfen, stand
eine neue Zeit, ein neues Verständnis von dem, was Kunst
zu sein hat bevor. Viele Avantgarde Künstler der 20er
Jahre sahen gerade mit diesem Beschluss, wie bereits nach
der Oktoberrevolution, eine weitere Chance, das gesellschaftliche
Leben einem künstlerischen Gesamtplan zu unterstellen,
indem man glaubte, zusammen mit der politischen Macht eine
Welt als Ganzes schaffen zu können. Die "Einheit
des politisch-ästhetischen Projekts" war für
sie von zentraler Bedeutung. In welche Verstrickungen viele
von ihnen schon bald geraten würden, war ihnen nicht
bewusst, die "Ästhetik" wurde lediglich missbraucht
für eine Ideologie, welche mit Gewalt und Härte
jedem künstlerischen Empfinden zuwider laufen musste.
Aber tat es das auch wirklich?
Den Autoren
des Buches schien sich die Frage gar nicht zu stellen oder
vielmehr kehrten sie die Tatsache, dass Tausende von Menschen
unter unmenschlichen Bedingungen, übermenschliche Dinge
verrichten mussten, in die andere Richtung um, in dem sie
die Heldenhaftigkeit des Unternehmens rühmten und eine
geradezu ästhetisch reine Geschichte ablieferten. So
wie das gesamte Unternehmen des Baus des Kanals unter der
Aufsicht und Verantwortung der OGPU stand, so galt diese Tatsache
auch für das Buch, was schon allein die Tatsache belegt,
dass Firin als einer der drei Herausgeber des Buches erwähnt
wird.
Waren
die Autoren also auch quasi Gefangene des Systems, die aus
Überlebenswillen und Existenzgründen ihre Aufgabe
erfüllten?
Sicherlich
wäre diese Begründung zu einfach. Wir haben es hier
mit 36 verschiedenen Personen zu tun, die nicht alle dieselben
Beweggründe haben konnten, sich an diesem Buch zu beteiligen.
Was die Zusammenstellung der Autoren angeht, so scheint Gorkij
eine gewisse Oberhoheit über die Auswahl besessen zu
haben. Solschenizyns geradezu bitterer Zynismus, der die Autoren
das Buches sämtlich verurteilt, ist mehr als verständlich.
Jedoch bin ich der Ansicht das es genauso 36 verschiedene
Grade der Schuldhaftigkeit gab. In wie weit hat sich zum Beispiel
Rodchenko schuldig gemacht, indem er die Fotos für das
Buch anfertigte? Ist vielleicht die Schuld Rodchenkos dadurch
geringer, dass er versuchte, den "Ort des Belomorkanalbaus"
in all seinen Facetten zu erfassen? Jedoch Leichen hat er
nicht fotografiert, hätte er das tun sollen oder hat
er es vielleicht sogar getan, aber wir wissen nichts davon?
Vieles, was wir aus heutiger Sicht diesbezüglich herauszufinden
oder zu verstehen suchen läuft letztendlich doch auf
Spekulation hinaus. Was es bedeuten konnte in einer Diktatur,
die das Sowjetsystem unter Stalin ohne Zweifel war, sich der
allgemeinen Linie zu entziehen oder gar in Opposition zu gehen,
wissen wir heute, umso mehr als sich diese Erfahrung gewissermaßen
später, wenn auch sicherlich in weniger existenzbedrohlicher
Form, auf den gesamten sogenannten Ostblock übertrug.
In einem
Gedicht von S. Jesenin aus dem Jahre 1924, tut er bereits
die Bitterkeit kund, als er sehen muß, dass nun "ein
neues Licht anderer Generationen bei den Hütten"
brennt, "andere Lieder singt jetzt die Jugend.".
Er schreibt weiter:
"...Ich
nehme alles an./ So wie es ist - ich nehm es./ Ich geh sogar
den ausgetretnen Weg./ Dem Mai und dem Oktober geb ich meine
Seele - / nur meine Dichtkunst gebe ich nicht weg.// Ich geb
sie nicht in fremde Hände./..."
Seine
Trauer und Verzweiflung wird in den späteren Gedichten
"Rus ukhodjashaia" ('Die vergehende Rus'') und "Rus
besprijutnaja" ('Die obdachlose Rus'') noch gesteigert.
Bereits
1924 war sich Jesenin also bewusst, dass er nicht mehr so
Dichter sein konnte wie bisher, hat sich aber dagegen gewehrt,
sich in seiner Freiheit beschneiden zulassen. Wie weit sein
Selbstmord ein Jahr später mit diesem Kampf zu tun hatte,
bleibt offen.
Was hätte
es für Schriftsteller 10 Jahre später bedeutet,
wenn sie sich der allgemeinen Doktrin entzogen hätten?
Berufsverbot, Haft?
Die Frage
ist jedoch, wieweit musste die Anpassung gehen, um Überleben
zu können. Wirklich soweit ein Propagandawerk dieses
Umfanges zu verfassen? Hatten Gorkij, Tolstoi, Zoshchenko,
Ivanov und andere damals bereits anerkannte Sowjetschriftsteller
das nötig?
Neben
Gorkij, ist es Zoshchenko, der als einzelner ein Kapitel im
BBK Buch geschrieben hat und also konkret zuordenbar ist.
In "Istorija odnoj perekovki", portraitiert er den
Dieb und Schwindler Abraham Rottenburg und seine "Umerziehung"
zum neuen Sowjetmenschen am Belomorkanal. Zoshchenko vermeidet
jedoch direkte Kommentare zum Prozess der Perekovka oder zum
Bau des Kanals, indem er Rottenburg seine eigene Geschichte
erzählen lässt. Folgen wir der Argumentation von
C.A. Ruders, so glaubte Zoshchenko an die Umerziehung durch
Arbeit. Sie zitiert hier unter anderem auch A. Starkov, der
der Meinung ist, das Zoshchenko das, was er 1933 geschrieben
hat, 1937 nicht mehr geschrieben hätte, als "unübersehbar"
wurde, das der Großteil der Gefangenen unschuldige Menschen
waren. Nach dem Krieg bekam Zoshchenko ebenfalls das System
zu spüren, indem er offiziell aus der Union der Sowjetschriftsteller
ausgeschlossen wurde.
War es
aber wirklich so, wie Starkov argumentiert, dass viele nicht
wussten, wer die Häftlinge waren? Ist vielleicht die
wichtigere Frage nicht die nach dem Glauben an die Perekovka,
sondern dem Glauben an die Legitimität der Gefangenen
und somit an die Gerechtigkeit des Systems?
Aber es
ist schwer vorstellbar, das die Autoren nicht wussten, unter
welchen Umständen man damals ins Lager kommen konnte,
zumal ein Mitglied des Autorenkollektivs S. Alymov, gerade
erst aus dem Lager am Belomorkanal auf Initiative der Exkursionsteilnehmer
entlassen worden war, nachdem er zuvor bereits einige Zeit
auf Solowki verbracht hatte. Man hatte ihn des Verrats bezichtigt,
weil er die Oktoberrevolution nicht in Russland, sondern in
China verbracht habe. Schaut man sich die Geschichte Alymovs
an, so grenzt es schon fast an Wahnsinn sie verstehen zu wollen.
Bereits im Lager war er der Herausgeber der Zeitschrift "Perekovka"
und schrieb einige Gedichte, Lieder, Stücke und Artikel
über den Belomorkanal. Nach seiner Freilassung avancierte
er außerdem zum beliebtesten Liedermacher der Sowjetunion
und seine Unterstützung für das Sowjetsystem blieb
ungebrochen. Kann ein Mensch sich soviel Fassade anlegen um
vielleicht schreckliche Erfahrungen im Lager, nicht wieder
zu erleben, einer erneuten Haft zu entgehen?
Gorkij
war erst vor kurzem wieder nach Rußland zurückgekehrt.
er hatte also eine Vorstellung davon, was die westliche Welt
hieß. Hat er also die meiste Schuld auf sich geladen,
in dem er, wie er übrigens selbst zugab, trotzdem er
alles hätte durchschauen können, schwieg und nicht
nur das, sondern vielmehr die Sowjetideologie enthusiastisch
vertrat und propagierte?
Für
die 120 Exkursionisten wurden alle möglichen Verblendungsgeschütze
aufgefahren. In dieser Zeit des landesweiten Hungers, als
Folge vor allem der Zwangskollektivierung, wurden die Reisenden
fürstlich versorgt. Die zuvor unter Leitung Firins für
den Besuch der Schriftsteller auserkorenen Stellen des Lagers
wurden herausgeputzt: Blumenbeete wurden angelegt, die Krankenbaracke
erstrahlte in frischem Weiß, das Häftlingsessen
war sicherlich zu dieser Zeit ebenfalls reichhaltiger als
sonst und die vorgeführten Häftlinge sorgsam ausgewählt.
Summa summarum wurde alles Erdenkliche getan, um einen positiven
Eindruck in den Köpfen und Mägen der Reisenden zu
hinterlassen. Firin hatte zudem bereits vor der Reise heftig
die Werbetrommel gerührt und Neugier bei vielen der Schriftsteller
geweckt. Wie weit die Fassade von jedem einzelnen durchschaut
wurde bleibt im Detail leider offen, jedoch gab es genug,
die sich der Beteiligung an dem Buch entzogen.
Viele
wurden aber auch nicht dazu zugelassen, wie zum Beispiel der
bereits erwähnte Prischwin. Wahrscheinlich war man sich
der persönlichen Verbundenheit Prischwins zum Gebiet
Kareliens bewusst und konnte von ihm keine "politische
Korrektheit" erwarten. Im Gegensatz dazu bot man M. Bulgakov
an, an der Exkursion teilzunehmen, er lehnte jedoch ab. Bulgakov
hatte schon so oft mit seinem Schriftsteller- und Dramaturgendasein
abgeschlossen, dass er diesen Schritt nun nicht mehr wagen
wollte. Außerdem war er Anfang 1933 willens, die Schriftstellerei
aufzugeben und Schauspieler zu werden. Das ewige Hin und Her
zwischen Genehmigung und Nichtgenehmigung seiner Stücke
fraß ihn auf. Im selben Jahr wurden außerdem einige
seiner Freunde verhaftet.
Selbst
wenn es nach der Auflösung der RAPP (Russische Assoziation
Proletarischer Schriftsteller) 1932 so schien, als würde
eine Liberalisierung in der Kunst beginnen, so war letztendlich
doch das Gegenteil der Fall. Die neue Linie, maßgeblich
von Gorkij formuliert, die offiziell auf dem Allunions-Schriftstellerkongress
im Spätsommer 1934 verkündet wurde, hieß nun
"Sozialistischer Realismus" (Soz-Realismus) und
war doch im Prinzip nichts anderes als die RAPP permanent
propagierte, die Erziehung zum Sowjetkommunismus.
Das BBK
Buch kann im Grunde genommen als das Grundlagen- oder Vorbildwerk
für die nun vorherrschende Doktrin der Sowjetliteratur
gelten. Schauen wir uns das offizielle Dogma des Soz-Realismus
an, so sind alle Elemente in diesem Band sorgfältig abgearbeitet,
ja sogar potenziert worden:
"
Sozialistischer Realismus, die grundlegende Methode sowjetischer
Literatur und Literaturkritik, verlangt vom Künstler
eine wahrhafte, historisch konkrete Wiedergabe der Realität
in ihrer revolutionären Entwicklung. Außerdem ist
die Wahrheit und die historische Vollständigkeit künstlerischer
Wiedergabe mit der Aufgabe verbunden, den arbeitenden Menschen
im Geist des Sozialismus ideologisch umzuformen und zu erziehen."
Mit diesem
Zitat ist der Geist der Zeit und das, was er für die
Literatur zu bedeuten hatte treffend zusammengefasst. Die
Literatur sollte Realitätsbilder zeichnen, die die Realität
aber vielmehr idealisierten, als die Wirklichkeit wiedergaben.
Der zweiten Aufgabe, den Menschen im Geist des Sozialismus
ideologisch umzuerziehen, scheint das BBK Buch sich ebenfalls
vollkommen verschrieben zu haben. Das Buch diente im Prinzip
als Schlüsseltext für diese Zeit. Es gab den Initialstoß
für einen "neuen Schriftstellertypus", die
Auflösung des einzelnen im Autorenkollektiv, und eine
"neue Art des literarischen Werks", Kollektivarbeit
unter der Maxime des Sozialistischen Realismus.
Ist also
das Buch doch nicht mehr als eine Hommage an Stalin und das
große Werk des Kommunismus?
Sicherlich
ist es so. Das Buch will eine Zeit und ein Unternehmen rechtfertigen,
bei dem so viele Tausende gelitten haben. Es hält die
Zwangsarbeit hoch und feiert sie zudem scheinheilig als die
Methode bessere Menschen zu formen. Es vernachlässigt
vollkommen die Toten, die Kranken, die zerrissen Leben, die
verkümmerten Seelen und die Menschen, die auch nach ihrer
Entlassung ewig gebrandmarkt kaum in der Gesellschaft wieder
Fuß fassen konnten.
Die Perekovka
wird zum alles überschreibenden Prinzip. Geboren aus
dem Marxschen Materialismus, wird sie nun zum Selbstzweck
Stalins. Dieser begreift den Menschen als ein aktives schöpferisches
Element, das zwar ein Naturwesen ist, sich jedoch über
die Natur erheben und sie beherrschen kann, um seine Zwecke
zu verwirklichen und dadurch frei zu werden. Diese doppelte
Natur des Mensch (Naturwesen/Naturbeherrscher) zeige sich
in der Arbeit. Ein weiterer sehr entscheidender Gedanke dieser
Theorie ist: Durch Arbeit schafft der Mensch Geschichte. Geschichte
schaffen das wollte auch Stalin.
Die Arbeit
am Belomorkanal sollte den Menschen eine neue kommunistische
Seele einhauchen. Unter dem Nimbus der Umerziehung, schuf
Stalin sich sein Werk.
Sicherlich
lag den Autoren des BBK Buches der Gedanke ebenfalls nicht
fern, Geschichte zu schaffen. Ganz im Sinne des Soz-Realismus
verfolgten sie die Absicht, nicht nur ein literarisches Werk
zu verfassen, sondern gleichzeitig eine Geschichtschronik.
Schon allein im Titel nehmen sie für sich in Anspruch
Geschichtsschreibung betrieben zu haben. Es sollten die Chronik
des Belomorkanalbaus sein, in der real existierende Personen
von Stalin über Jagoda, Berman, Frenkel bis zum einzelnen
Gefangenen, authentisch wiedergegeben wurden. Arbeitsvorgänge,
Gespräche, Umgebungs-beschreibungen scheinen journalistisch
genau recherchiert und aufgezeichnet. Auf jeden Fall ist zu
bemerken, das die Autoren tiefer in die Sphären des Kanalbaus
einzudringen suchten, als es einer schlichten Schilderung
bedarf. Das ganze wurde dann allerdings noch allzu kräftig
mit Propaganda gewürzt, dass es schwer wird das Lesen
durchzuhalten.
Trotz
aller detaillierten Beschreibung des Bauablaufes, beziehen
sich die Autoren nie direkt darauf, was es wirklich heißt
unter derartigen Klimaverhältnissen kaum mit Hilfsmitteln,
geschweige denn Maschinen versehen einen über 30 km langen
Kanal geradezu aus dem Boden zu stemmen. Auch das wird Teil
der Propaganda. Hier werden stalinsche Arbeitshelden geschaffen,
die sich im Wettbewerb beweisen, die "Stossgruppen"
bilden und ganz in militärischer Manier zum (Arbeits)Sturm
antreten. Die "Kanalarmee" ist stets bereit und
hart, ja geradezu stählern. Der Held entspricht der charakteristischen
Eisen- und Stahlsymbolik der Zeit, die besonders in der Metaphorik
der 30er Jahre erblüht. Der stählerne Wille des
Führers mit demselben Namen ist allgegenwärtig.
"Das Ideal des mechanisierten und metallisierten menschlichen
Körpers" , der die Natur zu bezwingen vermag, wird
am Belomorkanal allzu wörtlich genommen und hochgehalten.
Vielleicht dachte man gerade aus diesem Ideal heraus, an metallenen
Gerätschaften und Maschinen sparen zu können. Da
sich diese Tatsache auch auf die eigentlichen Baumaterialien
bezog, es Mangel an "harten" Baustoffen wie Beton
und Metall gab, ist aber eher anzunehmen, dass es rein finanzielle
Gründe hatte und man sich das Ideal zunutze machte .
Die großen Helden blieben jedoch die alles Überblickenden
großen " Tschekisten", wie sie im Buch genannt
werden, die Erzieher, die Gruppe um Jagoda, Berman, Kogan,
Rappaport und natürlich auch Stalin.
Was
ist also dran an dem BBK Buch als Geschichtschronik?
Wohl recht
wenig, denn selbst wenn die o.g. (S.16) Fundamente des Soz-Realismus
unter anderem auf Wahrheit und wahrhafte Wiedergabe der Realität
verweisen, so steht der letzte Teil der Definition, die Propaganda,
immer noch an erster Stelle.
Allein
die Propaganda ist es nämlich, welche die "Stimmigkeit
einer fiktiven Welt" schafft, in der Lüge und Realität
sich vermischen. In allen Bereichen der Stalinschen Gesellschaft
verschwimmen die Grenzen zwischen "Fiktion und Faktum,
Theater und politischem Ereignis, Literatur und Wirklichkeitsbegriff".
Die Wirklichkeit
wird verdeckt von einem Meer an Plakaten, Spruchbändern,
Bildern und auch Büchern, die eine Ideologie preisen,
deren fiktives Element viele bald nicht mehr erkennen können,
die der Welt ein "neues Leben" in einer "neuen
Kultur" vorgaukeln. Der aufgehende Sozialistische Realismus
verdeckt den Gegensatz zwischen Ideal und Wirklichkeit. Er
lässt in der Literatur die einzelnen Genres verschwinden
und schleicht sich in Gedichte, Fabeln, Märchen etc..
Die Übersetzung
des Buches erscheint ein Jahr nach der russischen Ausgabe
sowohl in Amerika, als auch in Großbritanien. Beide
Ausgaben verwenden die in Moskau angefertigte Übersetzung
der britischen Sozialistin Amabel Williams-Ellis (geb. 1894),
der nicht daran gelegen war Kritik daran zu üben, sondern
dem westlichen Publikum den offiziellen sowjetischen Standpunkt
näher zu bringen.
Biographien,
genaue Schilderungen von Bauabläufen, Handlungsräumen
und Orten, Karikaturen und Fotos tragen allesamt dazu bei,
das Buch authentisch wirken zu lassen. Die Fotos die in diesem
Band enthalten sind decken in ihrer Aussagekraft das ganze
Spektrum des Geschehens am Kanal ab und können ohne weiteres
dazu beitragen, dass der Leser kein rechts oder links davon
in Erwägung zieht. Der Text tut dazu sein Übriges.
Der Fotograf
Alexander Rodchenko war beruflich vom Staatlichen Verlag für
Bildende Kunst "Isogis", bei dem er seit 1932 angestellt
war, im Februar 1933 an den Belomorkanal beordert worden,
um für eine Spezialausgabe der Zeitschrift "SSSR
na stroike" ('Die SSSR auf der Baustelle') über
den Belomorkanalbau Material zu sammeln. Viele seiner Kollegen
waren bereits auf anderen Großbaustellen tätig,
wie z.B. in Magnitogorsk. In den Zeitungen standen in diesen
Jahre die Großbaustellen des Sozialismus und die Fünfjahrespläne
an erster Stelle, die Presse war voll von Geschichten, welche
die Perekovka priesen. Rodchenko hielt die Reise an den Belomorkanal
damals für eine ehrliche und nützliche Arbeit. Wie
und ob Rodchenkos Einstellung sich im Laufe seines Aufenthaltes,
der immerhin mehrere Wochen dauerte und etwa viertausend Fotografien
hervorbrachte, änderte, konnte ich leider anhand der
mir zur Verfügung stehenden Literatur nicht im einzelnen
nachvollziehen. Das, was er fotografierte blieb allerdings
nicht auf die Baustelle beschränkt, sondern umfasste
auch die Natur und das Leben im Lager, die Baracken und anderen
Einrichtungen. Die wohl bekannteste Fotografie aus dieser
Serie ist die des Blasorchesters auf einer Schleuse, an deren
Grund die Gefangenen arbeiten.
Nehmen
wir alles zusammen, so kommen wir leicht zu dem Schluss, dass
das BBK Buch wohl vielmehr ein Buch ist welches Geschichten
erzählt aber keine Geschichte. Geschichten, wie die Fabel
"Der Bauer und der Stier", welche ich bereits beschrieben
habe und die meiner Ansicht nach auch im Hinblick auf die
letzten Ausführungen als Verkörperung des grundlegenden
Gedankenstrangs des gesamten Buches gelten kann.
Das erste
Kapitel "Die Wahrheit des Kommunismus", von Gorkij
verfasst, setzt die Maßstäbe, nach denen sich alle
folgenden Kapitel richten. Nicht ein durchgehender Handlungsstrang
bestimmt das Buch, es könnte auch in einer ganz anderen
Reihenfolge gelesen werden ohne den eigentlichen Sinn zu verlieren.
Vielmehr sind es die Motive, welche die einzelnen Kapitel
verbindet. Diese Motive ergeben sich aus Dichotomien und auf
denen die stalinsche Sowjetkultur fußt. Der Kanal dient
als Motor oder Katalysator die Entwicklung der Gefangenen
von 'Böse' nach 'Gut', die durch entsprechende Synonyme
ersetzbar sind, anzutreiben und zu beschleunigen. G. Carleton
stellt in seinem Aufsatz diese Synonyme zusammen mit dem jeweiligen
Gegenpol tabellarisch dar:
| Synonyme
für 'Böse' |
Synonyme
für 'Gut' |
| Kapitalismus/Anarchie |
Sozialismus |
| Kriminelle |
Menschen |
| Chaos |
Ordnung |
| Natur |
Industrie |
| Vergangenheit |
Zukunft |
| Ignoranz |
Wissen |
| physische
und soziale Krankheit |
Gesundheit |
| Degeneration |
Fortschritt |
| Verschwendung |
Produktion |
Natürlich
ist das, was wir auf der rechten Seite finden die stalinsche
Sowjetideologie. Der Mensch ist der mythenhafte "neue
Mensch". Ordnung existierte in der Realität wohl
kaum. Vielmehr lag die Stärke des Typus der stalinschen
Industrialisierung in der "totalen Improvisation".
Man konnte es sich auch gar nicht leisten große Pläne
auszuarbeiten, wenn man in kurzer Zeit Jahrzehnte der Rückständigkeit
gegenüber dem Westen aufholen wollte. Das Wissen spielt
auf die Alphabetisierungskampagne an, die ein wichtiges Motiv
für die Legitimierung der "Umerziehungslager"
war.
Das Problem
der Zeit, im Sinne von Tempo, ist ein weiteres wichtiges Leitmotiv
des Buches. Abgesehen davon das sich ein ganzes Kapitel "Tempo
und Qualität" ('Temp i kachestvo') nennt, treffen
wir es in allen möglichen Formen wieder, etwa in dem
Ausruf "Skoreij, Skorej..." ('Wird's bald...' )
oder "Kanal ne zhdet..." (Der Kanal wartet
nicht...'). Davon abgesehen ist die Vorgabe, den Kanal in
20 Monaten zu vollenden schon allein Beweis genug für
die Stimmung dieser Zeit. Doch mit der Industrialisierung,
den Fünfjahresplänen und den Großbauten wollte
man nicht nur aufholen, sondern zusätzlich etwas Neues,
Beispielhaftes schaffen., den Kommunismus, den "neuen
Menschen", die "neue Gesellschaft". Die beiden
Fünfjahrespläne hätten für hundert gereicht.
Hätte man dies früher begriffen, bräuchte Rußland
aus wirtschaftlicher Sicht jetzt nicht mehr als zwei mal fünf
Jahre um sich wieder aus dem Morast zu graben, in dem es schon
fast untergegangen war.
Am Ende
war auch der Belomorkanal eine Fehlplanung im Hinblick auf
seinen ursprünglich erwogenen Zweck als strategischer
Weg für die Kriegsflotte. Und so hielt sich auch Stalins
Begeisterung in Grenzen, als er im Juli 1933, einen Monat
vor der offiziellen Eröffnung, den Kanal bereits befuhr.
Stalin soll voller Unzufriedenheit den Kanal schlicht als
' flach und eng' bezeichnet haben. Stalins genaue Worte sollen
sogar gewesen sein, 'Ein sinnloses Unternehmen, ohne Sinn
für irgendjemand.'
Im zweiten
Weltkrieg wurde der Kanal beschädigt und bis 1946 repariert.
In den 50er Jahren begann man damit, den Kanal zu rekonstruieren
und Teile aus Holz durch Beton zu ersetzten. Die Bauarbeiten
diesbezüglich an der letzten Schleuse wurde erst im Sommer
2001 beendet. So waren es gut 70 Jahre, die der Bau am Belomorkanal
letztendlich gekostet hat. Auch heutzutage wird er nur wenig
befahren.
6.
N. Pogodins "Aristokraten"
Einer
der Teilnehmer an der Exkursion war der Dramatiker und Prawda-Journalist
Nikolai Pogodin (1900-1962). Anstatt an dem BBK Buch mitzuarbeiten,
war er gebeten worden, ein Filmdrehbuch oder ein Theaterstück
über den Belomorkanalbau zu verfassen. Bis dahin hatte
Pogodin bereits einige Stücke, die Produktionsstätten
der Fünfjahrespläne betreffend, geschrieben. Als
Sohn eines Bauern geboren, schloss er sich mit Ausbruch der
Revolution den Bolschewiki an und war seit 1922 Journalist
der Pravda. Seine erste Komödie von 1930 "Tempo"
('Temp') hat das Stalingrader Traktorenwerk zum Thema. Eine
weitere Komödie von 1934 "Nach dem Ball" ('Posle
bala') beschreibt das Leben auf dem Kolchos. Mit der Komödie
"Aristokraten" ('Aristokraty') nimmt er nun neben
Industrialisierung und Kollektivierung den nächsten bedeutenden
Bereich der offiziellen Propaganda dieser Zeit, den Belomorkanalbau,
als Großprojekt des Sozialismus und Ort der "Umerziehung",
auf. Daneben schreibt er auch das Drehbuch für den Film
"Die Häftlinge" ('Sakljuchennye'), der 1936
in dei Kinos kam.
Pogodins
Komödie wurde erstmals am Moskauer "Realistischen
Theater" 1934 aufgeführt. N.P. Ochlopkov, der Regisseur,
bezeichnet seine Inszenierung des Stücks als "karnevaleske"
Darbietung. Die Komödie war auf der Bühne und der
Leinwand Anfang der 30er Jahre ein beliebtes Genre, das durch
seinen Anspruch auf Wirklichkeitsnähe dem Publikum eine
heile, heitere Welt vorspielte. Zu einer weiteren Aufführung
im Moskauer Vachtangov-Theater am 24. Mai 1934 schreibt Elena
Bulgakova in ihrem Tagebuch, das Stück sei eine "Hymne
an die GPU". Firin und Jagoda sollen neben weiteren Mitgliedern
des Geheimdienstes ihrer Aussage nach auch anwesend gewesen
seien. Sicher ist es also eine Frage der Gruppenzugehörigkeit,
wie man das Stück damals aufgenommen hat, und wie wir
wissen ist Bulgakov eher ein Außenseiter unter den Schriftstellern
dieser Zeit gewesen. Allerdings fanden die "Aristokraten"
auch im Ausland erheblichen Beifall.
Schon
allein der Aufbau der Komödie hält mit dem Tempo
der Zeit mit. Das eigentlich relativ kurze Stück (in
der angegebenen Ausgabe 90 Seiten) ist in 4 Akte gegliedert,
die insgesamt 24 Episoden umfassen. Das Stück rast atemlos
von einer Szenerie in die nächste, dem Leser und vielmehr
dem Zuschauer bleibt keine Zeit zum Nachdenken. Was bleibt
sind die Effekte der Komödie, die dem Publikum die Harmlosigkeit,
ja geradezu Sorglosigkeit des Prozesses der Perekovka einfiltern.
Im großen und ganzen sind bei Pogodin die gleichen Personenkreise
vertreten, die erfolgreich "umerzogen" werden, wie
im BBK Buch auch. Erstens die Kleinkriminellen und Diebe,
eine Schlüsselszene hierzu ist die Episode, in der Sonja
eine frühere Diebin, die sich weigert zu arbeiten, in
einem langen Gespräch mit der Person, die bei Pogodin
mit 'Der Chef' bezeichnet wird, zur Einsicht gelangt. Die
zweite Personengruppe ist die der Ingenieure, bei Pogodin
vor allem vertreten durch den Ingenieur Sadowski. Die 'Tschekisten',
wie Pogodin ebenfalls die Vertreter der OGPU und Erzieher
nennt, bekommen in seinem Stück die Rolle des "fürsorglichen
Vaters" zugeschrieben.
7.
Zusammenfassung
Ende
der zwanziger Jahre, genauer gesagt mit dem in Kraft treten
des ersten Fünfjahresplanes, gerät die Sowjetunion
gewissermaßen aus den Fugen. Vorrausgehend hatte sich
das Land durch die von Stalin 1929 angeordnete Zwangskollektivierung
und die damit verbundene Kulakenverfolgung an die Grenze des
Ruins gewirtschaftet.
Die "große
Aufgabe", der sich das Land nun gegenüber sah, brauchte
natürlich auch Arbeitskräfte. Die Aufnahmekapazität
der Arbeitskolonien wurde erhöht. Neben dem Lager auf
den Solowetskischen Inseln entstehen unzählige neue Lager,
verstreut über das gesamte Gebiet der Sowjetunion. Der
1930 eingerichtete GULag sollte von nun an die sich immer
mehr im Land ausbreitenden Lager zentral verwalten. Die OGPU
wurde zum "Lieferanten" von Arbeitskräften
für die zukünftigen Großbauten des Sozialismus.
- Zwangsarbeit für die Fünfjahrespläne.
Die wohl
größte Ausnutzung dieses billigen Potentials, war
der Bau des Weißmeer-Ostsee-Kanals (Belomorkanals).
Hier wurden ausschließlich Häftlinge eingesetzt,
die in das extra dafür eingerichtete Lager BelBaltLag
verbracht wurden. Der Belomorkanal ist innerhalb von nur zwanzig
Monaten entstanden von November 1931 bis Juni 1933. Das Großprojekt
Belomorkanal sollte zum Aushängeschild der Sowjetmacht
unter Stalin sowohl nach innen, als auch nach außen
werden. Der Kanal sollte nicht allein Beweis für die
wirtschaftliche Fortschrittlichkeit des Sowjetsystems sein,
sondern zusätzlich die 1930 festgelegte Projektion der
Lager als Orte der "Umschmiedung" (perekovka) sozial
unverträglicher Personen bestärken.
Meine
Arbeit geht auf die Umstände des Baus ein, der mit billigsten
Mitteln in kürzester Zeit vollendet werden sollte. Was
bedeutete das für die Häftlinge? Was bedeutete der
Bau für die Einwohner des Gebietes in Karelien?
Das erste
literarische Werk, das allein dieses Projekt zum Thema hat
und welches ohne weiteres als Lobgesang auf die Fünfjahrespläne,
die Perekovka und die OGPU gelten kann ist der von Averbakh,
Gorkij und Firin herausgegebene, mehr als 600 Seiten umfassende
Sammelband "Belomorsko-Baltijskij-Kanal imeni Stalina-Istorija
stroitelstva".
Was die
Autoren, insgesamt 36 an der Zahl, bewogen hat, ein derart
gewaltiges Buch zu verfassen, und was das Buch für die
Zeit bedeutet, will diese Arbeit versuchen zu rekonstruieren
und zu hinterfragen.
Werke
von Pogodin und Prischwin gehen ebenfalls in diese Betrachtung
mit ein.
Literatur
- Carleton,
Greg: Genre in Socialist Realism. In: Slavic Review 4/1994
- Cervonnaja,
Svetlana: Geschichtswissenschaften Rußlands in den
1990er Jahren. In: Osteuropa 6/2001
- Chukhin,
Ivan: Kanaloarmeitsy, Petrozavodsk, 1990
- Clark,
Katerina: Little Heroes and Big Deeds. In: Cultural Revolution
in Russia, 1928-1931, ed. by Sheila Fitzpatrick, Indian
University Press Bloomington 1984
- Dallin,
D.J. und Nicolaevskij, B.I.: Arbeiter oder Ausgebautete-Das
System der Arbeitslager in Sowjetrußland. Die Neue
Zeitung (Hrsg.), München 1948
- Fitzpatrick,
Sheila: Cultural Revolution as Class War. In: Cultural Revolution
in Russia, 1928-1931, ed. by Sheila Fitzpatrick, Indian
University Press Bloomington 1984
- Fitzpatrick,
Sheila: Culture and Politics Under Stalin: A Reappraisel.
In: Slavic Review 2/1976
- Fitzpatrick,
Sheila: Everyday Stalinism-ordinary life in extraordinary
times: Soviet Russia in the 1930s, Oxford University Press
1999
- Fitzpatrick,
Sheila: Stalin and the Making of a New Elite, 1928-1939.
In: Slavic Review 3/1999
- Gorkij,M.,
Averbakh L., Firin S.: Belomorsko-Baltijskij-Kanal imeni
Stalina-Istorija stroitelstva, Moskau 1998
- Groys,
Boris : Gesamtkunstwerk Stalin, München/Wien 1988
- Günther,
Hans: Der sozialistische Übermensch: M. Gorkij und
der sowjetische Heldenmythos, Stuttgart/Weimar 1993
- Hildermeier,
Manfred: Stalinismus und Terror. In: Osteuropa 6/2000
- Klein,
Joachim: Belomorkanal - Literatur und Propaganda der Stalinzeit.
In: Zeitschrift für Slavische Philologie Band LV (1995/96)
- Koenen,
Gerd: Utopie der Säuberung - Was war der Kommunismus?,
Frankfurt am Main 2000
- Kuznetsov,
S.A.: Bol'shoi Tolkovyi Slovar' Russkogo Iazyka, Sankt-Peterburg
1998
- Lavrent'ev,
A.N.: Rodchenko: Rakursy, Moskva 1992
- Lewin,
Moshe: Society,State, and Ideology during the First Five-Year
Plan. In: Cultural Revolution in Russia, 1928-1931, ed.
by Sheila Fitzpatrick, Indian University Press Bloomington
1984
- Pogodin,
Nikolai: Aristokraten. In: Sowjetische Dramen, Berlin 1957
- Prischwin,
Michael: Der versunkene Weg ('Osudareva doroga'), Stuttgart
1961
- Rossi,
Jaques: Spravochnik po Gulagu v dvukh chast'ach", Moskva
1991
- Ruder,
Cynthia A.: Making History for Stalin - The Story of the
Belomor Canal, University Press of Florida 1998
- Schattenberg,
Susanne: Die Frage nach den Tätern. Zur Neukonzeptionalisierung
der Sowjetforschung am Beispiel von Ingenieuren der 20er
und 30er Jahre. In: Osteuropa 6/2000
- Schweikle,
G. u. I. (Hrsg.): Metzler Literaturlexikon. Begriffe und
Definitionen, Stuttgart 1990
- Slomin,
Marc: Die Sowjetliteratur. Eine Einführung, Stuttgart
1972
- Solschenizyn,
Alexander: Der Archipel Gulag II, Bern 1974
- Stökl,
Günther: Russische Geschichte, Stuttgart 1997
- Wehner,
Markus: Stalinistischer Terror. In: Aus Politik und Zeitgeschichte
06.09.1996 (B 37-38/96)
- Wolffheim,
Elsbeth: Michael Bulgakow, rororo Monographie1996
|